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Ortschronisten in TF und LDS Die Bewahrer

Mehr als 200 Ortschronisten beleuchten in den Landkreisen Dahme-Spreewald und Teltow-Fläming die Vergangenheit ihrer Dörfer, Städte und Gemeinden. Sie sammeln, archivieren und werten alles aus, was sie in die Finger bekommen. Für manche ist es ein Vollzeitjob – der allerdings nicht bezahlt wird.

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„Wir schmeißen nichts weg“, sagt Eichwaldes Ortschronist Wolfgang Flügge.

Quelle: Oliver Fischer

Dahmeland-Fläming. Wer wissen will, wie viele Ehrengräber sich auf dem Eichwalder Friedhof befinden, wie viele Minister zu DDR-Zeiten in Eichwalde wohnten, wie viele Schulen es in den 1930er Jahren im Ort gab oder was mit den Eichwalder Juden in der Zeit der Nazi-Diktatur geschah, der kann umfangreiche Recherchen anstellen – oder er geht zu Wolfgang Flügge. Der kennt in der Regel die Antwort. Und wenn nicht, dann stellt er sich vor das Regal in seiner Geschäftsstelle, zieht einen der 40 Ordner mit Zeitungsartikeln heraus oder blättert in einem der Hefte nach, die er selbst publiziert hat. Spätestens dann findet er die Antwort.

Eichwalde ist 125 Jahre alt, hat weit mehr als 6000 Einwohner und unzählige kleine und große Geschichten, mit denen man ganze Bibliotheken füllen könnte. Die meisten gehen zwangsläufig irgendwann verloren, aber Wolfgang Flügge, 80 Jahre alt und Eichwalder Ortschronist, arbeitet täglich gegen das Vergessen an. „Ich will alles aufnehmen, festhalten und mitschreiben, um so viel wie möglich zu retten und zu bewahren“, sagt er.

In der Freizeit werden Bücher gewälzt

Zu diesem Zweck hat er vor zehn Jahren eine Arbeitsgruppe mit damals acht Gleichgesinnten gegründet, die in ihrer Freizeit Bücher wälzen, in Archiven stöbern oder Zeitzeugen befragen. Sie treffen sich jeden Dienstag, jeder der Kollegen hat sich andere Schwerpunkte gesetzt. Flügge selbst besucht jede Sitzung der Gemeindevertretung und jeden Ausschuss in der Gemeinde, um auch die aktuellen Entwicklungen nicht zu verpassen. Die gewonnenen Erkenntnisse ordnet er in Kartons, heftet sie ab, oder destilliert daraus kleine Bücher zur Ortsgeschichte, die er zum Selbstkostenpreis verkauft. „Als ich 2005 berufen wurde, habe ich sofort gewusst, ich schaffe das nicht alleine“, sagt er. „Aber auch mit der Unterstützung, die ich bekomme, ist es nahezu ein Vollzeitjob.“

Chronisten in Brandenburg

In einer Studie hat das Brandenburgische Landeshauptarchiv vor einiger Zeit untersucht, wer die Menschen hinter den zahlreichen Ortschroniken sind.

Ergebnisse: Der durchschnittliche Ortschronist ist 60 Jahre alt, männlich und in einem Heimatverein engagiert.

Die durchschnittliche Arbeitszeit beträgt mehr als 40 Stunden im Monat.

Um die Arbeit der Ortschronisten in geordnete Bahnen zu lenken, hat das Landeshauptarchiv überdies einen Leitfaden herausgegeben, der Tipps für die Arbeit und Recherche-Hinweise beinhaltet.

Ortschronisten aus ganz Brandenburg treffen sich einmal im Jahr in Potsdam. Der Landkreis Dahme-Spreewald führt ebenfalls Treffen durch.

 

Wolfgang Flügge macht ihn trotzdem – und zwar ehrenamtlich – weil er gemacht werden muss. „Das Bedürfnis nach Geschichte und nach einem Heimatgefühl ist einfach da“, sagt er. Das Bewusstsein dafür, dass Dinge für die Nachwelt aufgeschrieben werden sollten, ist den Menschen schon seit Jahrhunderten gegeben. Wichtige Ereignisse werden seit ehedem beurkundet oder in Kirchenbüchern festgehalten. Im 19. Jahrhundert übernahm vielerorts der Dorflehrer das Führen einer Schulchronik, erzählt der Kreisarchivar von Dahme-Spreewald, Thomas Mietk. In der DDR habe es sogar einen Erlass gegeben, in dem Orte dazu angehalten wurden, Chroniken zu führen. „Viele dieser Schriften sind allerdings nicht mehr erhalten“, so Mietk. Die nächste Generation musste wieder von vorn beginnen – was frustrierend sein kann.

