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Teltow-Fläming Brandanschlag in Jüterbog: Viereinhalb Jahre Haft gefordert
Lokales Teltow-Fläming Brandanschlag in Jüterbog: Viereinhalb Jahre Haft gefordert
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18:37 17.11.2017
Brandstifter Chris P. am Freitag mit seinem Verteidiger Torsten Kauer vor dem Landgericht Potsdam. Quelle: Peter Degener
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Potsdam/Jüterbog

Viereinhalb Jahre soll Chris P. aus Jüterbog ins Gefängnis, weil er eine Flüchtlingsunterkunft in Jüterbog mit Molotow-Cocktails niederbrennen wollte. Das forderte Staatsanwältin Susanne Gunia am Freitag in ihrem zweistündigen Plädoyer vor dem Potsdamer Landgericht.

Chris P. ist der erste Angeklagte des Tätertrios, das Anfang Oktober 2016 aus mutmaßlichem Ausländer- und Flüchtlingshass mitten in der Nacht ein Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge attackierte, wobei glücklicherweise niemand verletzt wurde. Chris P. gestand die Tat, sagt aber, er habe den Bewohnern nur Angst einjagen und sie nicht töten wollen.

„Die Jungs haben die Drecksarbeit erledigt“

Die Staatsanwältin machte nun klar, dass sie dem 21-jährigen Jüterboger seine Geschichte nicht glaubt. Sie unterstellte dem Angeklagten, er sei „verfestigt rechtsextrem und ausländerfeindlich“. „Er stammt aus einem deutschnationalen Haushalt mit einem stramm rechtsextremen Vater, der ihm das vorgelebt hat“, sagte sie.

Der 44-jährige Vater Dirk P, der noch nicht angeklagt ist, aber in Untersuchungshaft sitzt, sei, so ihr persönlicher Eindruck, „moralisch auf tiefster Stufe, abgestumpft und abgebrüht“, da er bedenkenlos seinen Sohn ins Gefängnis gehen und ihn alle Schuld auf sich nehmen ließ. Der Vater entwickelte den Tatplan – „die Jungs haben die Drecksarbeit erledigt“, so die Staatsanwältin.

Abstellraum war nicht bewusstes Ziel des Angriffs

„Der Angeklagte ging davon aus, dass das Feuer in das Haus gelangen und es mit den Menschen darin in Brand setzen würde“, sagte sie bei der Würdigung der Gutachten und Zeugenaussagen.

Sie halte demnach die Tatversion des dritten Täters, Felix G (19) aus Trebbin, für glaubwürdig. Dieser beste Kumpel des Angeklagten hat mittlerweile auch gestanden und wartet noch auf die Anklage. Nur in einem Detail sei auch G.s Aussage falsch: Chris P. habe nicht dafür gesorgt, dass man bewusst nur einen Abstellraum angreife. Der Angeklagte habe die Tendenz „den eigenen Tatbeitrag herunterzuspielen“, sagte die Staatsanwältin und zählte auf, wo Chris P. sich gegenüber seinen Mittätern entlastet habe.

Nicht er hat die Molotow-Cocktails gebaut, sondern sein Vater. Auch musste er sich von seinem besten Kumpel überreden lassen und habe am Ende auch als zweiter den Brandsatz geworfen. Und er hätte die Idee gehabt, nicht den Eingang oder eines der bewohnten Zimmer, sondern nur eine Abstellkammer zu treffen, damit kein größerer Schaden entstehe. „Seine Geschichte wurde immer unschuldiger, als würde er ein harmloser und toleranter Mitbürger sein“, sagte Gunia.

Brandanschlag auf die Flüchtlingsunterkunft in der Badergasse in Jüterbog am 1.10.2016. Der Brandsatz der Täter durchschlug nur die erste Scheibe der Doppelverglasung der Unterkunft und drang nicht in das Gebäude ein. Die Flammen hinterließen Rußspuren an der Fassade und verbrannten den Rasen vor dem Fenster, das zu einem Abstellraum gehört. Quelle: Victoria Barnack

Chris P. hat entscheidend zur Tat beigetragen

Tatsächlich aber habe Chris P. ganz entscheidend zur Tat beigetragen, indem er Benzin von der Tankstelle geholt und schließlich auch einen der Molotow-Cocktails geworfen habe. Heimtücke und Gemeingefährlichkeit der Tat sowie Tötungsvorsatz rechtfertigten in den Augen der Staatsanwaltschaft trotz Geständnis, Reue und günstiger Sozialprognose die hohe Haftforderung von viereinhalb Jahren.

Verteidiger Torsten Kauer plädierte dagegen für eine Bewährungsstrafe – er sieht in Chris P. keineswegs den menschenverachtenden Brandstifter, den die Staatsanwältin gezeichnet hat. Kauer erinnerte an einen ähnlichen Fall aus dem Jahr 1993, als zwei bekennende Neonazis in Mecklenburg-Vorpommern einen fünfstöckigen Plattenbau, der von Vietnamesen bewohnt war, mit Brandsätzen angriffen.

Damals wurden die Täter wegen Prahlerei gefasst und „trotz eines deutlich krasseren Tatverlaufs“ zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Das milde Urteil wurde damals auch mit einer gesellschaftlichen Atmosphäre begründet, in der „allgemeine Ausländerfeindlichkeit“ geherrscht habe.

Ausländerfeindliches Umfeld zu Gunsten des Angeklagten

„Mein Mandant ist ebenfalls in so einem Umfeld aufgewachsen, wofür er nichts konnte, und das muss auch zu seinen Gunsten gewertet werden“, sagte Kauer. Er spielt dabei nicht nur auf den Haushalt des Vaters an. „In Jüterbog ist es anders als in Potsdam. Mein Eindruck ist, dass dort Meinungen, wie man sie von der AfD kennt, viel offensiver vertreten werden“, so der Anwalt.

Auf der Anklagebank sitze „kein Faschist“, sondern ein Junge, „der tief in seinem Inneren nicht mitmachen wollte, sondern Skrupel hatte“, sagte der Verteidiger. Die Tötungsabsicht verwarf der Verteidiger gänzlich. „Mein Mandant schloss die Ausbreitung des Brandes aus und war sich der Gefahr für die Bewohner nicht bewusst. Er stellte sich vor, dass das Benzin nur oberflächlich verbrennt“, sagte Kauer.

Das Gericht solle zudem das frühe Geständnis würdigen. „Dieses Geständnis war sehr viel wert, denn ohne diesen Umstand wäre es vielleicht nicht einmal zur Anklage gekommen“, sagte Kauer.

Der Angeklagte will lernen „Nein“ zu sagen

Das letzte Wort hatte Chris P. selbst. Einer wiederholten Entschuldigung fügte er in Bezug auf seinen Vater als Anstifter der Tat hinzu: „Ich möchte mir selbst zeigen, dass ich mehr erreichen kann, dass ich auch ,Nein‘ sagen und jemandem die Stirn bieten kann.“ Am Donnerstag fällt die Große Strafkammer ihr Urteil.

Von Peter Degener

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