Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Teltow-Fläming Folge 60: Blaue Plakate
Lokales Teltow-Fläming Folge 60: Blaue Plakate
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:06 30.10.2018
Love, Love, Love: Hala macht ihre Eltern gerne Liebeserklärungen per Filzstift. Quelle: Foto: Oliver Fischer
Ludwigsfelde

Es gab diesen Moment, es ist gerade ein paar Tage her, da stand Rabiaa Ghomaira, Ehefrau von Mohammad Yassin, an einer Bushaltestelle in Ludwigsfelde und versuchte, eines dieser Plakate zu entziffern, die jetzt überall an den Laternen hängen. Es war ein blaues Plakat, ein Schwein war darauf abgebildet. Über dem Schwein stand: „Der Islam? Passt nicht in unsere Küche!“ Als Rabiaa den Sinn erfasst hatte, zupfte sie das Kopftuch zurecht, schaute sich etwas nervös um und zog die Schultern ein Stück höher. Ein paar Wochen vorher hatte sie jemand auf der Straße „Stück Scheiße“ genannt, erzählt Rabiaa. Es sei ein Mann auf einem Fahrrad gewesen, er habe viele Bierflaschen in seinem Korb gehabt. Damit könne man umgehen. Öffentlich zur unerwünschten Person erklärt zu werden, das sei etwas anderes.

Aber es stehen Wahlen bevor in Deutschland, Bundestagswahlen. Wenn Rabiaa durch Ludwigsfelde läuft, dann sieht sie überall Botschaften und lächelnde Politiker. Darunter sind solche wie Angela Merkel, die Rabiaa natürlich kennt, aber von den meisten anderen Parteienvertretern hat sie noch nie gehört. Grundsätzlich ist ihr das Bild nicht unvertraut. Wenn in Syrien Wahlen anstanden, gab es auch viele Plakate – aber abgebildet waren immer nur die Kandidaten der Nationalen Fortschrittsfront.

Syrien war da ein bisschen wie die DDR. Man musste wählen gehen, ob man wollte oder nicht. Die Wahlurne wurde zur Not auf der Arbeitsstelle vorbeigebracht. Mohammad hatte selbst auf seinen Schiffsreisen jenseits des Äquators unter Aufsicht des Kapitäns seine Kreuze zu machen, wobei der Ausgang der Wahl vorher feststand. Am Ende siegte die Einheitsfront unter Führung des Präsidenten stets mit 99 Prozent der Stimmen.

Dieses Einheitsparteiensystem war einer der Gründe, wegen denen sich Rabiaa vor sechs Jahren politisierte. Während der Revolution ging sie gegen Baschar al-Assad auf die Straße. Nach ihrer Flucht unterstützte sie aus der Türkei heraus die Opposition, selbst in Deutschland ist sie schon gegen Fremdenfeindlichkeit demonstrieren gegangen. Die Sprüche aber auf den Plakaten der Linken, der SPD oder der FDP sind für sie trotzdem Einerlei. Sie taugen in den Minuten zwischen zwei Bahnen oder Bussen als Leseübung, mehr nicht.

Nur die Plakate der AfD irritieren Rabiaa. Sie zeigen Frauen mit Burkas und thematisieren den Islam, sie propagieren ein reindeutsches Deutschland, in dem kein Platz sein soll für Muslime wie sie und ihre Familie. „Ich verstehe das nicht, ich verstehe diese Menschen nicht“, sagt Rabiaa, und nimmt einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette

Man müsse doch Unterschiede machen. Die strengen Muslime mit ihren schwarzen Roben, ja, das könne ein irritierender Anblick sein. „Ich mag das auch nicht“, sagt sie. Aber grundsätzlich sei Deutschland doch ein wohlhabendes Land, offen, demokratisch, ein Land, das nicht nur sich selbst genügen sollte, sondern auch anderen helfen kann. Es sei das Land, das mit seiner Stärke ganz Europa zusammenhält. „Wie kann man da den Euro und die EU abschaffen wollen? Und wie kann man sagen, der Islam gehört nicht zu Deutschland? Es gibt so viele Muslime hier, Türken, Araber. Wir sind einfach da.“

