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Brandenburg wäre was für Elche

Naturschutz in der Region Brandenburg wäre was für Elche

Auf den Flächen der Stiftung Naturlandschaften Brandenburg könnten dauerhaft Elche leben. Das sagt der Geschäftsführer der Stiftung, Andreas Meißner, im Gespräch mit der MAZ. Anlässlich des Darwin-Tags gibt er sich optimistisch, was die Entwicklung von Pflanzen und Tieren auf den Stiftungsflächen bei Lieberose und Jüterbog angeht.

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Andreas Meißner (52) von der Stiftung Naturlandschaften.

Quelle: Thomas Ecke

Königs Wusterhausen, Andreas Meißner ist seit Mai 2015 Geschäftsführer der Stiftung Naturlandschaften Brandenburg, die in der Region die ehemaligen Truppenübungsplätze Jüterbog, Heidehof und Lieberose als Wildnisgebiete betreut. Der 52 Jahre alte Biologe will mit seiner Arbeit Akzeptanz für Wildnis schaffen und sie für nachfolgende Generationen erhalten. Zum internationalen Darwin-Tag spricht er über bedrohte Arten in der Region.


MAZ:
Herr Meißner, vor 207 Jahren wurde der spätere Naturwissenschaftler Charles Darwin in Großbritannien geboren. Welche Rolle spielt Darwins Lebenswerk für Sie?

Andreas Meißner: Für mich als Biologen ist Darwin eine tolle wissenschaftshistorische Figur. Er wandte sich von der kirchlichen Evolutionstheorie ab. Darwin sah nicht Gott als Ursprung und Ende allen Lebens, sondern belegte wissenschaftlich, wie sich Arten aus eigener Kraft weiterentwickeln. Das war der Schlüssel für die moderne Evolutionstheorie.

Wenden Sie Darwins Theorie in Ihrer täglichen Arbeit an?

Meißner: Für uns sind seine Grundgedanken entscheidend: Evolution braucht Raum und Evolution braucht Zeit. Die Stiftung Naturlandschaften Brandenburg setzt sich für beides ein. Deshalb haben wir ab dem Jahr 2000 ehemalige Truppenübungsplätze erworben, auf denen sich Wildnisgebiete auf großer Fläche vom Menschen ungestört entwickeln können. Solche unzerschnittenen Flächen findet man in der heutigen Zeit leider kaum noch.

Was meinen Sie mit zerschnittenen Flächen?

Meißner: Ich meine damit, dass wir Menschen Biotope beschneiden, indem wir Straßen, Häuser oder auch Eisenbahnstrecken errichten. Dadurch können Tiere nicht mehr wie früher von einer Fläche zur anderen wandern. Somit verlieren wir Ökosysteme und Organismen. Und das verhindert natürliche Evolutionsprozesse. Die Zerschneidung von Flächen ist eine der größten Gefahren für Flora und Fauna und eine der wichtigsten Ursachen für das Aussterben vieler Arten.

Welche Arten sind in unserer Region vom Aussterben bedroht?

Meißner: Bedroht sind sehr viele Arten, die Roten Listen sind ewig lang. Sie verzeichnen gefährdete Tier- und Pflanzenarten. Auf unseren Flächen sehen wir aber auch, dass die Natur dynamisch ist und Prozesse wieder in Gang kommen können. In den vergangenen 15 Jahren haben sich beispielsweise die ehemaligen Panzerschießbahnen stark verändert: Aus Trocken- und Silbergras wurden Heideflächen, darauf entsprangen Birken und Kiefern, die nächste Stufe wird der Hochwald sein. Somit entsteht ein Lebensraum für Arten, die vorher keine Möglichkeit zum Überleben hatten. Aus der Tierwelt gibt es einige Rückkehrer und neue Zuzügler, die sich jetzt bei uns wohlfühlen.

Wer kehrte zu uns zurück?

Meißner: Das populärste Beispiel ist wohl der Wolf. Er galt in Deutschland lange Zeit als ausgestorben und tauchte in den 1990er Jahren wieder auf. Seit 2009 hat er sich wieder auf unseren Flächen in Jüterbog, Heidehof und Lieberose angesiedelt. Auch Elche finden bei uns einen Lebensraum. Im vergangenen Jahr haben wir in Lieberose eine Elchkuh gesichtet.

Ja, stimmt. War das der erste Elch bei uns?

