Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 8 ° bedeckt

Navigation:
„Den Absperrhahn findet man immer“

Das MAZ-Fachgespräch „Den Absperrhahn findet man immer“

In 35 Berufsjahren hat Andreas Mücke den grundlegenden Wandel einer ganzen Branche erlebt. Als der Zossener 1980 mit der Lehre anfing, war er noch Klempner. Heute heißt sein Beruf Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Im Fachgespräch spricht er über Reinhard Mey, Verstopfungen und Notrufe am Weihnachtsabend.

Voriger Artikel
S-Bahn bleibt auf der Wunschliste
Nächster Artikel
Kreishaus zeigt Grafiken von Mathias Wunderlich

Andreas Mücke ist Klempnermeister, oder korrekt: Anlagenmechaniker für Heizung, Sanitär und Klimatechnik.

Quelle: Fischer

Zossen. Der Zossener Andreas Mücke (52) ist nicht nur selbstständiger Installateur und Inhaber einer Firma mit insgesamt fünf Beschäftigten, sondern auch stellvertretender Obermeister der Innung Sanitär-Heizung-Klempner-Klima im Landkreis Teltow-Fläming. Das MAZ-Fachgespräch findet in seinem Büro statt. Mücke trägt eine blaue Arbeitshose, er muss später noch zu einem Außentermin.

Herr Mücke, kennen Sie das Lied „Ich bin Klempner von Beruf“ von Reinhard Mey?

(gequält) Ja, natürlich.

Der Klempner kommt in dem Lied als großspuriger Werkzeug-Freak daher, der nur Unsinn anstellt und die vorhandenen Havarien eher noch verschlimmert. Erkennen Sie Ihren Berufsstand darin wieder?

Nein. Aber das Lied ist auch 40 Jahre alt. Unser Beruf hat sich seither so grundsätzlich gewandelt wie kaum ein anderer. Den klassischen Klempner, der mit der Rohrzange in der Hand und einem Stück Rohr über Schulter in die Wohnung kommt, den gibt es so nicht mehr. Wir tragen heute in einer Hand die Werkzeugtasche, in der anderen den Laptop.

Sie sind seit 1980 dabei. Wie haben Sie den Wandel erlebt?

Der hat sich in vielerlei Hinsicht niedergeschlagen. Nehmen Sie nur das Material. Als ich gelernt habe, wurden noch Bleirohre gelötet. Die sind heute längst verboten. Dann kam das verzinkte Stahlrohr, in das wir den lieben langen Tag Gewinde geschnitten haben. Dann kam Kupfer, die Rohre wurden erst gelötet, später gepresst. Und jetzt wird nur noch Kunststoff verlegt.

Sie warnen also heute die Kunden vor den Rohren, die Sie früher selbst montiert haben?

Ja. Das Verständnis für Wasserqualität ist heute ein anderes, und wir versuchen, Hauseigentümer dafür zu sensibilisieren. Ich finde das auch enorm wichtig. Wasser ist unser Lebensmittel Nummer eins, dem sollte man viel mehr Beachtung schenken. Auf einem Joghurtbecher finden Sie alle möglichen Angaben, jeder Inhaltsstoff ist dort aufgelistet. Unser Trinkwasser aber wird immer noch durch irgendwelche Rohrleitungen gepumpt und durch irgendwelche Billigarmaturen mit schlechter Galvanik geleitet. Das Bewusstsein dafür gehört zum Wandel in unserem Beruf dazu, der sich im Übrigen auch in wechselnden Berufsbezeichnungen widerspiegelt.

Sie sind gar kein Klempner mehr?

(lacht) Nein. Es stört mich nicht, wenn man mich so nennt, aber Klempner im klassischen Sinn waren eigentlich nur diejenigen, die Dächer mit Blech verkleidet und Dachrinnen angebaut haben. Der Begriff hat zwar in unserem Berufsstand Einzug gehalten, aber dann hießen wir auch schon bald Installateure, später Gas- und Wasserinstallateure und Heizungsbauer. Heute heißt der Beruf Anlagenmechaniker für Heizungs-, Sanitär- und Klimatechnik. Das ist nicht nur ein neuer Name, wir bilden auch eine andere Bandbreite ab als früher. Das Stemmen, das Rohre-Verlegen, der ganze Dreck – das ist nur noch ein kleiner Teil.

