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Das Labor für die Hosentasche

Wildau Das Labor für die Hosentasche

Das Wildauer Start-Up Oculyze existiert erst seit ein paar Monaten, das Unternehmen hat aber schon einige Preise gewonnen und Investoren überzeugt. Die Firma – unter anderem gegründet von ehemaligen TH-Studenten – hat ein Smartphone-Mikroskop entwickelt, das etwas verbessern kann, was dem Deutschen heilig ist: das Bier.

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Diese Vorrichtung könnte das Bierbrauen deutlich vereinfachen: Das Smartphone-Mikroskop des Wildauer Start-Ups. .

Quelle: Oculyze

Wildau. Hefepilze sind nach menschlichen Maßstäben ziemlich klein geraten, fünf Mikrometer im Durchmesser vielleicht, wenn es hoch kommt zehn. Mit bloßem Auge sind sie nicht zu erkennen. Umso erstaunlicher ist, was die Einzeller für die Volkswirtschaft leisten: Das gesamte Brauereiwesen etwa ist auf sie angewiesen. Kilian Moser hat ein hübsches Bild dafür: „Ein Brauer hat eine Fabrik, und die Hefepilze sind seine Angestellten. Sie erledigen die Arbeit und sind maßgeblich für den Geschmack des Bieres verantwortlich.“ Nur wenn die Konzentration optimal und die Hefepilze lebendig sind, wird auch das Bier gut. Das Wohl und Wehe der Brauereien, der Kneipen und Gaststätten hängt damit von der Hefe ab.

Kilian Moser ist selbst kein Brauer, der 32-Jährige ist Betriebswirt, ein Zahlenmensch. Aber er kann sich ganz gut in die Bierbrauerzunft hineinversetzen – denn auch die Zukunft seiner Firma hängt gewissermaßen an den winzigen Einzellern. Moser ist Geschäftsführer und Mitgesellschafter des Start-Up-Unternehmens Oculyze. Die Firma, die unter anderem von Studenten der TH Wildau gegründet wurde und seit November vorigen Jahres existiert, hat ein Smartphone-Mikroskop entwickelt, das Flüssigkeiten analysieren und per Bildanalyse Zellen, Mikroben und andere kleine Bestandteile zählen kann: Blutkörperchen etwa, Spermien oder eben Hefepilze. Die erste Version der Oculyze-App ist auf Hefe spezialisiert, sie ist für Brauereien gedacht, die damit die Hefekonzentration messen und überwachen können.

Das Handy analysiert innerhalb von Sekunden

Die Funktionsweise des Geräts ist relativ simpel: Eine Tropfen Flüssigkeit wird auf einen Träger gegeben und zwischen eine winzige Linse und eine Handykamera geschoben. Das Smartphone macht Fotos mit 400-facher Vergrößerung. Eine Software analysiert anschließend das Foto, zählt die abgebildeten Zellen und rechnet das Ergebnis auf die gesamte Probe hoch.

Das Prinzip ist nicht neu. Schon seit den 50er Jahren gibt es automatische Zellzähler. „Aber die kosten das Zehnfache unserer App, weshalb kleinere Brauereien sich das nicht leisen können“, sagt Moser. In kleinen Brauereien zählen Mitarbeiter die Proben entweder selbst am gewöhnlichen Mikroskop, was fehleranfällig ist und lange dauert. Oder sie verzichten ganz auf die Analyse, was zu Qualitätsschwankungen führt, sagt Moser. Und bei Qualitätsschwankungen verstehen insbesondere deutsche Bierkunden keinen Spaß.

Angesichts von rund 1500 Brauereien in Deutschland – und rund 10 000 Brauereien weltweit – ist der Markt für die neuartige und einfach zu bedienenden Analysesoftware eigentlich groß genug, um der jungen Firma ein Auskommen zu sichern. Das hat man auch schon auf höherer Ebene erkannt. Oculyze hat bereits Preisgelder und mehrere Auszeichnungen gewonnen. Auch die Investitionsbank des Landes Brandenburg hat Oculyze als förderwürdig eingestuft und im März über eine eigene Fondsgesellschafte einen hohen sechsstelligen Betrag in das Unternehmen geschossen, der das Start-Up über die nächsten zwei Jahre bringen soll. Die Firma wurde daraufhin sofort um eine Marketing-Expertin erweitert. Ein Software-Ingenieur ist schon eingestellt, demnächst soll noch jemand für den Vertrieb folgen.

Gründer kennen sich aus der Schule

Das Kernteam des Unternehmens besteht schon deutlich länger. Kilian Moser und der zweite Geschäftsführer Ulrich Tillich – beide Deutsch-Venezolaner und aufgewachsen in Caracas – kennen sich von der Schule und wollten schon damals eine gemeinsame Firma gründen. Ihre Wege trennten sich allerdings zwischenzeitlich: Tillich ging nach Deutschland, um in Wildau Biosystemtechnik und Bioinformatik zu studieren, Kilian Moser zog es für fünf Jahre nach Miami, wo er ein Vertriebsnetz für Porsche entwickelte. Diese Geschäftserfahrung sei wichtig gewesen, sagt Moser. „Frisch aus der Uni heraus und ohne Praxis würde ich kein Unternehmen gründen.“ Aber Moser wollte auch nicht für immer in eine große Firmenstruktur eingebunden sein und Excell-Tabellen ausfüllen müssen. „Ich wollte dichter am Kunden sein und Verantwortung tragen“, sagt er.

Die Möglichkeit ergab sich schließlich, als Tillichs Kommilitonin Katja Schulze im Rahmen ihrer Doktorarbeit eine Analysesoftware für Fotos entwickelte und damit den Grundstein für die Oculyze-Technik legte. „Sie hatte eine Firmenidee, wir hatten das Team“, sagt Moser. Die Mikroskoptechnik entwickelten sie anschließend selbst.

Mittelfristig plant das Unternehmen, die App für andere Bereiche zu erweitern. Als nächstes soll eine Version auf den Markt kommen, mit der Tierärzte eine Gebärmutterinfektion bei Milchkühen nachweisen können. Langfristig seien auch Versionen für Humanmedizin geplant. Das Handy könnte dann ein Taschenlabor für Landärzte abgeben und Patienten Tage, wenn nicht sogar Wochen sparen, die sie sonst auf Laborergebnisse warten müssten. Das ist die Vision, sagt Moser.

Von Oliver Fischer

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