Meißner: In den vergangenen Jahren gab es in Brandenburg, auch auf der Lieberoser Fläche, mehrere Elchsichtungen. Wo die ersten waren, kann niemand genau sagen. Ob die Elchkuh langfristig bleiben wird, kann ich noch nicht abschätzen. Noch scheint sie da zu sein. Wir wissen allerdings nicht, wo genau. Auf den Bildern, die unsere Fotofalle von ihr aufgenommen hat, sah sie sogar trächtig aus. Deshalb hatten wir auf ein Elchkalb gehofft. Das wäre die erste deutsche Elchgeburt in freier Wildbahn gewesen. Doch wir scheinen uns leider getäuscht zu haben – es ist kein Kalb aufgetaucht.

Wo ist die Elchkuh hergekommen?

Meißner: Sie ist aus Polen zu uns gekommen, wahrscheinlich ist sie über die Oder geschwommen. Die meisten Elche ziehen dann Richtung Sachsen weiter. Doch auch auf unseren Flächen gäbe es jetzt die Möglichkeit, eine stabile Elchpopulation zu entwickeln. Ob das passiert, kann jetzt noch keiner sagen. Unmöglich ist es jedenfalls nicht. Vor zehn bis 15 Jahren hätte das auch noch niemand vom Wolf gedacht.

Welche Tiere haben sich stabil bei uns niedergelassen?

Meißner: Die Biber. Von ihnen gibt es mittlerweile so viele, dass das Land Brandenburg sogar schon Bibermanager eingestellt hat. Der Biber gestaltet die Landschaft nach seinen Bedürfnissen und erhöht so den Wasserstand. Dadurch können ufernahe Waldbereiche absterben, was jedoch nicht schlimm ist – das, was nachkommt, ist meist naturnaher und kann wertvoller sein. Es gibt eine Kette an Organismen, die von den neu entstandenen Lebensräumen profitiert, dazu gehören verschiedene Moor- und Gewässerarten. Absterbende Bäume bieten einen Lebensraum für viele totholzbewohnende Käfer, die wiederum Nahrung für Vogelarten wie den Schwarzspecht sind. Im besten Fall profitieren auch Elche davon, weil Feuchtgebiete ihr bevorzugter Lebensraum sind und sie im Wasser stehend die dortigen Pflanzen fressen.

Bei einer Bunkerführung in Wünsdorf habe ich Fledermäuse gesehen. Leben die auch auf ihren Flächen?

Meißner: Ja, wir haben verschiedene Fledermausarten gesehen, die in den alten Bunkern überwintern. Zum Beispiel die Mopsfledermaus, die eine Art Stupsnase hat. Oder die Bechsteinfledermaus.

Bunker sind aber keine freie Wildbahn...

Meißner: Das stimmt. Allerdings erwarten wir, dass die Waldfledermausarten ihre Quartiere künftig in Baumrinden-Spalten alter Bäume finden. Auf lange Sicht wird sich das alles ohne menschliches Zutun regulieren.

Welche Tiere wünschen Sie sich in der Region?

Meißner: Die Wildkatze. Die lebt zurzeit schon in Thüringen, würde aber auch im Fläming einen idealen Lebensraum vorfinden. Deshalb wollen wir für sie und andere Tiere einen ökologischen Korridor bauen. Die Tiere können dann von einer Fläche zur anderen wandern, ohne von Autos überfahren zu werden. Diese ökologischen Korridore helfen auch dem Fischotter bei seiner Wanderung, auf der Fläche in Lieberose leben jetzt schon viele. In Jüterbog werden Fischotter eher nicht heimisch, da sind keine Fließgewässerstrukturen vorhanden.

Wenn der Mensch den Lebensraum so vieler Arten verändert und sie damit zum Teil ausrottet, entspräche das doch theoretisch Darwins Theorie „Survival of the fittest“. Auch wenn es ein unfairer Kampf ist: Wäre er evolutionsbiologisch nicht natürlich?

Meißner: Rein theoretisch vielleicht schon. Aber der Mensch greift in ein System ein, das er nicht überblicken kann. Das Problem ist, dass wir dabei immer mehr Organismen verlieren und nicht wissen, wann das System Erde auseinanderbricht. Wir wissen auch nicht, ob der Mensch alleine überhaupt noch lebensfähig ist. Auch wenn wir bei der Stiftung Naturlandschaften Brandenburg nur regional arbeiten, liefern wir damit schon einen wichtigen Baustein, um die Welt zu ändern.


Von Anja Meyer

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