Volltextsuche über das Angebot:

28 ° / 14 ° Gewitter

Navigation:
Der Kriminalfall von Uckro

Schießerei sorgte für Fahndungsaktion Der Kriminalfall von Uckro

Am Bahnhof von Uckro ist vor 60 Jahren ein Volkspolizist niedergeschossen worden. Darauf folgte eine der größten und peinlichsten Fahndungsaktionen. Die MAZ mit Zeitzeugen über die Ereignisse von damals gesprochen.

Voriger Artikel
Poetische Herbstszene vor historischer Kulisse
Nächster Artikel
Der pefekte Ort für Thriller

Uckro. Hermann Grummini war auf der Stelle tot. Ein Mann mit mächtigem Körper, 47 Jahre alt, Volkspolizist. Als ihn die Kugel in die Brust traf, sackte er in die Arme seines Kollegen. In einer Oktobernacht 1953 war das, in dem Bahnhofsgebäude des Dorfes Uckro (Dahme-Spreewald), genau 60 Jahre ist das her. Was diesem einen Schuss folgte, ging als größte Fahndungsaktion in die 45-jährige Geschichte der Volkspolizei ein. Und vermutlich auch als ihre peinlichste.

„Tatzeit. Große Fälle der Deutschen Volkspolizei“, heißt das Buch, in dem sich der 2006 verstorbene Autor und früherer Polizeikommissar Wolfgang Mittmann mit jener Oktobernacht in Uckro beschäftigte. Er stöberte in Akten, sprach mit Zeitzeugen und versuchte, den Fall weitgehend zu rekonstruieren. Wenn man seine Schilderungen liest, erinnert die Vorgehensweise der Volkspolizei eher an absurdes Theater als an eine wohl kalkulierte Fahndungsstrategie.

Die fünf Verdächtigen, nach denen immerhin mehr als 5000 Beamte fahndeten, waren Tschechen im Alter von 20 bis 25 Jahren. Freiheitskämpfer die nach Westberlin zu fliehen versuchten. Sie alle waren Söhne von Bürgerlichen und wurden in ihrer Heimat nach der Machtergreifung der Kommunisten 1948 zu Klassenfeinden erklärt und verfolgt. Auf ihrer Flucht waren sie in Uckro ausgestiegen. Die Polizei war allerdings schon alarmiert. Als der Uckroer Unterkommissar Helmut Strempel im Bahnhofsgebäude einem Tschechen die Hände aus der Brusttasche riss, feuerte dieser mit seiner Waffe eine Kugel auf Hermann Grummini ab und das Ereignis nahm seinen Lauf.

Die Tschechen schlugen sich gen Norden. Sie suchten in Scheunen und im Wald Unterschlupf. Über Töpchin, Kallinchen und am Ende dem Grenzbahnhof Mahlow, schafften es drei von ihnen nach West-Berlin. Die anderen beiden wurden gefasst und in der DDR zum Tode verurteilt.

Der Freiheitskämpfer

Zu den flüchtigen Tschechen gehörten die Brüder Ctirad und Josef Mašín.

Anfang der 1950er Jahre verübten sie mehrere antikommunistische Anschläge gegen das stalinistische Regime der Kommunisten.

Nach ihrer Flucht nach West-Berlin wanderten sie die Brüder in die USA aus und verpflichteten sich dort für fünf Jahre in der US-Armee in der Hoffnung, bald in der Tschechoslowakei eingesetzt zu werden, um dort den Kommunismus zu bekämpfen.

Als der Westen im Ungarischen Volksaufstand 1956 nicht eingriff, verloren sie diese Illusion.

Mit Republikflüchtigen hat die Polizei in jenen Jahren beinahe täglich zu tun gehabt. Trotzdem waren sie auf eine Situation wie diese nicht vorbereitet gewesen. „Sie haben nicht mit einem bewaffneten Überfall gerechnet. Das hat mit einer der beteiligten Kommissare versichert“, erzählt der Uckroer Paul Pundrich der MAZ. Er kann sich noch gut an jene Nacht erinnern. An den Lärm auf den Straßen, der Unruhe, an seine aufgebrachte Mutter. „Wir waren alle sehr besorgt, weil das Militär durch den Ort donnerte“, erzählt er. 24 Jahre war der Dresdner damals alt und gerade zu Besuch bei seinen Eltern. Trotz dieses Vorfalls musste alles seinen Gang gehen. Er sagt: „Was passiert ist, war schlimm. Doch der Krieg war noch nicht lange her. Wir waren einiges an Brutalität gewöhnt.“

Trotzdem macht ihn auch heute noch einiges wütend. Die entkommenen Männer wurden nach dem Mauerfall von manchen zu Helden stilisiert. Es gab Leute, die wollten ein Denkmal aufstellen, sagt er. Doch Paul Pundrich findet: „Wer die Freiheit will, darf dafür nicht andere Menschen töten.“

Getötet wurde allerdings vor allem in den eigenen Reihen. Die für die Volkspolizei tragische Bilanz jener Nacht: Drei unbeteiligte Zivilisten wurden angeschossen, mehrere Beamte verletzt. Neben Hermann Grummini starben drei weitere Polizisten. Allerdings missverständlich niedergestreckt – von eigenen Leuten.

Um ihre Kopflosigkeit zu vertuschen, hielt die Volkspolizei die Erkenntnisse über die Operation geheim. In Hohenseefeld bei Jüterbog schoss etwa ein von einem Rascheln aufgeschreckter Polizeianwärter in ein Gebüsch. Seine Kollegen, die in der Nähe nach den flüchtigen Tschechen suchte, feuerten los – und streckten den 18-jährigen nieder.

„Insgesamt war das ein furchtbares Ereignis, es hat mich traumatisiert“, erzählt ein Uckroer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Dennoch findet er: „Ob die Tschechen Helden waren, muss jeder für sich entscheiden.“

Von Marion Schulz

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Teltow-Fläming
MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg