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Der Brief

MAZ-Serie: „In der neuen Heimat“ Der Brief

Nach ihrer Ankunft in Dortmund wollten die Yassins zunächst einen Verwandten in Brüssel besuchen. Ein fataler Fehler, denn dort wurden sie von der Polizei aufgegriffen und mussten ihre Fingerabdrücke abgeben. Nun glaubt das deutsche Flüchtlingsamt, sie hätten in Belgien Asyl beantragt – und hat die Abschiebung der syrischen Familie aus Ludwigsfelde angeordnet.

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Am Freitag vor einer Woche haben Mohamed Yassin und Rabiha Ghmera ihren Abschiebungsbescheid erhalten.

Quelle: Martin Küper

Dahmeland-Fläming. „Die Abschiebung nach Belgien wird angeordnet.“ Ein Satz wie ein Fallbeil, der selbst dann seine Wirkung entfaltet, wenn man kaum Deutsch spricht. Er steht in einem Brief, den die Yassins aus Ludwigsfelde am Freitag vor einer Woche erhalten haben. Es ist der größte Rückschlag, den die syrische Familie hinnehmen musste, seit sie vor elf Wochen im Flüchtlingsheim am Birkengrund eingezogen ist. Noch aber gibt es Hoffnung.

„Wir dachten, die Formalitäten wären geklärt.“

„Wir hatten meinen Bruder seit sieben Jahren nicht gesehen und dachten, die wichtigsten Formalitäten wären geklärt“, sagt Mohamed Yassin. Mohameds Bruder lebt im belgischen Brüssel, kurz nach ihrer Ankunft in Dortmund Mitte September wollten die Yassins ihren Verwandten für ein paar Tage besuchen. Es war jene turbulente Phase im Herbst, als Tag für Tag Tausende Menschen in Deutschland ankamen und der Staat alle Hände voll zu tun hatte, jedem wenigstens ein Dach über dem Kopf zu besorgen.

Die Yassins waren erschöpft, die kleine Meis war schwer krank, die Zustände in der Erstaufnahmeeinrichtung in Dortmund waren chaotisch. Also ließen sich die Yassins dort nur registrieren, um am nächsten Tag zum Bruder nach Brüssel zu reisen. Sie waren schließlich in Europa, dem Kontinent der offenen Grenzen, dachten sie. Doch aus dem geplanten Kurztrip wurden unfreiwillig zwei Monate und er endete mit einem Abschiebebefehl in flämischer Sprache.

Auf dem Bahnsteig in Brüssel festgehalten

Rabiha Ghmera hatte die Zugtickets für die Rückreise nach Nordrhein-Westfalen schon in der Tasche, als die Familie nach dem Verwandten-Besuch auf dem Bahnsteig in Brüssel von der Polizei aufgegriffen wurde. Man brachte sie auf eine Polizeistation, nahm die Fingerabdrücke und brachte sie in eine Flüchtlingsunterkunft. Einen Asylantrag stellten die Yassins nicht, das wollten sie in Deutschland tun. Aber weil sie fürchteten, in Deutschland Probleme zu bekommen, wenn sie nach der polizeilichen Registrierung in Belgien einfach zurückfahren, blieben sie zwei Monate dort, bis sie offiziell ausgewiesen wurden. Die Probleme kamen freilich trotzdem.

„Der Fall ist kompliziert, das habe ich in dieser Konstellation auch noch nicht erlebt“, sagt Benjamin Düsberg, ein Berliner Anwalt, der auf Asylrecht spezialisiert ist und an den sich die Yassins auf Empfehlung des Diakonischen Werkes gewandt haben. „Der Bescheid erscheint mir auch widersprüchlich, denn die Voraussetzung für eine Abschiebung nach den Dublin-Regeln ist die Bereitschaft in diesem Falle Belgiens, die Leute wieder aufzunehmen. Aber die Yassins sind ja aus Belgien abgeschoben worden.“ Die Dublin-Regeln besagen, dass Flüchtlinge in dem Land Asyl beantragen müssen, wo sie zuerst in der Europäischen Union angekommen sind. Düsberg hat gegen den Bescheid der Asylbehörde Klage eingereicht.

Anwalt ist optimistisch

„Wir haben schon eine Chance, das Verfahren zu gewinnen“, sagt der Anwalt. „Aber entscheidend ist, zu beweisen, dass die Yassins zuerst in Dortmund registriert wurden.“ Blöderweise hat die Familie aus Dortmund keinerlei Papiere. Nach ihrer Rückkehr aus Belgien sind die Yassins sofort nach Berlin gereist und weiter nach Eisenhüttenstadt. „Wir dachten ja, wir hätten uns registriert und haben gehofft, dass es mit der Bürokratie im Osten etwas schneller geht“, sagt Mohamed Yassin.

Die Ungewissheit und die Vorstellung, nach Belgien ausreisen zu müssen, setzen den Yassins zu. Aber unterkriegen lassen sie sich nicht, sie haben schließlich schon Schlimmeres durchgemacht. Rabiha will weiter ihren Deutschkurs besuchen, Mohamed sich einen Job suchen und Rabi und Hala haben sich mit Schule, Sport und Bibliothek ohnehin schon bestens eingelebt. Für sie wäre eine Abschiebung vielleicht am härtesten.

 Info: Die Yassins sind vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen und leben seit elf Wochen in einer Flüchtlingsunterkunft in Ludwigsfelde. Die MAZ begleitet die Familie und berichtet wöchentlich über ihr Leben in Deutschland.

Von Martin Küper

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