Trotzdem hat jetzt auch ohne Zwang und öffentliche Verordnungen fast jedes Dorf einen Geschichtsschreiber. Im Landkreis Dahme-Spreewald etwa waren im vergangenen Jahr 128 Ortschronisten namentlich bekannt, in Teltow-Fläming dürften es ebenso viele sein, beide Kreise gelten laut Landeshauptarchiv als heimatgeschichtlich besonders aktiv. Die Arbeitsweisen der Chronisten sind aber höchst unterschiedlich. Mal arbeiten sie als Einzelkämpfer, mal sind sie in Vereinen zusammengeschlossen. Manche publizieren, andere sammeln nur, was ihnen über ihren Ort in die Finger kommt. „Es gibt keine Norm für unsere Arbeit“, sagt Manfred Flügge.

Der Woltersdorfer Ortschronist Dieter Jesche

Der Woltersdorfer Ortschronist Dieter Jesche.

Quelle: Margrit Hahn

Dieter Jesche kennt alle Typen – die Eigenbrötler, die akkuraten Archivare, die Engagierten und die etwas Nachlässigen. Jesche dokumentiert selbst die Geschichte seines Heimatortes Woltersdorf und arbeitet zudem in der Arbeitsgemeinschaft der Ortschronisten von Nuthe-Urstromtal mit. Nuthe-Urstromtal besteht aus 23 Ortsteilen. Idealerweise würden sich in dieser Gruppe auch 23 Chronisten zusammenfinden, aber mehr als zehn sind es selten. Und alle haben ihren eigenen Stil. In Hennickendorf trage eine Frau viele Informationen zusammen, sie publiziert aber nicht. In Berkenbrück gebe es jemanden, der seit 1950 alle Veranstaltungen fotografiert hat, der aber auch lieber im Hintergrund bleibt, erzählt Jesche. In anderen Dörfern findet sich schlicht niemand, der die Chronik führen will. In Stülpe etwa stockt die Heimatforschung, seit die Aufzeichnungen eines ABM-Projektes zur Ortsgeschichte verschütt gingen. In Scharfenbrück starb der Ortschronist, sein Werk tauchte danach nie wieder auf. „So etwas ist natürlich bedauerlich.“

Jesche forscht seit 34 Jahren zur Geschichte des 1100-Einwohner-Dorfes Woltersdorf, über das es mehr zu erfahren gibt, als man meinen mag. In einem Container hat sich Jesche eine Chronistenstube eingerichtet, dort lagern seine Funde, vieles noch unsortiert. „Und es gibt noch weit mehr“, sagt er. Im Potsdamer Staatsarchiv etwa hat er schon zu DDR-Zeiten rund 40 Akten zu Woltersdorf gefunden, in den Staatsarchiven in Berlin-Dahlem und in Potsdam lagern weitere 140 Akten, von denen zumindest Dieter Jesche bisher unklar ist, was drin steht. Bei einigen geht es wohl um die alte Papiermühle, andere beziehen sich auf die Teerfabrik, die bis 1972 in Betrieb war und dann geschlossen wurde. Die genauen Hintergründe wüsste Dieter Jesche gern. „Aber an diese Akten dürfen nur Archivare ran“, sagt Jesche. Datenschutz.

Ein heikles Thema

Der ist ein heikles Thema, sagt auch Manfred Flügge. Mit allzu freimütigen Publikationen, etwa über die Nazi-Zeit und die DDR, haben sich schon einige Ortschronisten die Finger verbrannt. Flügge hat in seinem Giftschrank Unterlagen über Eichwalder NSDAP-Mitglieder. „Aber solche Sachen bleiben bei uns geheim“, sagt er. Zumindest noch für ein oder zwei Generationen. Wenn alle Beteiligten und ihre Nachfahren tot sind, dann könnte auch das publiziert werden – sofern die Daten dann noch auffindbar sind. An Manfred Flügge und seinen Mitstreitern in Eichwalde soll es nicht liegen. Flügge: „Wir schmeißen nichts weg.“

Von Oliver Fischer

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