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Der Hirte, der nie aufgegeben hat

Schäfer bei Trebbin Der Hirte, der nie aufgegeben hat

Sein Beruf wurde ihm in die Wiege gelegt, schon der Vater betrieb eine Schäferei. In der DDR trat Lutz Ritter mit 14 Jahren in die Fußstapfen seines Vaters. Seitdem hatte er ein bewegtes Leben mit vielen Höhen und Tiefen – doch er ist froh, nicht aufgegeben zu haben. Er ist einer der Letzten seiner Art. Unsere Volontärin hat ihn besucht.

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Das vier Tage alte Lamm, Reporterin Melanie Höhn und Lutz Ritter.

Quelle: Bauer

Dahmeland-Fläming. Stille. Frische Luft. Wolkenloser Himmel. Wenn Schäfermeister Lutz Ritter seine Arbeit beginnt, genießt er die Ruhe vor dem Sturm, die Idylle des dämmernden Morgens, bevor der Lärmpegel seiner Tiere ihn den ganzen Tag über begleitet – sein Beruf zählt zu den ältesten Gewerben der Welt. Der 56-Jährige ist einer der letzten Schäfer im Landkreis Teltow-Fläming, er bewirtschaftet 216 Hektar Grünland rund um den Ort Stangenhagen bei Trebbin. Zusammen mit seinem Geschäftspartner Mario Köhler kümmert er sich um 500 Mutterschafe und 600 Lämmer, die etwa 1,7 Tonnen Wolle pro Jahr produzieren. Lutz Ritters Frau ist ebenfalls involviert und hält ihm den Rücken frei, sie übernimmt die Buchhaltung.

An einem der wenigen sonnigen Tage Ende April mache ich mich auf den Weg nach Trebbin. Ein langer holpriger Pfad, der von der Straße abgeht, führt zu der weiten Wiese und dem Stall der Schäferei auf einem kleinen Hügel. Von dort aus hat man einen freien Blick auf die umliegende Landschaft. Schon von weitem kann ich Lutz Ritter an seinem großen Hut erkennen – er kommt aus einer Schäferfamilie und begann seine Lehre im Alter von 14 Jahren.

Beruf in die Wiege gelegt

Es war ihm in die Wiege gelegt, diesen Beruf zu ergreifen, wie er sagt. Im Stall angekommen, vereinigt sich das Blöken der Lämmer zu einem Geräusche-Chaos, doch die Erscheinung des Schäfers ist der Gegenpol zu diesem Durcheinander: Mit seiner ruhigen Art bewegt er sich gelassen, sein Gesicht ist offen und freundlich.

Das Heu muss für die Lämmer auf die Futterraufe

Das Heu muss für die Lämmer auf die Futterraufe.

Quelle: Bauer

Zunächst müssen wir den Hunger der Tiere stillen – Lutz Ritter und ich schaufeln zusammen das Heu auf die Futterraufe. Sofort werden die Lämmer darauf aufmerksam und stürzen sich auf das Futter. Damit die Schafe, die noch auf der Weide sind, später ein weiches Bett haben, verteilen wir anschließend Stroh. „Wichtig ist mir, dass hier immer alles schön sauber ist“, sagt Lutz Ritter – gesagt getan, kurz darauf fegen wir die beiden Eingangsbereiche.

Unsicherer Neubeginn nach der Wende

„Ich kann sehr genau erkennen, ob ein Schäfer eine gewisse Ordnung und Sauberkeit hat“, berichtet der Familienvater. Während wir arbeiten, erzählt er viele Geschichten aus seinem Leben als Schäfer in der DDR-Zeit. „Damals waren wir privilegiert, doch mit der Wende war auf einmal alles anders. Das riss uns den Boden unter den Füßen weg“, erinnert er sich. „Alle Schäfer hatten schlaflose Nächte“, sagt er.