Wie klein?

Vielleich 15 Prozent. 85 Prozent sind Heizungstechnik. Aber wo Heizkörper an der Wand hängen, da müssen eben auch Rohre hin.

Bei Reinhard Mey ist von Heizungen überhaupt keine Rede. Wieso nehmen die heute einen so viel größeren Stellenwert ein?

Ganz einfach: Früher gab es bei der Heizung nur eine Maßgabe – es musste warm werden. Wo die Energie dafür herkam und wo sie hinging, das war nebensächlich. Heute ist das nicht mehr so einfach. Es gibt zahlreiche gesetzliche Regelungen. Und die Hauseigentümer wissen auch, dass drei Viertel der gesamten Energie im Haus über die Heizung verbraucht wird. Deshalb wollen alle effizient umrüsten, um Kosten zu senken. Und das setzt wiederum auf unserer Seite ein Fachwissen voraus, das in den 70er Jahren noch nicht nötig war. Deshalb müssen wir uns auch ständig weiterbilden und einmal im Jahr eine Schulung besuchen. Wenn wir das nicht machen, verlieren wir unsere Konzession.

Nach all den Jahren im Job, wie ist heute Ihr Verhältnis zu Wasser?

Man steht Katastrophen gelassener gegenüber. Sicher, wenn Wasser aus der Decke sprudelt, ist das für die Bewohner furchtbar, und viele Kunden sind mit einer solchen Situation völlig überfordert. Aber ich weiß, dass ich das mit einem Absperrhahn zum Stillstand bringen kann. Das gibt mir eine gewisse Gelassenheit.

Was, wenn Sie den Absperrhahn nicht finden?

Den findet man immer.

Für solche Notfälle müssen Sie rund um die Uhr in Bereitschaft sein, richtig?

Ja. Wenn bei minus zehn Grad die Heizung ausfällt oder wenn ein Rohr spritzt, da kann man nicht erst einen Termin machen. Da muss man reagieren. Das ist auch der große Unterschied zu anderen Handwerksberufen wie Tischler oder Maler. Wenn der Maler seine Wand nicht fertig bekommt, dann macht er morgen weiter. Wenn beim Tischler die Tür schief ist, dann klemmt sie, aber mehr passiert nicht. Wenn es bei uns einen Zwischenfall gibt, dann brechen Stress und Hektik aus, und zwar zu jeder Tages- und Nachtzeit. Wobei ein Einsatz in der Nacht die Ausnahme ist. Meistens werden wir zu Heizungsstörungen gerufen, und Heizungen gehen grundsätzlich am Wochenende kaputt, das ist einfach so (lacht).

Können Sie denn wenigstens die Weihnachtstage ungestört im Kreise der Familie verbringen?

Nein. Drei Tage ohne Notfall, das ist ausgeschlossen. Aber ich beschwere mich nicht. Eine Krankenschwester muss an den Feiertagen auch arbeiten. Die Frage ist nur: Ab wann ist ein Notfall ein Notfall? Wenn im Sommer bei 20 Grad die Heizung ausfällt, muss man vielleicht kalt duschen. Das ist unangenehm, aber ich weiß nicht, ob man in solchen Fällen immer um 22 Uhr den Installateur rufen muss. Manche Kunden differenzieren da nicht.

Wenn im Film ein Wasserschaden gezeigt wird, dann sieht man immer einen dicken Strahl Wasser aus der Küchenwand spritzen. Hatten Sie das auch schon mal?

Klar. Das ist so etwas wie die Äquatortaufe für einen Installateur, da muss jeder mal durch. Der größten Schaden, an den ich mich erinnern kann, war ein Frostschaden in einem Mehrfamilienhaus. Das Wasser lief vom Dachgeschoss über drei Etagen bis in den Keller. Dort stand es einen Meter hoch, die Feuerwehr musste es abpumpen. Da kann man als Installateur natürlich nicht mehr viel tun.