Tatsächlich sind die Yassins inzwischen nicht nur da. Sie sind anerkannte Flüchtlinge und haben das seit dieser Woche sogar schwarz auf Plastik. Rabiaa hat gerade die Ausweiskarten von der Ausländerbehörde in Luckenwalde abgeholt: fünf bläuliche Plastikteile mit ihren Fotos, ihren Namen und dem Bundesadler. Oben steht in fetten Buchstaben das Wort „Aufenthaltstitel“. Selbst die kleine Meis hat eine eigene Karte.

Die Karten sehen unscheinbar aus, aber sie machen die Yassins zu freien Menschen – und dieses Gefühl hatten sie seit sechs Jahren nicht mehr. Sie bedeuten nicht weniger als den Eintritt in die Welt der Möglichkeiten. Wer in Deutschland den Aufenthaltstitel vorzeigen kann, der kann auch selbst Wohnungen anmieten und sich um Arbeitsstellen bewerben. Der kann Kindergartenplätze beantragen und frei seine Sprachkurse wählen. Rabiee Yassin kann einem Fußballverein beitreten, die Familie könnte sogar quer durch Europa reisen und Urlaub machen. Dafür ist natürlich kein Geld da, aber es ginge. „Dieses Gefühl macht mich zufrieden“, sagt Rabiaa.

Sicherlich hätte das auch gerne etwas schneller gehen können. Es ist zwei Jahre her, dass sie in Bonn aus dem Zug ausstiegen und zum ersten Mal deutschen Boden betraten. Es gibt viele andere Syrer, die innerhalb von zwei Jahren nicht nur ihren Aufenthaltstitel bekommen und eine eigene Wohnung bezogen haben, sondern auch alle möglichen Deutschkurse absolviert, ein Studium angefangen oder eine Arbeit aufgenommen haben.

Die Bilanz der Yassins sieht dagegen noch immer etwas mau aus: Rabiaa und Mohammed kämpfen in ihren A2-Kursen mit der deutschen Grammatik, Jobs sind in weiter Ferne und an der Wohnungsfront ist auch noch nichts geklärt – was das Leben dann wieder etwas stressiger macht. Denn das Recht auf eine eigene Wohnung bedeutet letztlich auch, dass sie jetzt tatsächlich bald eine finden müssen.

Aber die Perspektive ist klarer denn je. Sie heißt Deutschland. Daran werden auch die blauen Plakate nichts ändern.

Von Oliver Fischer

Yassins - eine syrische Flüchtlingsfamilie MAZ-Serie: „In der neuen Heimat“ - Folge 59: Im Freibad

Für Hala und Rabiee sind die Sommerferien etwas eintönig. Tagein tagaus schauen sie in ihrer Wohnung Filme auf dem Handy oder spielen Fußball auf dem Innenhof des Wohnheims am Birkengrund. In der vierten Ferienwoche machen sie jedoch einen Ausflug ins Freibad

30.10.2018

Seit 17 Monaten ist die Zwei-Zimmer-Herberge im Ludwigsfelder Flüchtlingsheim Am Birkengrund das Zuhause der Yassins. Aber langsam wird es Zeit für eine eigene Wohnung.

30.10.2018

In dieser Woche sind Mohammed und Rabiha mit ihrem Anwalt Benjamin Düsberg zur Anhörung im BAMF nach Frankfurt/Oder gefahren. Zuerst wird Mohammed für etwa anderthalb Stunden angehört, danach erzählt Rabiha gut dreieinhalb Stunden von ihrer Flucht und der Zeit in der Türkei. In den kommenden Wochen werden die Yassins ihren Bescheid bekommen.

30.10.2018