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Die Qual der Wahl

MAZ-Serie: „In der neuen Heimat“ Die Qual der Wahl

Ende Dezember kam die gute Nachricht: Rabiha und Mohammed Yassin dürfen ihren lang ersehnten Integrationskurs endlich auf Kosten des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) absolvieren. Doch in Ludwigsfelde gibt es keinen Kurs mit Kinderbetreuung. Deshalb kämpfen die Yassins sich in der ersten Januarwoche durch die Vielzahl an Anbietern in Berlin.

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Für Familie Yassin beginnt das neue Jahr mit guten Nachrichten: Sie können endlich einen Integrationskurs besuchen.

Quelle: Anja Meyer

Ludwigsfelde. Im Realisieren von guten Vorsätzen sind die Yassins schnell. So scheint es zumindest, wenn man ihre Suche nach einem Integrationskurs als guten Vorsatz bezeichnen mag. Das neue Jahr ist noch jung, die Reste vom Silvesterkuchen gerade aufgegessen, da haben Rabiha und Mohammed mit Hilfe von deutschen Freunden, Internet und Telefon schon verschiedenste Möglichkeiten für Integrationskurse ausgelotet. So richtig perfekt ist keine, machbar sind einige – und darauf kommt es jetzt erst einmal an.

Am besten wäre natürlich ein Kurs in der Nähe, einer für den sie keine teuren Fahrkarten kaufen müssten und nicht so lange mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs wären. In Ludwigsfelde gibt es drei Träger, die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) geförderte Kurse anbieten. Alle drei ohne Kinderbetreuung. Das geht schon einmal nicht, schließlich hat Meis noch keinen Kindergartenplatz. Also nach Berlin.

Die Eltern wollen endlich Deutsch lernen

Die syrischen Freunde der Yassins, die in Halle leben und vor Kurzem zu Besuch kamen, hatten ihnen ihren Integrationskursanbieter empfohlen. Bei dem gibt es in Halle eine kostenlose Kinderbetreuung, in Berlin bietet der Träger das nicht an. Aber in der Hauptstadt sitzen natürlich noch dutzende andere Träger, einer von ihnen – mit Kinderbetreuung für unter Dreijährige – hat sogar noch zwei freie Plätze für einen Mitte Februar beginnenden Kurs. „Das klingt gut“, sagt Rabiha. Berlin-Neukölln, mit der Regional- und S-Bahn gut zu erreichen. Rabiha und Mohammed wollen gleich nächste Woche zum Anmelden hinfahren. „Ich will endlich richtig Deutsch lernen“, sagt Rabiha. „Hoffentlich lerne ich dann auch schnell.“

Keine unrealistische Hoffnung – in ihrem Sprachmix aus Englisch und Deutsch hat der Anteil deutscher Worte in den vergangenen Wochen deutlich zugenommen. Wenn sich andere auf Deutsch unterhalten, versteht sie fast alles. So ein richtiger, guter Vorsatz ist die Sache mit dem Integrationskurs bei den Yassins eigentlich gar nicht. Zwar verspricht ein Integrationskurs eine Verbesserung in ihrem Leben, so wie es gute Vorsätze immer mit sich bringen. Aber Mohammed und Rabiha müssen sich dazu keineswegs überwinden. Ganz im Gegenteil: Die Yassins wollten schon lange so einen Kurs besuchen. Nur hatte man ihnen wegen des monatelang laufenden Dublin-Verfahrens immer wieder die Teilnahme verwehrt. Ende Dezember kam dann der Brief vom BAMF mit der erlösenden Botschaft: Sie dürfen den Integrationskurs jetzt offiziell absolvieren. Das Schreiben müssen sie unbedingt zur persönlichen Anmeldung mitbringen. Ohne läuft nichts, so sichert sich der Träger die Kostenübernahme.

Erkältung nach dem Jahreswechsel

Dass diese Neuerung mit dem neuen Jahr kommt, ist im Fall der Yassins eher Zufall – ein fast schon symbolisch wirkender Zufall. Deshalb haben Mohammed, Rabiha, Rabi, Hala und Meis den Jahreswechsel am Birkengrund auch mit buntem Feuerwerk und Freunden gefeiert. Wären die Kinder nicht noch so klein, wäre Rabiha gerne nach Berlin gefahren, erzählt sie. In Syrien hat sie Silvester immer gerne auf der Straße gefeiert und sich das große Feuerwerk angesehen. Mit Kindern ist das anstrengender, außerdem hatte sie Angst, dass die sich in der Kälte noch eine Grippe einfangen. Und dann war da noch die Angst vor großen Veranstaltungen. „Nach dem Terroranschlag in Berlin und der Kölner Silvesternacht vor einem Jahr kam mir Ludwigsfelde einfach sicherer vor“, sagt sie.

Und so war es dann auch. Ein sicherer Abend mit guten Freunden und kleinen Feuerwerken auf dem Hof des Asylbewerberheims am Birkengrund. Erkältet hat sich die Hälfte der Familie trotzdem, vor allem bei Mohammed und Meis trieft jetzt die Nase. Aber das geht ja bald wieder vorbei. Viel wichtiger empfand Rabiha am Neujahrstag die guten Nachrichten, die sie im Internet gelesen hatte: Keine Übergriffe, Attentate oder sonst irgendwelche Unglücke in Berlin oder sonst wo in Deutschland. 2017 fängt doch schon einmal ganz gut an.

Die Yassins sind vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen und leben seit 47 Wochen in einer Flüchtlingsunterkunft in Ludwigsfelde. Die MAZ begleitet die Familie auf ihrem Weg und berichtet wöchentlich über ihr neues Leben in Deutschland.

Von Anja Meyer

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