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Das Gedächtnis der Landkreise

Die Archive von Teltow-Fläming und Dahme-Spreewald Das Gedächtnis der Landkreise

Staubig, trocken und sterbens langweilig: das Archivwesen genießt nicht den besten Ruf. Dabei gibt es zwischen den Aktenreihen in den Kreisarchiven in Luckau und Luckenwalde schier unendlich viele spannende Dokumente zu entdecken. Die Übersicht über diese Dokumente zu behalten, ist allerdings eine Herkulesaufgabe.

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Lagert in Luckau: Entwürfe eines Wappens für die Stadt Wildau, die der Maler Karl Hacker Mitte der 30er-Jahre angefertigt hat.

Quelle: Oliver Fischer

Dahmeland-Fläming. Anna Thiede hat nicht viele Spuren hinterlassen auf dieser Welt. Dazu hatte sie weder die Stellung, noch die Zeit. Sie war ein Dienstmädchen, evangelisch, sie wurde geboren in Zeuthen und sie starb im Jahr 1896 im Alter von gerade 19 Jahren in einer winzigen Siedlung namens Rauchfangswerder. Das geht aus dem Zeuthener Sterbebuch des selben Jahres hervor.

Die Umstände ihres frühen Todes sind ebenso unklar wie alles andere aus ihrem Leben. Und trotzdem wird Anna Thiede nie ganz verschwinden. Wenn alles nach Plan läuft, wird das Zeuthener Sterbebuch mit ihrem Namen noch in hunderten von Jahren aufzufinden sein, genauso wie die Protokolle des Jüterboger Kreistags, die Brigadebücher der Luckenwalder Hausschuhfabrik Luwal, die Erntebilanzen der Lübbener LPG Nordpolder, die Sitzungsunterlagen der NSDAP-Ortsgruppe

Leitet das Archiv in Luckau

Leitet das Archiv in Luckau: Thomas Mietk.

Quelle: Oliver Fischer

Dass dies alles nicht längt verschollen, geschreddert oder vermüllt ist, ist den Kreisarchiven von Teltow-Fläming und Dahme-Spreewald zu verdanken. In Luckau und Luckenwalde lagern kilometerweise Akten, Bücher, Papiere, Urkunden und Objekte, die kleine und große Geschichten über die Vergangenheit der heutigen Kreisgebiete erzählen können. „Wir sind das Gedächtnis des Landkreises“, sagt Thomas Mietk.

Mietk, 31 Jahre alt, leitet seit 2008 das Kreisarchiv in Luckau. Er ist verantwortlich für das Papier, das in gut zwei Kilometer lange Regalreihen auf drei Etagen eines umgebauten Gefängnisses lagert. Das frisch sanierte Haus ist damit eines der kleineren Kreisarchive in Brandenburg. Aber eines der schönsten, sagt Mietk.

Hintergrund

Kreisarchive existieren erst seit 1952. In diesem Jahr wurde von der Zentralen Archivverwaltung der DDR festgelegt, dass jeder Landkreis für seine eigenen Unterlagen und auch die seiner angehörigen Kommunen ein Archiv betreiben muss.

Die Unterlagen in den Kreisarchiven stammen deshalb zum überwiegenden Teil aus der Zeit nach 1952. Die Landkreisbezogenen Unterlagen aus der Zeit davor lagern im Brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam.

Der Betrieb der Archive ist zwar eine Pflichtaufgabe, trotzdem sind die Archivare darauf angewiesen, dass Kommunen, Vereine, Organisationen oder Privatpersonen ihnen Archivmaterial freiwillig übergeben.

Gelagert werden die Dokumente lichtdicht bei 50 Prozent Luftfeuchtigkeit und höchstens 20 Grad.

Thomas Mietk verbringt täglich Stunden in den klimatisierten Räumen, kurbelt Rollregale auseinander, zieht Kartons aus den Reihen, schlägt nach, ordnet ein, sortiert. Für ihn und sein sieben Mann starkes Team gibt es immer etwas zu ordnen. Neuzugänge kommen ständig ins Haus. Allein die Akten, die die Kreisverwaltung fortlaufend produziert, nehmen mehr als einen Kilometer Regalfläche ein.

Nur Unwichtiges wandert in den Schredder

Die neuen Verwaltungsakten landen erst einmal im Zwischenarchiv, wo sie lagern, bis die gesetzlichen Fristen abgelaufen sind. Danach müssen die Archivare alles noch einmal sichten und entscheiden, was davon „kassabel“ ist – also dem Schredder übergeben wird. Dafür braucht es ein tiefgreifendes Verständnis von Verwaltungsarbeit, sagt Mietk. Aber auch von Politik, von Wirtschaft, von Geschichte. Man muss Wichtiges von Unwichtigem trennen können. „Wir sind zwar Bewahrer, aber unsere wichtigste Aufgabe ist eigentlich das Wegschmeißen“, sagt Mietk. Allein im vorigen Jahr haben er und seine Leute sechs Tonnen Akten dem Schredder übergeben. Der Rest muss präpariert werden für die Ewigkeit.

Die Archivare pulen deshalb mit der Hand Heftklammern aus den Akten, entfernen Plastikhüllen, sie verstauen das Papier in säurefreien Kartons, notieren, was sich in welcher Box befindet, geben dem Karton eine Nummer und stellen ihn an seinen Platz.