1992 gründete er mit Mario Köhler den jetzigen Betrieb, er hatte Glück. „Es war schwierig, ohne Sicherheiten einen Kredit zu bekommen, aber wir versuchten es.“ Schon oft wollten sie das Geschäft aufgeben, doch Freunde und Geschäftspartner halfen ihnen immer wieder. Heute ist er froh und stolz, seinen Beruf noch immer ausüben zu können. Noch während seiner Ausbildung wurde er ins kalte Wasser geschmissen, denn er musste in seinem dritten Lehrjahr den Stall seines Vaters übernehmen, weil dieser verstarb.

Während ich Lutz Ritter anschaue, merke ich, dass Seelenruhe und eine Art Frieden von ihm ausgehen. Ihn scheint nichts so leicht aus der Fassung zu bringen, er hat seinen Platz im Leben gefunden. „Die Tiere müssen jeden Tag versorgt werden, es ist ein Job an sieben Tagen in der Woche“, bringt er mich wieder in die Realität zurück. Zusammen mit seinem Geschäftspartner, der ebenfalls in der Branche groß geworden ist, wechselt er sich mit den anfallenden Arbeiten ab. In den vier bis sechs Wochen Lammzeit, wie es im Schäferjargon heißt, wenn die Tiere von Mitte Februar bis Ende März geboren werden, schläft Lutz Ritter nur etwa vier bis fünf Stunden am Tag und ist auch nachts im Stall.

Die Schafherde von Lutz Ritter wird am Nachmittag in den Stall gebracht, bis dahin weiden die Tiere in Ruhe

Die Schafherde von Lutz Ritter wird am Nachmittag in den Stall gebracht, bis dahin weiden die Tiere in Ruhe.

Quelle: Melanie Höhn

Aufgeregt führt er mich zu einem etwas abgelegenen Bereich des Stalls und drückt mir vorsichtig ein vier Tage altes Lamm in die Hände, eine besondere Erfahrung für mich. „Es ist das letzte für dieses Jahr. Wir haben auch schon Vierlinge und 17 Drillinge in dieser Saison zur Welt gebracht“, sagt der Schäfer. Er fügt hinzu: „Wir sind halbe Tierärzte, denn wir müssen uns mit Geburtshilfe und Operationen gut auskennen.“

Auch über Giftpflanzen weiß Ritter genau Bescheid und ist daher auch eine Art Landschaftsgärtner. Während wir sprechen, bestellen zwei Bekannte 17 Bunde Heu bei ihm, sie besiegeln ihr Geschäft per Handschlag – für Lutz Ritter zählt das wie eine Unterschrift. Seine Eigenständigkeit ist ihm sehr wichtig: „Ich mache von Heu bis Stroh alles selbst.“ Er sei zwar oft allein während seiner Arbeit, doch es gibt genug Gelegenheiten, bei denen er unter Menschen ist: Etwa wenn ihn Schulklassen besuchen.

Eigenständigkeit und Freiheit

Inzwischen ist es später Vormittag geworden, die Lämmer brauchen noch ihre Pellets, eine Mischung aus gepresstem Getreide, Mais, Sonnenblumen, Raps und Mineralstoffen. Lutz Ritter steuert den Bagger, ich hieve die Pellets mit einem Spaten auf die Schaufel des Baggers, damit der Schäfer sie in den Futterautomaten befördern kann.

 

Quelle: Bauer

Langsam wird es Zeit, auf die Weide hinauszufahren und nach den Schafen zu schauen. Lutz Ritter ist froh über den sonnigen Tag. „Gestern war es richtig ungemütlich“, sagt er zu mir, als wir auf der Wiese ankommen und die Schafherde beobachten. Sein Blick schweift in die Weite, wo viele Pflaumen-, Apfel- und Kirschbäume stehen, die er an Baumpaten verpachtet hat. So wird der Erhalt der hochstämmigen Baumsorten unterstützt. Lutz Ritter muss noch die Wiese walzen, bevor er am Nachmittag die Schafe zu den Lämmern in den Stall bringt. In ein paar Jahren wird er seinen Betrieb altersbedingt abgeben müssen, er hofft, einen Nachfolger zu finden. Bis dahin genießt er seine Eigenständigkeit und die Freiheit in einem aussterbenden Beruf.

Von Melanie Höhn

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