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Das Loch und der Ball

MAZ-Serie: „In der neuen Heimat“ Das Loch und der Ball

Für Mohammed Yassin und seine Frau Rabiha wird es jetzt ernst. Sie müssen Deutsch lernen. Rabiha besucht schon seit einer Woche einen Kurs in Berlin, Mohammed wartet noch darauf, dass sein Kurs beginnt. Aber er hat sich immerhin schon eine Methode ausgedacht, mit der sich die Sprache handhaben lässt. Vielleicht.

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Deutsch? Kein Problem. Man braucht nur gute Eselsbrücken: Mohammed Yassin.

Quelle: Oliver Fischer

Ludwigsfelde. Das neue Wort heißt „buchstabieren“. Nicht bucha-stabieren, nicht bustabieren sondern buch – sta – bieren. Rabiha Yassin sitzt in ihrer Wohnung, verknotet sich erst die Zunge und verdreht dann, als sie das Wort auch beim dritten Mal nicht fehlerfrei herausbekommt, die Augen und winkt ab. Mohammed, ihr Mann, kann es nicht mit anhören. „Buchstabieren!“ ruft er und wirft die Arme in die Luft. Anschließend schaut er um sich wie ein Mathe-Genie, das gerade einen wichtigen Beweis geführt hat und sich die allgemeine Anerkennung abholen will. „Buchstabieren, kein Problem“, sagt er.

Dabei ist es doch Rabiha, die seit einer Woche jeden Tag zum Deutschkurs nach Neukölln fährt. Jeden Tag sitzt sie dort mit etwa 20 anderen Frauen zusammen, lernt bis zum frühen Nachmittag Vokabeln, kämpft sich durch Texte, buchstabiert und füllt Übungsblätter aus. Sie wiederholen Begrüßungsformeln und schreiben einfache Sätze aus Geschichten auf, Sätze wie „Ich heiße Niko“, „Wer ist das?“ oder „Das ist Schnuffi“.

Keine Angst vor Fehlern

Deutschlernen ist für Rabiha jetzt ihr täglich Brot. Das falle ihr auch nicht so schwer wie einigen anderen im Kurs, sagt sie. Anders als andere Frauen hat sie kein Problem damit nachzufragen. Sie geniert sich nicht zu reden, auch wenn sie weiß, dass sie Fehler macht. „Ich spreche falsch, aber ich spreche“, sagt sie. Das erleichtert das Lernen ungemein. Außerdem hat sie den Klang der Sprache inzwischen im Ohr, der Fernseher läuft schließlich oft und montags kommt auch ihre Freundin Hannelore immer noch, die mit ihr und den Kindern Konversation betreibt. Es sind also gute Grundlagen da. Aber wenn in einem Wort Zischlaute auftauchen, dann vermurkst Rabiha immer noch vieles. Statt vierzig sagt sie „viersitsch“, statt Entschuldigung sagt sie „Enschludigung“. Das muss alles noch besser werden.

Mohammed wüsste, wie. Er hat seine eigene Methode. Er merkt sich arabische Wörter, die den deutschen ähneln. Das arabische Wort für Spinne etwa heißt „Ankebut“. Das klingt wie Angebot. Seit Mohammed das aufgefallen ist, erkennt er Angebote im Supermarkt und er kann das Wort fehlerfrei aussprechen. Ähnlich verhält es sich mit buchstabieren. „Busch’sch“ bedeutet Loch auf Arabisch. „Tabie“ ist umgangssprachlich für Ball. Mann hängt beides aneinander, sagt Mohammed. Und voilà! Fast hat man buchstabieren.

Die Kinder verständigen sich problemlos

Tatsächlich kommt den Syrern zugute, dass das Arabische über ähnliche Vokale und Konsonanten verfügt wie das Deutsche. Im Gegensatz zu Chinesen, Indern oder Franzosen fällt ihnen die Aussprache des Deutschen eher leicht. Darauf setzt auch Mohammed. Er sieht, dass viele Syrer aus dem Heim inzwischen passabel bis ausgezeichnet Deutsch sprechen, auch seine Kinder Hala und Rabi verständigen sich problemlos. Dass Mohammed selbst außer den paar aufgeschnappten Brocken noch immer nicht viel spricht, liegt daran, dass er bisher keinen Kurs belegen konnte und damit auch das Heim kaum verlässt. Bis vor zwei Wochen hat er wenigstens noch Sport getrieben, aber das geht derzeit auch nicht, weil ihn immer noch ein Rückenleiden plagt. Und einfach mal so vor die Tür zu gehen, ergibt in der Flur zwischen Industriegebiet und Gleisbett, in der das Flüchtlingsheim angesiedelt ist, auch wenig Sinn.

Mohammed beginnt Mitte Februar einen Deutschkurs

Aber ab Mitte Februar wird auch für Mohammed vieles anders. Dann nämlich beginnt er seinen Deutschkurs, und zwar an der selben Schule wie Rabiha. Sie werden sich zur gleichen Zeit mit den gleichen Umlauten und Grammatikregeln abplagen, nur in unterschiedlichen Räumen bei unterschiedlichen Lehrern. Aber immerhin können sie morgens gemeinsam in die Großstadt fahren – und das ist nicht unwichtig für Mohammed. In den 20 Jahren, die er auf dem Schiff verbracht hat, war er in den Millionenstädten der Welt zuhause. Er hat zum Teil Wochen in Rio, oder Kapstadt verbracht, bis sein Schiff wieder fertig war für die Weiterreise. Und auch Latakia, seine Heimatstadt, hat eine halbe Million Einwohner und die Möglichkeiten einer Metropole. „Im Vergleich dazu ist es etwas eng in Ludwigsfelde“, sagt Mohammed. Er sagt es erst in Arabisch, dann in Englisch. Nicht auf Deutsch. Zu kompliziert. Auf Deutsch kann er bisher nur „buchstabieren“ sagen.

Die Familie Yassin ist wegen des Bürgerkriegs aus Syrien geflohen. Die Eltern Rabiha und Mohammed leben mit ihren Kindern Hala, Rabi und Meis im Flüchtlingsheim am Ludwigsfelder Birkengrund. Die MAZ begleitet sie und berichtet wöchentlich über ihr Leben in der neuen Heimat.

Von Oliver Fischer

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