Archivieren ist eine Pflichtaufgabe

Das machen sie nicht aus Spaß, sagt Mietk. Archivieren ist eine Pflichtaufgabe. Es gibt ein Archivgesetz, das regelt, was wie wo aufgehoben werden soll. Die Kreisarchive sind eigentlich nur für die Unterlagen über Belange der Landkreise zuständig. Aber da nicht alle Kommunen eigene Archive betreiben, lagern die Kreisarchive auch Gemeinde-Unterlagen, sofern sie ihnen anvertraut werden.

Bei Karin Grzegorzewski und ihren zwei Mitarbeitern im Kreisarchiv Teltow-Fläming reiht sich das Archivmaterial schon auf sieben Kilometern Länge. Dabei handele es sich längst nicht nur um Verwaltungsakten, betont sie. „Wir sind nicht nur das Archiv der Kreisverwaltung, wir sind das Archiv des Kreises, also auch von Organisationen, Vereinen, von Kunst und Kultur.“ Das Archiv solle ein Abbild des gesamten gesellschaftlichen Lebens bilden.

Karin Grzegorzewski  im Luckenwalder Kreisarchiv

Karin Grzegorzewski im Luckenwalder Kreisarchiv.

Quelle: Oliver Fischer

Die Sammlung, die Karin Grzegorzewski verwaltet, gibt tatsächlich tiefe Einblicke in das Leben früherer Zeiten. Die Archivarin kann etwa Trebbiner Akten aus dem 18. Jahrhundert zeigen, aus denen hervorgeht, dass die Räte sich damals genauso über Wegebau, Finanzen und freilaufende Hunde zofften wie heute. In ihrem Archiv finden sich Gesellenbriefe aus dem 17. Jahrhundert, sozialistische Plakatkunst aus der DDR-Zeit, oder das komplette Gutsarchiv der Familie von Rochow. Es sind Skurrilitäten dabei, wie eine arabische Ausgabe der Beschlüsse des 8. Parteitages der SED, aber auch bewegende Interview-Mitschnitte von Juden, die bis in die späten 30er-Jahre in der Hachschara-Stätte in Ahrensdorf ein Kibbuz-Leben führten.

Wissenschaftler und Erben stöbern im Archiv

Genutzt werden diese Daten von Wissenschaftlern, Geschichtsinteressierten, Erbenermittlern oder Privatpersonen. Einige schauen persönlich vorbei, die meisten schicken E-Mails. Etwa vier Anfragen bekommt Karin Grzegorzewski täglich. Die Leute erkundigen sich nach Familienverhältnissen ihrer Vorfahren, sie bitten um Einsicht in alte Protokolle oder erfragen Daten, von denen Karin Grzegorzewski mitunter selbst nicht genau weiß, wie sie die finden soll. „Letztens hat mich jemand gebeten, die Milchquoten aus der Nuthe-Nieplitz-Region vor 1945 her-auszusuchen. Da muss man dann schon scharf überlegen, wie man da vorgeht“, sagt sie.

Eine solche Recherche funktioniert nur, wenn Ordnung herrscht, und die ist schwer zu halten, wenn ständig mehr Material hereinkommt, als man wegarbeiten kann. Unlängst hat Karin Grzegorzewski wieder meterweise Akten bekommen, Unterlagen von DDR-Betrieben. Darin sei sicher viel Interessantes verborgen, sagt sie. Aber die Erschließung werde wohl Jahre dauern. Es fehle die Zeit.

Problem: Papier ist vergänglich

Ein zweites Problem ist die Vergänglichkeit des Materials. Früher, im 17. Jahrhundert, hat man wichtige Dinge mit Eisengallus-Tinte auf gegerbte Tierhäute geschrieben, die Urkunden sind praktisch unzerstörbar. Das Holzschleifpapier aus dem 19. Jahrhundert dagegen ist heute schon brüchig und vergilbt, die Ormig-Abzüge aus der DDR sind kaum mehr zu lesen. „Am schlimmsten sind Thermokopien und Ök

In diesem  Innungsbrief aus dem Jahr 1669 sind sogar Versorgungsansprüche von Angestellten und Witwen geregelt

In diesem Innungsbrief aus dem Jahr 1669 sind sogar Versorgungsansprüche von Angestellten und Witwen geregelt.

Quelle: Oliver Fischer

Diese Hemmnisse machen die Arbeit zu einer ständigen Herausforderung, sagt Karin Grzegorzewski. „Ein Archiv wird nie fertig. Man muss jeden Meter, der schön verpackt und erschlossen ist, als Erfolg sehen. Aber wenn man dann Menschen mit diesen Informationen helfen kann, ist das der tollste Job überhaupt.“

Der nächste Schritt ist die Digitalisierung

Thomas Mietk hat ein deutlich größeres Team und deutlich weniger Material, sein Archiv ist bereits voll erschlossen. In Luckau denkt man deshalb schon über die nächsten Schritte nach, Digitalisierung etwa. Mietk würde gerne die alten Personenstandsdaten elektronisch erfassen und im Internet zugänglich machen. Anderseits muss er sich auch überlegen, wie man mit den Unterlagen umgeht, die im Zeitalter papierloser Büros schon digital angeliefert werden. Wie soll man die so aufbewahren, dass sie in 100 oder gar 500 Jahren noch gelesen werden können? Auf CDs wohl kaum. „Wir haben ja schon heute große Probleme mit Disketten“, sagt Karin Grzegorzewski.

Die Lösung, die Thomas Mietk für sich und sein Team gefunden hat, mag nicht die modernste sein. Aber aus seiner Sicht ist es die logischste. Was immer an Dateien, elektronischen Akten oder Digitalfotos in sein Archiv gereicht wird – Mietk druckt alles wieder aus.

Von Oliver Fischer

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