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Das Ende einer unbeschwerten Kindheit

Barbara Rütting flüchtete am 17. Mai 1945 aus Ludwigsfelde Das Ende einer unbeschwerten Kindheit

In Wietstock erlebte die Schauspielerin, Friedensaktivistin und Tierschützerin Barbara Rütting eine unbeschwerte Kindheit – allerdings glaubte sie damals noch an die Ideologie der Nazis. Ihre unbeschwerte Jugend endete in Ludwigsfelde, und auf der Flucht nach Westen öffnete ihr ein Freund der Eltern die Augen über Hitler und seine Verbrechen.

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Als Waltraut Goltz verließ Barbara Rütting die elterliche Jugendstil-Villa am 17. Mai 1945

Ludwigsfelde . Wer den Namen Barbara Rütting hört, verbindet mit der heute 87-Jährigen ihre Rollen als Schauspielerin, ihr politisches Engagement für Frieden, gegen Atomraketen und ihre Arbeit im bayerischen Landtag, ihr Engagement für Menschenrecht, Umweltschutz und Tierrechte. Wie sie das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebte, das schildert die im Ludwigsfelder Ortsteil Wietstock als Waltraut Goltz geborene im Buch „Mein Kriegsende – Erinnerungen an die Stunde null“. Neben 22 anderen Erinnerungen steht die von Rütting. Sie nennt ihren Text „Beten für den Führer“. In Ludwigsfelde hatte sie als ältestes der fünf Goltz-Kinder gewohnt. Als am 22. April 1945 die Panzer der Roten Armee einrückten, streifte einer die elterliche Jugendstil-Villa. Diese Spuren ließ ihr Bruder Volkmar, der das gelbe Backstein-Haus bis heute bewohnt, nie entfernen. Mit einer kleinen Tafel will er die Erinnerung an die Kriegsereignisse weitergeben, sagt: „Wenn wir nicht mehr sind, weiß es niemand mehr.“

Barbara Rütting

Barbara Rütting

Quelle: dpa

Wietstock und Ludwigsfelde bleiben für Barbara Rütting Heimat. Dabei bedeute Wietstock ihr „eine unbeschwerte glückliche Kindheit in einer heilen Welt“, wie sie der MAZ sagt. Ludwigsfelde dagegen sei für sie „das Ende dieser heilen Welt, Krieg, Bombennächte, Trümmer, tote Freundinnen, das Auseinanderbrechen unserer Familie, Abschied“. Ihr Vater war als Nazi-Verehrer im Ort bekannt, er erzog auch die Kinder in diesem Geiste. „Man geht eben immer den Weg des geringsten Widerstands“ hatte ihre Mutter auf die Fage der jungen Waltraut Goltz geantwortet, warum sie den Vater nicht abhalten konnte, Nationalsozialist zu werden. „Heute kann ich sie verstehen. Sie musste in diesem entsetzlichen Krieg fünf Kinder durchbringen“, sagt Rütting. Allerdings prägte sie dieser Satz, schwor sich, den Weg des größten Widerstands zu gehen: „Wo Unrecht Recht ist, wird Widerstand zur Pflicht. Deshalb werde ich meinen Mund aufmachen für alle, die es nicht können oder dürfen, bis ich tot umfalle.“ Als Mensch, der den Krieg noch erlebte, sagt sie: „In Europa haben wir 70 Jahre in Frieden leben können – in Wirklichkeit aber unterstützen wir die weltweite Zerstörung von Menschen, Tieren und der Umwelt. Deutschland ist der drittgrößte Waffenexporteur! Waffen sind zum Töten da!“ Wer Frieden wolle, müsse Frieden vorbereiten, „nicht den Krieg“, davon ist sie überzeugt. Deshalb hatte sie 1958 an ihrer ersten Demo teilgenommen, es ging gegen die Wiederaufrüstung Deutschlands. „1983 bin ich in Mutlangen bei den Blockaden gegen die amerikanischen Massenvernichtungswaffen festgenommen worden – und werde am 28. und 29. Mai wieder bei der Blockade in Büchel sein, wo immer noch die letzten 25 dieser Todeswaffen lagern.“

Hans Rütting, ein Freund des Vaters, war es, der eine andere Sicht auf die Welt in die Familie trug. Mit ihm verließ Waltraut Goltz am 17. Mai 1945 Ludwigsfelde, zu Fuß erreichten sie Flensburg. So beschreibt Rütting im Buch ihre Erinnerung an die letzten Kriegstage: „Ich erinnere mich noch genau, was ich damals jeden Abend gebetet habe: ,Doch das schönste Engelein/mit dem lichten gottesschein/und dem silbernen Gefieder/sende unserm Hitler nierder./Es behüte seinen Schlummer/und verscheuch ihm allen Kummer/dass er morgen froh erwache/und sein Deutschland glücklich mache./Lieber Gott, mit starker Hand/schütze unser deutsches Land!’ Hans Rütting schlug nach dem Einmarsch der Roten Armee vor, in den Westen zu gehen.“ Rütting war ein sehr belesener Mann, berichtet Barbara Rütting. „Er erzählte mir von Franz Werfel und Stefan Zweig, auch von Thomas Mann, der mir vorher in der Schule als Vaterlandsverräter geschildert worden war.“ Der einschneidende Moment kam in einem Flüchtlingslager: „Nachts lag ich neben einer belgischen Jüdin, die Schreikrämpfe bekam, weil sie im Traum immer wieder erlebte, wie ihre Kinder von SS-Leuten in die Luft geworfen und abgeschossen wurden. Ich hielt diese Frau in den Armen, meine heile Welt war nun endgültig zusammengebrochen.“

Info: Das Buch „Mein Kriegsende – Erinnerungen an die Stunde null“, herausgegeben von Dieter Hildebrandt und Felix Kuballa, ist im List-Verlag erschienen.

Von Jutta Abromeit

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