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„Der Fokus verändert sich“

Rechtsextremisten in der Region „Der Fokus verändert sich“

Angesichts der wachsenden Flüchtlingszahlen gehen rechtsextreme und neonationalistische Gruppierungen mit Angstmache und Parolen auf Stimmenfang. Andrea Nienhuisen und David Driese vom Mobilen Beratungsteam Trebbin kennen die rechtsextreme Szene in der Region seit Jahren. Ihrer Ansicht nach ist sie nicht größer geworden.

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Andrea Nienhuisen und David Driese beraten Kommunen und Privatleute.

Quelle: Anja Meyer

Dahmeland-Fläming. Andrea Nienhuisen und David Driese arbeiten für das Mobile Beratungsteam Trebbin (MBT) vom Toleranten Brandenburg, das in den Landkreisen Teltow-Fläming und Dahme-Spreewald tätig ist. Im Land Brandenburg sind aktuell sechs MBT-Teams im Auftrag der brandenburgischen Landesregierung im Einsatz. Sie beraten Kommunalpolitiker und Vertreter der Zivilgesellschaft zur kritischen Auseinandersetzung mit rechtsextremen Bewegungen vor der eigenen Haustür. So geben sie unter anderem Tipps zum Umgang mit Rechtsextremen und klären über die Szene auf. Im Interview sprechen Nienhuisen und Driese unter anderem über das Entstehen eines braunen Images von Städten und Gemeinden.

MAZ: Die aktuelle Flüchtlingskrise fordert Kommunen wie Bürger gleichermaßen heraus. Auf der einen Seite engagieren sich sehr viele Bürger ehrenamtlich für Flüchtlinge. Auf der anderen Seite werden Unterkünfte angezündet. Sehen Sie neue rechtsextreme Tendenzen in der Region?

David Driese: Ich sehe keine wirklich neue Form von Rechtsextremismus im Sinne einer neuen oder größeren rechten Szene. Das heißt nicht, dass es hier keine mehr gibt. Rechtes Gedankengut ist überall immer wieder zu finden – es gibt keine Orte, in denen alle Einwohner lupenreine Demokraten sind. Den organisierten Neonazis fehlte jedoch lange Zeit ein klares Thema. Das haben sie mit der zunehmenden Schwierigkeit der Unterbringung von Flüchtlingen wieder gefunden und springen an dieser Stelle auf. So finden sie zum Teil auch wieder Anklang in der Bevölkerung.

Andrea Nienhuisen: Gleichzeitig gibt es gerade in unserer Region eine sehr stark ausgeprägte Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge. Insgesamt haben sich in beiden Landkreisen mittlerweile bereits knapp 20 solcher Initiativen gegründet. Das kommt mir schon sehr viel vor. Nicht immer sitzen da zehn Leute an einem Tisch, aber mindestens vier sind es schon. Die Beratung und Unterstützung für Helfer ist in jüngster Zeit ein sehr wichtiger Teil unserer Arbeit geworden. Einige dieser engagierten Akteure werden auch von Rechtsextremen bedroht.

Ist die rechtsextreme Szene in unserer Region stark vertreten?

Nienhuisen: Der Fokus der rechtsextremen Szene verändert sich, es gibt immer wieder andere Schwerpunkte im Land – interessant ist, dass dieselben Akteure immer wieder auch in anderen Regionen auftauchen. Aktuell ist unsere Region nicht so stark betroffen wie andere. In den südlichen Landkreisen, an der Grenze zu Sachsen, sind traditionell mehr Rechtsextreme vereint. Das ist schon lange so. Zudem sind aktuell besonders das Westhavelland und Neuruppin betroffen. Dort geht unter anderem eine Bedrohung von der neuen rechtsextremen Partei „Der dritte Weg“ aus.

Driese: Die Partei „Der dritte Weg“ hat allerdings auch schon an Kundgebungen in Königs Wusterhausen teilgenommen und eigene Veranstaltungen in Zossen und in anderen Orten organisiert.

Königs Wusterhausen und Zossen haben immer noch das Image, rechte Hochburgen in Brandenburg zu sein. Wieso?

Nienhuisen: Dieses Image hat sich für Königs Wusterhausen in den 1990er Jahren festgesetzt. Damals gab es in der Stadt eine große rechtsextreme Szene. Als ich im Jahr 2003 angefangen habe, beim MBT zu arbeiten, erzählte man mir von einem Spruch, der in der Nähe des Königs Wusterhausener Bahnhofs gesprüht war: ‚Kommst du nach Königs Wusterhausen rein, soll dein erster Gruß Heil Hitler sein’. Mittlerweile hat sich viel verändert, vor allem durch viele zivilgesellschaftliche Initiativen, wie beispielsweise das 2007 gegründete Bündnis gegen Rechts. Der Höhepunkt rechter Kundgebungen war hier 2008, als hochrangige NPD-Kader in die Stadt kamen und ein nationales Jugendzentrum forderten.