Mal eine praktische Frage an den Experten: Darf man eigentlich Tempo-Taschentücher in der Toilette entsorgen?

Problematischer sind sicher Feuchttücher. Weniger für die Rohrsysteme als für die Klärwerke. Aber generell gilt, dass in die Toilette eigentlich nur Fäkalien gehören. Keine Essensreste, kein Papier und auch sonst nichts.

Und was sind in der Küche die Hauptverursacher von Rohrverstopfungen?

Kaffeesatz und Tee. Pauschal kann man das aber gar nicht sagen. Das hängt auch mit den Rohrdurchmessern und den verwendeten Wassermengen zusammen. Früher, als es im Bad noch Spülkästen mit Strippe gab, da hat man bei jedem Spülvorgang zwölf Liter durch die Leitungen gejagt. Heute sind es bei hochwertiger Keramik noch dreieinhalb Liter. Wenn man dann zu große Röhren hat, werden die nicht richtig durchgespült. Dann setzt sich schneller etwas fest, es kommt zur Verstopfung.

... die aufzulösen sicher zu den unangenehmeren Seiten des Jobs gehört.

Das ist gar nicht unser Tagesgeschäft. Das letzte volle Klo, das wir gesehen haben, liegt Jahre zurück. Dafür gibt es heute den Beruf des Rohrreinigers.

Das Klischee „Gas, Wasser, Sch...“ ist also auch ...

... von vorvorgestern, richtig.

Herr Mücke, wie sind Sie überhaupt Klempner geworden?

Ende der 70er Jahre haben wir zuhause das Bad umgebaut, das muss prägend gewesen sein. Ich weiß noch, dass wir vorher einen Kohlebadofen hatten. Nachher kam das Wasser aus der Wand. Das war schon eine wesentliche Verbesserung. Wie die Handwerker das gemacht haben, das hat mich beeindruckt. Ich bin dann anschließend zum Chef gegangen und habe nach einer Ausbildung gefragt.

Ich nehme an, bei Ihnen erkundigen sich heute kaum noch junge Leute nach einer Lehrstelle, oder?

Wenn wir vor 20 Jahren einen Ausbildungsplatz ausgeschrieben haben, kamen 30 bis 40 Bewerbungen. Heute kommt keine einzige. Die Jugendlichen glauben, der Beruf bedeutet nur körperliche Arbeit, Schmutz und Dreck. Aber das ist ein Trugschluss, so ist es nicht mehr.

Aber weniger Azubis bedeutet weniger Klempner. Was wird aus Ihrer Sicht die Folge dieser Entwicklung sein?

Dass uns das Klischee einholt und wir irgendwann tatsächlich monatelang auf einen Klempner warten müssen. Und: Aufgrund der knapperen Angebote wird es auch Preisanstiege geben.

Reinhard Mey sang damals ja eigentlich ein Hohelied auf die Branche. Bei ihm heißt es: „Selbst in schweren Wirtschaftskrisen find’ ich Rohre hinter Fliesen, ist ein Unglück anzurichten und ein Abfluss abzudichten“. Ist der Installateur-Job heute immer noch krisensicher oder hat sich auch das gewandelt?

Das ist so, und zwar mehr als jeder andere Bereich des Handwerks. Ein kaputtes Auto wird man ohne das nötige Geld vielleicht nicht reparieren lassen. Bei der Heizung und beim Wasser aber hat man keine Wahl. Außerdem ist die Branche auch nicht abhängig von der Konjunktur. Selbst wenn gerade mal nichts gebaut oder modernisiert wird, hat man ja immer noch die jährlichen Wartungen. Ich würde jedenfalls den Beruf definitiv wieder ergreifen.


Von Oliver Fischer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Teltow-Fläming
57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

Sollte Rauchen im Auto verboten werden, wenn Kinder dabei sind?

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg