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„Blümchentapete muss nichts Schlechtes sein“

MAZ-Serie: Das Fachgespräch „Blümchentapete muss nichts Schlechtes sein“

Tapete ran, weiße Farbe drauf, fertig. So sehen die meisten Aufträge für Mike Vespermann, Malermeister aus Rehagen, aus. Im MAZ-Fachgespräch erklärt der 42-Jährige, weshalb er es lieber farbig mag, wie viel Geld man in Wandfarbe investieren sollte und weshalb Raufastertapete nicht totzukriegen ist.

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Malermeister Mike Vespermann.

Quelle: Oliver Fischer

Rehagen. Mike Vespermann, 42, arbeitet seit 20 Jahren als Maler. Das Büro seiner Firma befindet sich in einer kleinen Hütte hinter Vespermanns Garten in Rehagen. Dort bittet er zum Gespräch. Die Wände sind weiß gestrichen.

Herr Vespermann, was haben Sie heute angestrichen?

Mike Vespermann: Ich habe Glasvlies geklebt, so etwas wie das hier (). Gestrichen wird morgen.

Welche Farbe?

Vespermann: Weiß.

Würden Sie sagen, dass Weiß die ideale Wandfarbe ist?

Vespermann: Zumindest ist es neu­tral, und es ist auch das, was die meisten Leute wollen: Tapete ran, weiße Farbe drauf.

Langweilt Sie das nicht?

Vespermann: (). In der Tat. Wir Maler werden oft aufs Anstreichen und Tapezieren reduziert. Dabei ist der Beruf so vielfältig. Wir können Böden verlegen, Trockenbauwände bauen. Schauen Sie mal (). So etwas können wir alles. Wir vergolden auch. Aber wer hat heute noch goldene Wetterhähne auf dem Dach?

Wohl niemand.

Vespermann: Das ist ja auch eine Kostenfrage, ich verstehe das. Trotzdem frustriert es schon etwas, wenn die Kunden immer nur das Standardprogramm wollen.

Vielleicht sind die Leute nur deshalb zögerlich, weil ihnen die Vorstellungskraft fehlt. In der Farben-Abteilung im Baumarkt werden 100 verschiedene Rottöne angeboten, aber kaum ein Laie kann sich deren Wirkung im Raum vorstellen. Wie machen Sie das?

Vespermann: Das ist eine Frage der Erfahrung. Ich sehe den Raum, die Möbel, den Geschmack des Kunden, dann habe ich schon eine Idee. Und dabei geht es nicht nur darum, ob es farblich passt. Durch Farbgebung kann ein Raum größer, kleiner, länger oder breiter wirken.

Wie vergrößere ich einen Raum?

Vespermann: Der Boden muss immer am dunkelsten sein, nach oben hin wird man heller. Strecken kann man kleine Räume mit Streifen. Das ist alles eine Wissenschaft für sich.

Waren Sie in der Schule gut in Kunst?

Vespermann: Ja.

Hat Ihr heutiger Beruf für Sie auch etwas mit Kunst zu tun?

Vespermann: Durchaus. Als Malermeister sollte man schon in der Lage sein, ein Toskana-Motiv nach Vorlage an die Wand zu bringen.

Welche Kunstrichtung gefiel Ihnen am besten?

Vespermann: Die Impressionisten beeindrucken mich. Ich hatte auch immer Interesse für Architektur. Klassizismus, Schinkel, Gilly. Ich mag die Farbgebung dieser Zeit.

Der Klassizismus zeichnet sich durch dekorative Eleganz aus, die Innenarchitektur der vergangenen Jahrzehnte ist dagegen eher dominiert von Raufaser. In anderen Ländern macht man sich lustig über die deutsche Vorliebe für Holzkrümel in der Tapete. Warum können Deutsche nicht von Raufaser lassen?