Welche Erinnerungen haben Sie noch an die braune Phase von Königs Wusterhausen?

Driese: Das Phänomen der rechten Szene in Königs Wusterhausen kenne ich noch aus meiner eigenen Jugend: Ich bin 1984 geboren, in Mittenwalde aufgewachsen und in den 90ern in Königs Wusterhausen zur Schule gegangen. Das war eine andere Zeit als heute, damals gab es noch viel stärker ausgeprägte subkulturelle Jugendbewegungen. Man war offensichtlicher Skinhead, Punk oder Grufti. Die einzelnen Gruppen – vor allem rechte Skins auf der einen Seite und die linken Punks und Skins auf der anderen Seite – haben sich auch immer wieder geprügelt. Sie zeigten ihre Zugehörigkeit offen auf der Straße, zum Beispiel durch die Kleidung. So war es normal, Rechtsextreme in Bomberjacken in der Stadt zu sehen. Weil Königs Wusterhausen ein zentraler und infrastrukturell gut angebundener Schulstandort ist, trafen sich diese Szenen vor allem dort.

Hintergrund

Das Mobile Beratungsteam (MBT) für die Region hat seinen Sitz in Trebbin, Bahnhofstraße 44.

Die Mitarbeiter Andrea Nienhuisen und David Driese sind erreichbar unter  03 37 31/3 29 09.

Sie sind Ansprechpartner zu allen Fragen zum Thema Rechtsextremismus sowie zur Entwicklung des demokratischen Gemeinwesens in den Landkreises Dahme-Spreewald und Teltow-Fläming.

Die Hilfsangebote des MBT sind vielfältig. Das Team berät etwa bei Bedarf bei Einwohnerversammlungen, zum Beispiel zur Unterbringung von Flüchtlingen, aber auch zur Leitbildentwicklung in Kommunen.

Zudem werden verschiedene Coachings, Elternberatung, Argumentationstrainings, Beratungen zur Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie zu Herausforderungen in ländlichen Räumen angeboten. Auch Konfliktmoderation gehört zur Palette.

Wieso hat sich das schlechte Image einiger Städte und Gemeinden außerhalb gehalten?

Nienhuisen: Das ist vor allem ein Berliner Phänomen. Wenn es einen rechtsextremen Vorfall in Brandenburg gibt, fahren Berliner Journalisten raus und berichten über den Vorfall. Danach wird er nicht weiter verfolgt – die Stigmatisierung jedoch bleibt. Das geht nicht nur Königs Wusterhausen so, sondern auch Zossen, Trebbin oder Blankenfelde-Mahlow – das Image von Städten und Gemeinden leidet immer darunter, wenn ein rechtsextremer Übergriff vorkommt. In Zossen haben die neonationalsozialistischen „Freien Kräfte“ ab 2009 eine extreme Bedrohung aufgebaut. Deshalb war die Stadt Zossen in der Zeit 2009/2010 auch eine Schwerpunktregion in unserer Arbeit. Ich würde aber niemals sagen, dass Zossen eine rechtsextreme Stadt ist. Da kamen viele Faktoren zusammen.

Welche?

Driese: In Zossen haben sich rechtsextreme Kräfte aus dem Landkreis gebündelt, weil die Stadt so zentral in Teltow-Fläming liegt. Für die Szene ist es viel effektiver, sich zusammenzutun, als vereinzelt zu arbeiten. Es gibt überall noch Rechte, wenn sie zusammenkommen, wird es gefährlich. Gleichzeitig muss man auch sehen, dass sich in Zossen 250 Menschen einer Kundgebung der rechtsextremen Partei „Der dritten Weg“ gegen die geplante Erstaufnahmeeinrichtung in Wünsdorf entgegengestellt haben.

Was können stigmatisierte Städte und Gemeinden tun, um das Image wieder loszuwerden?

Nienhuisen: Es gibt zwei Wege, damit umzugehen. Zum einen können sie eine gute Öffentlichkeitsarbeit machen und zum anderen verschiedene interne Kommunikations- und Entwicklungsprozesse anstoßen. Hier stehen wir den Kommunen als Berater zur Verfügung.

Driese: Ob eine Stigmatisierung vorliegt oder nicht: Die Aufklärung über rechtsextreme Kräfte ist von Anfang an wichtig. Wenn die Menschen in einer Gemeinde über rechtes Gedankengut – zum Beispiel in Feuerwehren oder Elternversammlungen – Bescheid wissen, können sie Äußerungen aus dieser Richtung nicht nur einschätzen, sondern auch lernen, damit umzugehen und einen eigenen Standpunkt beziehen. Dabei wirken wir unterstützend.


Von Anja

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