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Der ständige Blick auf die Uhr

MAZ-Serie: „In der neuen Heimat“ Der ständige Blick auf die Uhr

In dieser Woche hat auch Mohammed seinen Integrationskurs in Berlin begonnen. Rabiha und er besuchen nun dieselbe Schule, jedoch zu unterschiedlichen Zeiten. So können sie sich doch selbst um Meis kümmern und brauchen nur ein Fahrticket. Um den Wechsel rechtzeitig zu schaffen, darf Rabiha nicht trödeln.

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Rabiha (r.) versteht sich gut mit ihrer Deutschlehrerin Karin Wiecha.

Quelle: Anja Meyer

Ludwigsfelde. Gut gelaunt steht Rabiha auf dem Gehweg vor ihrer Sprachschule in Berlin-Neukölln, raucht eine Zigarette und unterhält sich dabei mit ihren neuen Freundinnen aus dem Integrationskurs. Der Unterricht an diesem Vormittag ist vorbei, die Sonne scheint und die Sache mit den verschiedenen Formen des Possessivpronomens „mein“ hat sie heute richtig gut hinbekommen. Mein Sohn, meine Tochter, mein Mann. Ihr Sohn Rabi hatte sich schon beschwert, dass Rabiha zuvor immer von meine Sohn sprach. Er sei doch kein Mädchen! Rabiha muss lachen, als sie das ihrer Lehrerin Karin Wiecha erzählt, die gerade dazugekommen ist.

Komplimente auf Deutsch

Seit mehr als drei Wochen läuft der Frauen-Integrationskurs bei Karin Wiecha nun schon – Rabiha ist ganz begeistert von der jungen Lehrerin und ihrem Elan. „Du bist eine sehr gute Lehrerin“, sagt Rabiha, die gerne Komplimente verteilt, direkt

Karin Wiecha unterrichtet seit etwas mehr als einem Jahr an der Sprachenschule, derzeit hat sie einen Anfänger-Frauenkurs am Morgen und einen gemischten Kurs im A2-Niveau am Abend. Der Frauen-Integrationskurs läuft gut ein Jahr, am Ende sollen die Teilnehmerinnen ihn mit dem Sprachniveau B2 abschließen.

Bunter Mix an Teilnehmern in den Kursen

Bei den Frauenkursen steht Karin Wiecha Teilnehmerinnen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen und kulturellen Hintergründen gegenüber. In jüngster Zeit kommen immer mehr Frauen wie Rabiha – geflüchtete Syrerinnen, die erst seit ein paar Monaten in Deutschland leben und ein recht hohes Bildungsniveau mitbringen. Und dann gibt es noch die, die schon immer in den Kursen waren.

Darunter Frauen, die aus Bulgarien oder Rumänien kommen, schon seit 17 Jahren in Deutschland leben und trotzdem noch nicht richtig Deutsch sprechen können. Verständigen können sie sich zwar irgendwie, aber die Grammatik haben sie nie gelernt. Und dann werden sie plötzlich vom Jobcenter geschickt und sollen alles nachholen. Rabiha ist ganz froh, dass ihre aus 23 Frauen bestehende Klasse so bunt zusammengewürfelt ist.

Abendkurs für Mohammed

„Ich will hier mit niemandem Arabisch sprechen, in den Pausen unterhalten wir uns auf Deutsch“, sagt Rabiha. Sie bleibt gerne noch ein bisschen vor der Schule stehen oder geht mit den anderen Frauen, die alle in Berlin wohnen, einen Kaffee trinken. Aber meistens bleibt dafür keine Zeit. Heute ist eine Ausnahme: Mit Mohammed hat sie verabredet, den Zug nach Ludwigsfelde eine Stunde später zu nehmen als gewöhnlich. Eigentlich sollte sie seit dieser Woche mit Mohammed zusammen zur Schule und wieder zurück fahren. Denn auch sein Integrationskurs hat Mitte der Woche begonnen. Kurzfristig konnte er jedoch in den Abendkurs wechseln.

Dafür hat das Ehepaar zwei gute Gründe: Zum einen brauchen sie so nur eine Fahrkarte für beide und sparen damit rund 100 Euro pro Monat. Wenn Rabiha kurz nach 13.30 Uhr zurück am Birkengrund ist, kann Mohammed um 15:30 Uhr mit demselben Ticket zum Abendkurs fahren. Und so können sie sich selbst abwechselnd um die kleine Meis kümmern.

Mehr Hektik im Alltag

Eigentlich hatten sie sich ja für den Berliner Kurs entschieden, weil es dort eine Kinderbetreuung gibt. Allerdings war Rabiha davon nicht so begeistert, als sie gesehen hat, wie die aussieht: Ein kleiner, dunkler Raum, in dem viele Kinder auf einmal untergebracht sind. Sie hatte sich eher einen richtigen Kindergarten vorgestellt und so nun kein gutes Gefühl. Also fahren sie und ihr Mann lieber im Wechsel zur Schule.

Ihr neuer Tagesablauf gefällt Rabiha, auch wenn er etwas hektisch ist. Mit einem Auge hat sie immer die Uhr im Blick. So wie jetzt, sie muss ganz schnell zum S-Bahnhof Herrmannstraße. Von dort braucht die Bahn sechs Minuten bis zum Südkreuz, dann wird sie zum Regionalexpress runterrennen müssen. Rabiha weiß schon, an welcher Stelle sie aussteigen muss, um es so schnell wie möglich zu schaffen. „Ich habe schon ein Kilo abgenommen, seitdem ich zur Schule gehe“, sagt Rabiha, zeigt auf ihren Bauch und lacht. Alles nicht so wild, sie mag es ja, wenn sie in Aktion ist.

Die Familie Yassin ist wegen des Bürgerkriegs aus Syrien geflohen. Die Eltern Rabiha und Mohammed leben mit den Kindern Hala, Rabi und Meis im Flüchtlingsheim am Ludwigsfelder Birkengrund. Die MAZ berichtet wöchentlich über ihr Leben in der neuen Heimat.

Von Anja Meyer

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