Vespermann: In der DDR war das Produkt schwierig zu beschaffen. Das hat sich in den Köpfen festgesetzt. Die Leute finden es immer noch toll, dass man Raufasertapete jetzt überall kaufen kann. Sie ist zudem günstig und man kann sie überstreichen, was sie ideal für den sozialen Wohnungsbau macht.

Haben Sie auch welche zu Hause?

Vespermann: () Ich muss gestehen ja. Es musste damals schnell gehen. Ich versuche aber nach und nach, alles loszuwerden. Allerdings fehlt mir für große Aktionen die Kraft. Und ich habe zwei kleine Kinder, da ergibt es momentan wenig Sinn, alles perfekt zu machen.

Was sind denn abseits von Raufaser die Tapetentrends derzeit?

Vespermann: Mustertapeten sind derzeit stark im Kommen. Fast alle großen Hersteller haben Kollektionen aufgelegt. Es gibt Muster aus Urgroßmutters Zeiten genauso wie die gewagten Designs der Siebziger: große Kreise in grün und orange. Modern sind Farben wie Cappuccino, aber auch leuchtende Farben. Berliner wollen es knallig und poppig. In Potsdam mag man es eher klassisch. Dort bevorzugt man erdige Farbtöne.

Und was wollen die Leute im ländlichen Raum?

Vespermann: Im Dorf ist der Geschmack etwas konservativer. Aber auch Blümchentapete muss nichts Schlechtes sein. Wo es passt.

Gibt es Dinge, bei denen sich Ihnen der Magen umdreht?

Vespermann: Die Kombination von grün und blau ertrage ich schlecht.

Und was machen Sie, wenn der Kunde das unbedingt will?

Vespermann: Ich berate ihn. Wenn er sich nicht umstimmen lässt, denke ich entweder an das Geld und mache es, oder ich gehe. Das kommt auch hin und wieder vor. Ich hatte mal eine Kundin, die unbedingt Stuck an der Fassade ihres Hauses wollte. Das Haus war aber im Bauhausstil: modern, gradlinig, klar. Ich habe ihr gesagt, dass das nicht zusammenpasst. Als sie darauf bestanden hat, habe ich den Auftrag abgelehnt. Über dieses Haus hätten alle den Kopf geschüttelt. Das geht gegen meine Berufsehre. Aber grundsätzlich ist der Kunde König.

Wenn ich meine Wohnung selbst renovieren will. Wie viel Geld sollte ich mindestens für die Wandfarbe ausgeben?

Vespermann: Für einen Zehn-Liter-Eimer mindestens 45 Euro. An allem, was günstiger ist, wird man keine Freude haben. Die Farbe wird aus Pigmenten hergestellt. Günstige Farben enthalten einfach weniger Pigmente. Sie sind gestreckt, meistens mit Kreide. Das sieht man nicht auf ersten Blick, aber irgendwann hat man die Farbe, wenn man sich anlehnt, an den Klamotten.

Haben Sie noch mehr Tipps für weiße Wände?

Vespermann: Wenn es schon Weiß sein soll, dann kein reines Weiß. Man sollte einen kleinen Schuss Blau beimischen. Damit bricht man die Farbe, sie leuchtet mehr. Oder man nimmt gleich Altweiß, das ist eine Superfarbe für Innenräume.

Und was ist Ihr Rezept gegen Farbkleckse?

Vespermann: Abdecken. Geht schneller als Putzen.

Wir dachten, Sie haben vielleicht spritzfeste Spezialfarbe.

Vespermann: (). Das ist alles Unsinn. Jede Farbe tropft, man kann die Schwerkraft nicht überlisten.

Und was für Rollen benutzen Sie? Die aus dem Baumarkt?

Vespermann: Nein, professionelle Geräte. Die haben andere Borsten, ein Innenleben aus Metall und auch ein anderes Lager. Damit malt es sich nicht unbedingt besser, aber sie halten länger. Eine Baumarkt-Rolle würde nach vier oder fünf Tagen intensiven Gebrauchs den Geist aufgeben.


Von Oliver Fischer

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