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Das große Fasten: Eine harte Zeit für Raucher

MAZ-Serie: In der neuen Heimat Das große Fasten: Eine harte Zeit für Raucher

Im vorigen Jahr war der Ramadan für die Yassins schon hart, in diesem Jahr aber führt er sie an die körperlichen Grenzen. Die Tage sind lang, die Nächte auch, es gibt kaum Schlaf – und das Nikotin fehlt an allen Ecken und Enden.

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Schlafen geht nicht: Rabiaa muss auf die kleine Meis aufpassen.

Quelle: Foto: Oliver Fischer

Ludwigsfelde. Als Mohammed Yassin um kurz nach 8 Uhr nach Hause kommt, sein Sakko auszieht und seine Frau begrüßt, hat er das Schlimmste an diesem Tag schon überstanden: die vier Stunden Deutschkurs am Nachmittag mit leerem Kopf und leerem Magen. Genau wie jeden Tag in den vergangenen zwei Wochen hat Mohammed in seiner Neuköllner Schule gesessen, versunken hinter seinem Tisch. Der Lehrer hat versucht, ihm und den anderen im Kurs zu erklären, was die Wörter „vorne“ und „hinten“, „oben“ und „unten“ bedeuten, und wie man sie richtig benutzt. Aber Mohammed konnte nicht recht folgen. Er dachte an andere Dinge. An die Pizza seiner Frau, an sein Bett und an seine Zigaretten. Vor allem an die.

Normalerweise raucht Mohammed 20 Stück am Tag, manchmal auch mehr. Heute aber ist er seit 3 Uhr morgens ohne Nikotin geblieben, der Tag war für ihn ein einziger kalter Entzug, wenn auch für einen guten Zweck. Es ist Ramadan, neunter Monat des islamischen Mondkalenders, für Muslime wie Mohammed Yassin herrscht dann Fastenpflicht.

Von der Morgendämmerung bis zur Abenddämmerung darf ein Gläubiger keine irdischen Substanzen zu sich nehmen, so schreibt es der Koran vor. Er darf nicht essen, nicht trinken und Zigaretten sind ebenfalls verboten. Und der Anbruch der Dunkelheit rückt zu allem Überfluss mit jedem Tag weiter nach hinten. Während die Verwandten in Syrien schon um 8 Uhr Fasten brechen, durfte sich Mohammed am ersten Tag des Ramadans erst kurz vor halb zehn die erste Zigarette anstecken. Das ist inzwischen auch schon wieder zwei Wochen her, heute wird es noch später. Sicherheitshalber schaut Mohammed noch einmal auf den kleinen Fasten-Kalender, den seine Frau Rabiaa an die Wand über dem Esstisch gepinnt hat. Der zerknitterte Zettel sagt für diesen Montag den Beginn der Abenddämmerung um 21.34 Uhr voraus. Noch eineinhalb Stunden also. Mohammed zieht die Augenbrauen hoch, stellt den Tabakbeutel auf den Küchentisch und beginnt stumm, Zigaretten zu drehen.

Auch Rabiaa ist nicht wirklich nach Reden zu Mute. „Ich bin müde“, sagt sie und gähnt wie zum Beweis, dabei sprechen schon ihre Augenringe Bände. Sie hat in der vergangenen Nacht etwa drei Stunden geschlafen, und in den Nächten davor war es auch nicht mehr. Stumm schiebt sie Reis in den Herd, gießt Dattelsaft in Gläser, schneidet Tomaten für den Salat und Melonen, die es später noch geben wird. Was sie bei Abenddämmerung zuerst tun wird, rauchen oder essen? Sie wisse es nicht, sagt sie. Es bleibt ja für beides genügend Zeit.

Tatsächlich sind die Nächte lang im Ramadan. Nach dem Essen geht es üblicherweise runter in den Hof, wo dann Syrer, Tschetschenen, Kurden und Perser zusammensitzen, ihren Nikotinspiegel hochrauchen und die Weltlage, den lokalen Wohnungsmarkt und die Dribbelkünste von Cristiano Ronaldo besprechen. Gegen Mitternacht wird ein zweites Mal gegessen, etwas Obst und etwas Salat, zweieinhalb Stunden später folgt ein drittes Mahl. Gegen drei Uhr geht es ins Bett, was kein wirkliches Problem ist, sofern man am nächsten Morgen ausschlafen kann.

Vor einem Jahr zur selben Zeit ging das. Die Yassins lebten damals ein anderes Leben. Es war angespannter, ungeklärter, ihre Tage waren eingebettet in ein Gerüst aus Hoffen, Beten und Warten. Aber warten kann man genauso gut im Bett. Rabiaa blieb während des Ramadans bis zum Mittag liegen, Mohammed stand manchmal erst am Nachmittag auf. Jetzt aber klingelt Rabiaas Wecker spätestens um halb sieben. Sie quält sich dann aus dem Bett, macht die Kinder für die Schule fertig und fährt selbst zum Deutschunterricht nach Berlin. Nachmittags döst sie manchmal zu Hause noch eine Stunde, aber wirklich schlafen gehe nicht, sagt sie. Jemand muss auf Meis aufpassen. „Das ist schwer, aber mein Gott will es so, und das Fasten bereichert auch. Dinge werden wertvoller, wenn man sie nicht immer und überall haben kann“, sagt Rabiaa.

Ihre Kinder müssen auf diese Erkenntnis allerdings noch etwas warten. Rabiee und Hala wollten zwar unbedingt mitfasten, aber nach den islamischen Regeln müssen sie nicht, sie sind noch nicht in der Pubertät. Und Rabiaa hat es ihnen deshalb auch verboten, zumal Rabiee einmal in der Schule fast mit dem Kopf auf dem Tisch eingeschlafen war.

Um kurz vor halb zehn klopft es an der Tür. Es ist Bahos aus dem Quergebäude, ein drahtiger Endzwanziger, gelernter Koch aus Damaskus und Freund der Familie. Er kommt jeden Abend zum Essen vorbei. „Er wäre sonst alleine, und im Ramadan soll niemand alleine sein“, sagt Rabiaa.

„Wie geht’s?“, fragt er Mohammed auf Deutsch. Mohammed nickt zunächst nur stumm und erzählt dann doch, dass er am nächsten Morgen um 8 Uhr einen Termin beim Jobcenter in Zossen hat. Der Bus nach Zossen fährt leider nur alle zwei Stunden. „Ich muss um sechs an der Haltestelle stehen“, sagt Mohammed. Dass er von dem Gespräch dort viel verstehen wird, glaubt er nicht. Er zuckt mit den Schultern. Bahos setzt sich auf den letzten freien Küchenstuhl, klaubt sich Salat und ein Stück Pizza auf den Teller und schaut auf sein Telefon. Es ist 21.34 Uhr, Beginn der Abenddämmerung.

Rabiaa grinst ein stummes Dankesgebet und gießt sich ein Glas Dattelsaft ein. Mohammed beißt in seine Pizza. Bahos schiebt sich Salat und Zigarette zugleich in den Mund. Doppeltes Fastenbrechen. Gelernt ist gelernt.

Von Oliver Fischer

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