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Teltow-Fläming Folge 53: Die Anhörung
Lokales Teltow-Fläming Folge 53: Die Anhörung
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17:53 30.10.2018
Rabiha und Mohhammed Yassin nach ihrer Anhörung beim Bundesamts für Migration und Flüchtlinge in Frankfurt (Oder). Quelle: foto: Anja Meyer
Frankfurt (Oder)

Um kurz nach 17 Uhr müssen zum ersten Mal alle im Raum überrascht auflachen. Nach mehr als fünf Stunden angespannter Stimmung. Der Entscheider des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF), der aus dem Irak stammende Dolmetscher und Anwalt Benjamin Düsberg, der Rabiha und Mohammed Yassin zu ihrer Anhörung in die BAMF-Außenstelle in Frankfurt (Oder) begleitet. Denn kurz nach 17 Uhr reicht es Rabiha, sie hat keine Geduld mehr – und bringt die Anhörung schneller zum Ende als alle dachten.

„Vielen Dank an dich, vielen Dank an Sie“, sagt sie auf Deutsch erst zum Dolmetscher und dann zum Entscheider. Und auf Englisch weiter: „Sie sind ein sehr netter Mann, Sie schreiben alles gut mit. Ich vertraue Ihnen, dass das alles richtig ist. Das reicht jetzt so.“ Rabiha ist gerade dreieinhalb Stunden zu ihrer Fluchtgeschichte angehört worden, zuvor war ihr Mann Mohammed gute anderthalb Stunden in dem nicht einmal 14 Quadratmeter großen, karg eingerichteten Raum mit dem blauen Teppich und der von der Decke strahlenden Halogenlampe.

Voneinander getrennt müssen beide erzählen, wann und weshalb sie aus Syrien geflohen sind, welche Route sie genommen haben, für wen sie in der Türkei gearbeitet hatten, wer sie dort bedrohte, warum die Familie schlussendlich weiter nach Europa ist und wovor sie Angst hätten, wenn sie jetzt nach Syrien zurück müssten. Mohammed und Rabiha sitzen jeweils gegenüber am Tisch des Entscheiders, rechts daneben der Dolmetscher und links ihr Anwalt. Erst der Mann, dann die Frau – so wird es bei den meisten Anhörungen von Ehepartnern gehandhabt.

Auf all die Fragen hat Rabiha gerade ausführlich geantwortet, der Dolmetscher übersetzte und der Entscheider diktierte alles in sein Headset. Über ein Computerprogramm entstand so das zehnseitige Protokoll, das der Dolmetscher Rabiha nun noch einmal zum Abgleich übersetzt. Ein Schritt, der in einer Anhörung nicht gemacht werden muss, den Anwalt Benjamin Düsberg aber zuvor schon bei Mohammeds Anhörung eingefordert hatte. Wenn es nach dem Entscheider gegangen wäre, hätten sie das auch einfach lassen können – alle unterschreiben und es ist gut.

Nach der ersten Überraschung auf Rabihas spontane Intervention, versucht Benjamin Düsberg, Rabiha zur Geduld zu überreden. „Das ist jetzt wirklich sehr wichtig“, sagt er. „Alles, was im Protokoll steht, kann später nicht mehr geändert werden und auf dem Protokoll basiert die Asyl-Entscheidung.“ Er kennt genug Fälle von Mandanten, die erst zu ihm kommen, nachdem das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Und die dann später das Protokoll und die daraus entstehende Asyl-Entscheidung anfechten wollen.

Zu spät, Rabiha kann nicht mehr, ihr Mann wartet seit Stunden unten im tristen Aufenthaltsraum der Behörde und die drei Kinder Rabi, Hala und Meis sind seit dem frühen Morgen bei Bekannten im Asylbewerberheim. Die Rückfahrt von Frankfurt (Oder) nach Ludwigsfelde dauert jetzt ja auch noch einmal gut drei Stunden. Doch gerade, weil schon bei Mohammeds Protokoll deutlich wurde, dass manche Fakten fehlerhaft übernommen wurden, liest der Anwalt jetzt selbst weiter.

Was in den Anhörungen von Mohammed und Rabiha deutlich wird: Bei einer BAMF-Anhörung ist kein Raum für komplexe Zusammenhänge. Wenn Mohammed, der ansonsten nicht viel redet, in etwa fünf Minuten ausführlich davon erzählt, weshalb man ihn und Rabiha kurz nach dem Bombardement des Heimatortes Al Haffa in Latakia suchte, übersetzt der Dolmetscher das Ganze in nicht einmal zwei Minuten auf Deutsch. Der Entscheider diktiert die Erzählung noch kürzer in sein Headset.

Und dabei entstehen Fehler: Da sind etwa falsche Daten, die ins Protokoll übernommen werden. Oder aber Wörter, die das Computerprogramm nicht richtig versteht und die dann keinen Sinn mehr ergeben. So macht das System etwa aus dem Wort „Orte“, das Wort „wurde“. Würde der Entscheider, der Rabiha und Mohammed jetzt anhört, den Fall zeitnah selbst entscheiden, würde ihm wohl aus der Situation heraus alles wieder einfallen. Doch je nach Dienstplan können es auch Dritte sein, die auf der Basis des Protokolls eine Asyl-Entscheidung treffen. Umso wichtiger, dass alles schlüssig erscheint.

Rabiha und Mohammed haben sich tapfer geschlagen. Beide sind während der Anhörung ruhig geblieben und haben sachlich und ohne Ausschweifungen auf alle ihnen gestellten Fragen geantwortet. Während Rabihas Anhörung hakte der Entscheider fünfmal nach, weshalb die Al-Nusra-Front sie in der Türkei genau bedrohte, woher sie davon wusste und warum sie erst zwei Jahre später nach Europa flüchtete. Ein Punkt, der sie und ihren Anwalt unruhig werden ließ – wie sich zum Schluss herausstellte, habe der Entscheider lediglich aus persönlichem Interesse nachgefragt. Denn da die Türkei kein sicherer Drittstaat ist, können die Yassins dorthin nicht zurück abgeschoben werden. Eigentlich klar, doch in so einer angespannten Situation stellen sich schnell Zweifel ein.

Nun warten Mohammed und Rabiha auf das Ergebnis der Anhörung. In Deutschland werden sie auf jeden Fall erst einmal bleiben können. Die Frage ist nur, ob sie subsidiären Schutz für ein Jahr oder politisches Asyl für drei Jahre bekommen. Die Entscheidung wird in etwa zwei bis sechs Wochen erwartet.

Die Familie Yassin ist wegen des Bürgerkriegs aus Syrien geflohen. Die Eltern Rabiha und Mohammed leben mit den Kindern Hala, Rabi und Meis im Flüchtlingsheim am Ludwigsfelder Birkengrund. Die MAZ berichtet wöchentlich über ihr Leben in der neuen Heimat.

Von Anja Meyer

Subsidiärer Schutz oder Flüchtlingsstatus, entweder oder: Bald steht fest, welchen Aufenthaltstitel die Yassins bekommen werden – am 20. Februar werden sie beim BAMF in Frankfurt/Oder offiziell angehört. Weil nichts schiefgehen soll, bereiten sie sich mit ihrem Berliner Anwalt sorgfältig auf den Termin vor.

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