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Teltow-Fläming Folge 47: Der Kürbis und der Kalk
Lokales Teltow-Fläming Folge 47: Der Kürbis und der Kalk
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17:46 30.10.2018
Rabiha beim Kochen. Leider vermisst sie in Deutschland einige Zutaten. Von „Kils“ etwa haben die Verkäufer noch nie etwas gehört. Quelle: Foto: Anja Meyer
Ludwigsfelde

Es ist 19 Uhr, die Nacht ist aufgezogen und normalerweise ist der spärlich beleuchtete Hof des Flüchtlingsheims am Ludwigsfelder Birkengrund bei Dunkelheit verwaist. Aber heute ist alles anders. Es hat geschneit – und Schnee ist auch nach einem Jahr noch immer etwas Besonderes für die meisten Heimbewohner. Ein gutes Dutzend Kinder flitzt deshalb noch durch die kalte Nacht, es sind Syrer, Afghanen, Tschetschenen. Sie bewerfen sich mit Schnee und rollen Kugeln, die Schneemannbäuche werden sollen.

Rabi Yassin rollt keine Schneekugeln. Er steht am Fenster der Yassinschen Wohnung und schaut nach draußen. Es soll gleich Abendbrot geben, und sein Tagwerk ist auch schon vollbracht. Den ganzen Nachmittag war Rabi im Schnee zugange. Am Ende stand ein knapp zwei Meter hoher Schneemann auf dem Hof, der alle anderen Schneefiguren überragte. Aus dem Küchenfenster sieht man ihn perfekt. Dumm nur, dass die Familie seit einer Woche nicht mehr in der Küche isst. Mohammed und Rabiha haben umgeräumt, das Kinderzimmer aufgelöst und das Doppelstockbett der Kinder ins Elternschlafzimmer gestellt. Jetzt nächtigen sie zu fünft in einem Raum, was zuweilen etwas unruhig sein kann, aber dafür haben sie ein Wohn- und Esszimmer, in dem Rabiha jetzt auch auftafelt. Von dem aus lässt sich allerdings der Schneemann nur erahnen, ein Baum steht im Weg.

Mutter Rabiha äußert sich trotzdem anerkennend zum Werk ihres Sohnes. Aus nächster Nähe will sie den Schneemann aber nicht betrachten. Sie kränkelt. „Ich habe die Wohnung nicht verlassen, die Hausarbeit ist anstrengend genug“, sagt sie. Trotz Halsschmerzen hat sie seit dem Morgen in der Küche gestanden, Salat geschnitten, Reis gekocht, einen Kuchen gebacken. Eigentlich wollte sie auch syrische Kürbis-Marmelade kochen, aber das stellte sich als schwierig heraus .

Für die Zubereitung benötigt man nicht nur Kürbis und Unmengen Zucker, sondern auch eine Substanz, die sich auf arabisch „Kils“ nennt und so etwas wie lebensmittelechter Löschkalk ist. Der Kürbis wird stundenlang darin eingelegt, so soll er auch beim Einkochen bissfest bleiben. Im Kaufland gibt es aber keinen Kils. Rabiha hat ihren Freund Martin beauftragt, den Kalk in Berlin zu beschaffen. Martin klapperte sechs türkische und arabische Supermärkte, einen Baumarkt und zwei Apotheken ab. Er kam mit leeren Händen zurück. „Ein arabischer Händler wusste genau, was ich meine. Er hat mir aber keine Hoffnung gemacht, das Zeug werde nicht importiert“, sagt er.

Rabiha schaut etwas konsterniert. So ist es manchmal. Auch wenn Berlin nahe ist und auch wenn die arabischen Geschäfte fast alles haben, was sie zum Kochen braucht: irgendwas fehlt. Und wenn es nur die Frische ist. „In Syrien hat jede Stadt mindestens ein Kräutergeschäft“, erzählt sie. Dort gibt es alles, was man in Suppen, Reisgerichte oder Fleischtöpfe rühren kann, und alles ist frisch. „Wenn man diese Läden betritt, hat man gleich freie Atemwege. Der Geruch ist so intensiv.“ Die meisten der Kräuter gibt es auch im Kaufland, und wenn dort nicht, dann in Neukölln. Aber sie sind natürlich getrocknet. Und getrocknete Kräuter geben nun mal nicht den Duft der Heimat ab.

Rabiha will aber nicht klagen. Ihr Zuhause ist jetzt Deutschland, sie muss ihr Leben hier regeln. Das läuft auch durchaus gut an. Sie hat eine Schule gefunden, in der sie und ihr Mann Mohammed ab Ende Januar einen Deutschkurs belegen können. Dort gibt es sogar eine Kinderbetreuung für die kleine Meis. Und sie haben auch einen Termin für ihr Interview beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Frankfurt (Oder). Das wird Mitte Februar stattfinden. Und da die Asylverfahren jetzt deutlich schneller geführt werden als noch vor einem Jahr, werde sie wohl spätestens im April ihre Papiere haben.

Als Rabiha davon erzählt, schaut Rabi aus dem Fenster. Es ist 21 Uhr, der Hof ist menschenleer. Die Kinder sind in ihre Zimmer verschwunden. Sie haben kleine Schneemänner hinterlassen. Der große aber, den Rabi mit eisigen Händen aufgetürmt hatte, ist umgekippt. Seine Bestandteile sind über den ganzen Platz verteilt. „So ein Mist“, flucht Rabi.

Die syrische Familie Yassin ist vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat geflohen und lebt jetzt in der Unterkunft im Ludwigsfelder Birkengrund. Die MAZ begleitet sie.

Von Oliver Fischer

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