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Die Kehrseite des Handwerksbooms

Dahmeland-Fläming Die Kehrseite des Handwerksbooms

93 Prozent der Handwerksunternehmen sind mit ihrer Auftragslage zufrieden, meldet die Handwerkskammer Cottbus. Das ist gut für die Betriebe. Kunden müssen sich allerdings auf Wartezeiten einstellen, denn die Nachfrage nach Handwerkerleistungen ist inzwischen so groß, dass einige Branchen sie kaum mehr befriedigen können.

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Das Baugewerbe ist derzeit das Zugpferd der Handwerkerschaft – aber gleichzeitig hat es mit großen Personalsorgen zu kämpfen.

Quelle: Christian Schmettow

Dahmeland-Fläming. Es ist gerade einmal zehn Jahre her, da kreisten die Geier über der regionalen Handwerkerschaft. Die Auftragslage war mies, die Stimmung auch, es gab zahlreiche arbeitslose Handwerker. Und als die Kammer sich damals bei ihren Mitgliedern erkundigte, wie sie die Situation so einschätzen, da winkte die Hälfte der Befragten ab: kaum Arbeit, kaum Hoffnung, keine Aussicht auf Besserung. Das nur zur Erinnerung – weil man es sich heute kaum mehr vorstellen kann.

Bei der jüngsten Konjunkturumfrage, die die brandenburgischen Handwerkskammern vor wenigen Tagen veröffentlicht haben, schnappten die Unternehmen förmlich über vor Glück. Die Zufriedenheitsraten bei Maurern, Tischlern, Elektrikern, Bäckern, Friseuren und Kfz-Werkstätten sind inzwischen auf über 90 Prozent gestiegen. Bei der Handwerkskammer Cottbus bewerten sogar 93 Prozent der Unternehmer ihre Geschäftslage als mindestens gut oder zufriedenstellend. So viele waren es seit der Wende noch nie.

Kapazitäten können nicht erweitert werden

Inzwischen kennt allerdings auch jeder Handwerksmeister in Südbrandenburg die Kehrseite und weiß, wie es sich anfühlt, wenn der eigene Betrieb voll ausgelastet ist und trotzdem immer wieder potenzielle Kunden anklopfen. „Die Situation ist sicherlich angenehmer als das andere Extrem, aber es bleibt ein Extrem“, sagt etwa Burghard Thiem. Thiem ist Tischler, in seiner Werkstatt in Nunsdorf stellt er vor allem Möbel her, er bietet aber auch Fenster, Türen und kompletten Innenausbau an – zumindest, wenn man lange genug im Voraus bei ihm anklopft. „Wir vergeben die Termine schon weiträumiger, manchmal sind die Kunden auch verärgert, dass sie so lange warten müssen. Aber wir haben nun mal nur eine gewisse Kapazität und neue Leute bekommst du ja nicht“, sagt er.

Genau das ist das Dilemma, das auch Bernd Dieske beschreibt. Dieske ist Obermeister der Baugewerks-Innung Teltow-Fläming, er spricht von einem „extremen Auftragsvorlauf“, den die Baufirmen in Teltow-Fläming inzwischen haben. „Früher warst du froh, wenn du Aufträge für drei bis fünf Monate hattest, heute kommt es vor, dass Firmen schon für das komplette Jahr ausgebucht sind“, so Dieske.

Das Hoch halte inzwischen seit zwei Jahren an, sagt er. Ursächlich ist zum einen der Berlin-Boom, den auch das Umland zu spüren bekommt, zum anderen sind es die niedrigen Zinsen. „Auf der Bank bringt das Geld nichts, deshalb stecken es die Leute lieber in Immobilien“, sagt Dieske. Das heißt, sie würden es gerne. Aber inzwischen ist es in einigen Gebieten sogar schwer, eine Firma zu finden, die den Auftrag innerhalb eines erträglichen Zeitrahmens übernimmt. Drieske: „Die Nachfrage ist da, aber die Bauhandwerker kommen einfach nicht hinterher.“

Früher bis zu 70 Gesellenbriefe, heute durchschnittlich acht

So schnell wird sich das vermutlich auch nicht ändern, denn die Unternehmen können in der Regel nicht wachsen. Was für die Tischler gilt, gilt auch für die Maurer und fast alle anderen Handwerksberufe: Es gibt kaum Auszubildende und auch keine Fachkräfte. Noch in den Neunzigerjahren wurden in der Maurerinnung jährlich zwischen 40 und 70 Gesellenbriefe verliehen. Heute sind es im Schnitt noch acht. Maler sind keine mehr zu finden, auch bei Klempnern, Tischlern, Elektrikern, sogar bei Friseuren sieht es schlecht aus.

Hintergrund

Die Zahl der Handwerksbetriebe in der Region Dahmeland-Fläming bleibt seit Jahren relativ stabil.

In Dahme-Spreewald sind derzeit rund 3000 Betriebe in die Handwerksrolle eingetragen, Tendenz leicht sinkend. In Teltow-Fläming sind es 2700 Betriebe mit leicht steigender Tendenz.

Die meisten Betriebe stellt das Baugewerbe, gefolgt von der Metall- und Elektrobranche. An dritter Stelle steht der Bereich Gesundheit und Körperpflege.

Zulassungspflichtig sind nur noch gut die Hälfte der Unternehmen. Diese zeichnen allerdings für etwa 80 Prozent des Umsatzes verantwortlich.

Der Gesamtumsatz im Handwerk betrug zuletzt in Dahme-Spreewald etwa eine Milliarde Euro pro Jahr, in Teltow-Fläming waren es rund 800 Millionen.

Etwa ein Drittel der Ausbildungsstellen im Handwerk konnte im vorigen Jahr nicht besetzt werden, weil es an geeigneten Bewerbern mangelte.

Um wenigstens die vorhandenen Fachleute dauerhaft an die Firma zu binden, haben viele Handwerksbetriebe schon die Löhne angehoben, sagt Heidrun Wachner, Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Dahme-Spreewald. „Auch Auszubildende verdienen im Handwerk inzwischen nicht mehr so schlecht.“ Das führt im Umkehrschluss aber auch zu höheren Verbraucherpreisen. Nach Angaben der Handwerkskammer Cottbus haben knapp 30 Prozent aller Handwerksbetriebe höhere Preise durchgesetzt. „Steigende Erträge sind für die südbrandenburgischen Handwerksbetriebe elementar. Sie haben in den letzten Jahren die Möglichkeiten der Kosteneinsparungen weitgehend ausgeschöpft“, heißt es in einer Mitteilung dazu.

Bernd Dieske gehen die Erhöhungen dabei noch nicht weit genug. „Zu meinem Leidwesen nutzen die Unternehmen die Möglichkeiten oft noch gar nicht aus. Ich habe deshalb meine Kollegen in Gesprächsrunden schon gefragt, wann sie die Preise anheben wollen, wenn nicht jetzt“, so der Obermeister.

Tatsache ist aber, dass die Kunden auch so schon gebeutelt sind, und zwar durch lange Wartezeiten, die derzeit im Baugewerbe nahezu

Von Oliver Fischer

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