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„Die Arbeit mit Jugendlichen ist sehr dankbar“

ASB-Fachbereichsleiter Uwe Birkholz im Interview „Die Arbeit mit Jugendlichen ist sehr dankbar“

Uwe Birkholz (49) leitet den Fachbereich Kinder und Jugendliche beim Regionalverband Mittel-Brandenburg des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB). Im Januar eröffnete der ASB in Niederlehme die erste stationäre Jugendhilfeeinrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Region. Im Interview spricht Uwe Birkholz über die Arbeit mit den Jugendlichen.

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Der Sozialpädagoge Uwe Birkholz leitet den Fachbereich Kinder und Jugendliche beim ASB-Regionalverband Mittel-Brandenburg.

Quelle: Anja Meyer

Königs Wusterhausen. Der Sozialpädagoge Uwe Birkholz (49) leitet seit dem 1. April 2015 den Fachbereich Kinder und Jugendliche beim Regionalverband Mittel-Brandenburg des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB). Mit Beginn des neuen Jahres hat der ASB in Niederlehme die erste stationäre Jugendhilfeeinrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Region eröffnet. Schon seit Mai betreut der ASB in seinen Einrichtungen minderjährige Flüchtlinge zusammen mit einheimischen Jugendlichen. Im Interview spricht Uwe Birkholz über die Arbeit mit den Jugendlichen.

Herr Birkholz, in der Region kommen immer mehr jugendliche Flüchtlinge ohne ihre Eltern an. Weshalb machen sie sich alleine auf den Weg?

Uwe Birkholz : Die Minderjährigen haben ganz unterschiedliche Fluchtgeschichten. Da sind diejenigen, deren Familien schon in der Heimat im Krieg gestorben sind und die dann fliehen mussten. Andere haben ihre Eltern auf der Flucht verloren. So wie ein 15 Jahre alter Syrer, der bei uns lebt. Seine Mutter ist im Mittelmeer ertrunken, dann war er auf sich allein gestellt. Wieder andere wurden von ihrer Familie losgeschickt, weil das Geld für die Schlepper nur für ein Familienmitglied reichte. In solchen Fällen werden die fittesten ausgesucht – das sind meist 16- bis 17-jährige Jungen.

Sind in der Region auch minderjährige Mädchen angekommen?

Birkholz: Ja, wir betreuen in Königs Wusterhausen eine 16-Jährige aus Syrien. Sie ist gemeinsam mit einem gleichaltrigen Landsmann angekommen, die beiden haben sich auf der Fluchtroute kennengelernt. Die anderen sind tatsächlich alle Jungen. Die meisten von ihnen kommen aus Syrien, andere aus Somalia, Benin, Nigeria, Libyen und Afghanistan.

Weshalb hat sich der ASB als Trägerorganisation dazu entschieden, eine Unterkunft für alleinreisende minderjährige Flüchtlinge zu errichten?

Birkholz: Das war gar keine aktive Entscheidung, wir sind da vielmehr so hineingerutscht. Als am Pfingstmontag 2015 ein polnischer Reisebus mit 23 Flüchtlingen, 13 davon unbegleitete Minderjährige, in Schönefeld ankam, nahm das Jugendamt sie in seine Obhut. Das ist gesetzlich so geregelt. Und weil der ASB in Königs Wusterhausen den Kindernotdienst betreut, wandte sich das Jugendamt an uns und fragte, ob wir einige Jungen betreuen können. So haben wir die ersten Flüchtlinge in unseren beiden stationären Jugendhilfeeinrichtungen in Königs Wusterhausen und Jüterbog aufgenommen.

Wie ging es dann weiter?

Birkholz: An beiden Standorten betreuen wir bis heute ausländische Minderjährige gemeinsam mit einheimischen. Weil immer mehr unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ankamen, haben wir uns entschieden, in Niederlehme eine neue Einrichtung für sie zu eröffnen. Derzeit leben dort sieben Jungen im Alter von 15 bis 18 Jahren. Platz ist für zehn.

Wie sieht der Alltag dort aus?

Birkholz: Der Tag beginnt mit einem gemeinsamen Frühstück, überhaupt werden alle Mahlzeiten gemeinsam eingenommen. Die Bewohner werden in unterschiedliche hauswirtschaftliche Dienste eingeteilt: Einige gehen mit den Erziehern und Sozialpädagogen einkaufen, andere kochen, andere wiederum putzen. Ab mittags besuchen die Jugendlichen jeden Tag einen vierstündigen Deutschkurs an der Volkshochschule in Königs Wusterhausen, das ersetzt die Schulpflicht. Die Jugendlichen sind alle sehr motiviert, Deutsch zu lernen.

Vier Stunden Deutschunterricht am Tag sind viel. Lernen die Jugendlichen schnell?

Birkholz: Ja, einige Jugendliche sprechen nach kurzer Zeit schon sehr gut Deutsch. Wir setzen sie auch als Dolmetscher für die Neuangekommenen ein. Ein 15-Jähriger hat seit September so schnell gelernt, dass er gestern in der Königs Wusterhausener Oberschule eingeschult wurde.

Ist die Einschulung das Ziel?

Birkholz: Das kommt auf das Alter an. Die Älteren streben eine Berufsausbildung an. Dazu gab es bereits erste Gespräche mit Berufsberatern der Arbeitsagentur. Viele interessieren sich für handwerkliche und technische Berufe. Ich denke, da werden zum neuen Ausbildungsjahr einige Verträge mit Betrieben in der Region abgeschlossen.

Empfinden Sie es als sinnvoller, jugendliche Flüchtlinge in einer eigens für sie geschaffenen Wohngruppe zu betreuen?

Birkholz: Nein, beides hat seine Vor- und Nachteile. Der integrative Ansatz, also die Betreuung ausländischer und einheimischer Jugendlicher, ist für beide Seiten sehr wertvoll – die Flüchtlinge bekommen so Kontakt zu Deutschen, was die Integration erleichtert. Und viele einheimische Jugendliche haben zum ersten Mal Kontakt zu einem anderen Kulturkreis. Sie bemerken, welches Glück sie haben, hier geboren zu sein. Kein deutsches Kind kann sich heute noch vorstellen, in einem Kriegsgebiet zu leben.

Wie erleben die Mitarbeiter die Arbeit mit den Jugendlichen?

Birkholz: Die Arbeit mit den Jugendlichen ist sehr dankbar, das höre ich von allen Kollegen immer wieder. Die Flüchtlinge sind allesamt total motiviert und dankbar. Das zeigen sie auch, manchmal sogar schon ein bisschen zu oft. Sie müssen sich ja nicht für alles bei uns bedanken. Ein Jugendlicher hat zu Weihnachten Karten für alle Mitarbeiter gebastelt. So etwas gibt einem viel Kraft und Bestätigung für die eigene Arbeit.

Aktuell streitet sich die große Koalition über einen Passus im Asylpaket II. Demnach soll unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen das Recht auf Familiennachzug versagt werden. Wie bewerten Sie diesen Streit?

Birkholz: Ich will jetzt gar keine politische Diskussion anfangen, aber für mich ist dieser Streit wenig zielführend, denn die Frage ist in der Praxis nicht relevant. Natürlich wollen die Jugendlichen, deren Familien noch leben, sie nachholen. Bis so ein Familiennachzug durch ist, dauert es jedoch ausgesprochen lange, etwa zwei Jahre: Zuerst benötigt der Jugendliche einen Flüchtlingsstatus, erst dann kann er den Familiennachzug beantragen. Dann braucht die Familie ein gültiges Dokument. Wenn das alles durch ist, sind die Jugendlichen meist volljährig und der Nachzug funktioniert gar nicht mehr. Es wären also ohnehin nur Einzelfälle betroffen.


Von x

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