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Die Reinigungsbranche boomt

Dahmeland-Fläming Die Reinigungsbranche boomt

Ohne sie wären viele Haushalte und fast alle Büros dreckstarrende Müllhalden: die Putzfrauen. Und die Nachfrage nach ihrem Know How und ihrer Arbeit wächst stetig. Trotzdem sind die Jobs in der Reinigungsbranche noch immer wenig lukrativ.

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Reinigungskräfte sind in längst in Unternehmen und Privathaushalten gleichermaßen gefragt.

Quelle: dpa

Dahmeland-Fläming. Was Ordnung und Sauberkeit angeht, sind die Aufgaben in Deutschland klar verteilt: Die einen machen den Dreck, die anderen putzen ihn weg. Und das in zunehmendem Maße. Die Reinigungsbranche boomt, auch in der Region Dahmeland-Fläming.

„50 Prozent unserer Kunden sind Privathaushalte und die Nachfrage steigt seit einigen Jahren signifikant“, sagt der Königs Wusterhausener Reinigungs-Unternehmer Martin Mayer. Auch sein Ludwigsfelder Kollege Matthias Kollert kann über Beschäftigungsmangel nicht klagen: „Es wird viel gebaut, wir haben große Industrieunternehmen, und sauber gemacht wird überall.“

Bastian Kaiser, zuständiger Teamleiter bei der IG Bauen-Agrar-Umwelt, findet fast überschwängliche Worte: „Der Branche geht es großartig, sie feiert Rekordumsätze und Riesengewinne.“ Es gebe nur leider eine Schattenseite: Die Angestellten bekommen davon wenig ab.

Reinigungskräfte bekommen in der Regel Mindestlohn

Schätzungsweise 2000 Menschen arbeiten in der Region Dahmeland-Fläming als Angestellte in der Gebäudereinigung. Sie saugen Büros, fegen Werkhallen oder putzen Privatklos. Dafür bekommen sie in der Regel den Mindestlohn, der bei 8,70 Euro liegt. Dabei ist es gleich, ob sie ausgebildet sind oder nicht, ob sie in kleinen Unternehmen mit zwei bis fünf Angestellten arbeiten oder für bundesweit agierende Reinigungskonzerne.

Den Job am Mop übernehmen immer noch zum großen Teil Frauen. Zwar hat das Statistische Landesamt zum heutigen Tag der Putzfrau aktuelle Zahlen veröffentlicht, nach denen im vergangenen Jahr fast die Hälfte aller in Vollzeit, Teilzeit und geringfügig Beschäftigten im Reinigungsgewerbe Männer waren. Aber dahinter verbirgt sich nur auf den ersten Blick Geschlechtergerechtigkeit. „In der Haushaltsreinigung werden Frauen lieber gesehen. Kunden haben Männern gegenüber oft noch Vorurteile“, sagt Reinigungs-Unternehmer Mayer. Frauen müssen deshalb weiter feudeln. Die Männer übernehmen vor allem die körperlich anstrengenderen, gefährlichen und auch besser bezahlten Jobs in der Fenster- und Fassadenreinigung.

Enorme Leistungsdichte im Job

Das heißt allerdings nicht, dass die Arbeit der klassischen Putzfrau leicht wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Da seien zum einen die technischen Anforderungen: Oberflächen, Chemikalien, bis zu 20 Objekte, deren Grundrisse man kennen muss. „Eine Putzfrau muss auch Alarmanlagen innerhalb von Sekunden ausstellen können“, sagt Unternehmenschef Matthias Kollert. Hinzu komme eine enorme Leistungsdichte. Kollert: „Man bräuchte für den Job eigentlich Hochleistungssportler.“

Die Branche steckt in einem Dilemma, das viele Dienstleister kennen. Gewerkschafter Benjamin Kaiser erklärt es so: „Der Kunde erwartet eine qualifizierte Reinigungskraft, die immer genau weiß, was sie tut. Das Bewusstsein, dass ich für Qualität auch tiefer in die Tasche greifen muss, existiert aber nicht.“ Das führe sogar so weit, dass Unternehmer ihren Angestellten zwar den Lohn erhöhen. Weil sie die Mehrkosten aber nicht auf die Kunden umlegen können, müssen die Angestellten ihre Arbeit dann in noch kürzerer Zeit erledigen.

Verhältnismäßigkeiten sind aus dem Ruder gelaufen

Die Gewerkschaft prangert dieses System an, aber auch Unternehmern wie dem Ludwigsfelder Matthias Kollert ist dieses Manko bewusst. Kollert sagt, die Verhältnismäßigkeiten seien völlig aus dem Ruder gelaufen. Es komme öfter vor, dass Kunden über Versäumnisse seiner Angestellten fürchterlich aufgebracht sind, erzählt er. Der Firmenboss reagiert dann mit einer Frage: „Sie regen sich auf, als ob Ihnen die Leistung sehr viel wert ist. Warum sind sie dann nicht bereit, so viel dafür zu zahlen wie für einen Elektriker?“ Die Belohnungsstruktur sei nicht angemessen, sagt Kollert. „Wir arbeiten für einen Stundensatz, für den andere nicht mal das Telefon in die Hand nehmen.“

Der hohe Leistungsdruck und die niedrige Bezahlung wirken sich auf die Beschäftigtenstruktur aus. Es sei überhaupt schwer, passende Mitarbeiter zu finden. Von ausgebildeten Fachkräften ganz zu schweigen. „Wenn alle Firmen Leute suchen, die lesen und schreiben können, dann bleibt für mich nur noch der Rest übrig. Keiner hat Lust darauf, sich in brutalster Geschwindigkeit durch Objekte zu wurschteln“, sagt Kollert.

Hintergrund

Begangen wird der Tag der Putzfrau alljährlich am 8. November.

Ins Leben gerufen hat ihn die Krimi-Autorin Gesine Schulz im Jahr 2004. Eine ihrer Romanheldinnen, Karo Rutkowski, ist Privatdetektivin und arbeitet nebenher schwarz als Putzfrau. Bei der Recherche zur Arbeit von Putzfrauen sei sie im Internet auf eine Wikipedia-Liste mit Aktionstagen gestoßen, erzählte Gesine Schulz einmal in einem Interview. Kurzerhand erfand sie daraufhin den Tag den Putzfrau und trug ihn für den 8. November in die Wikipedia-Liste ein. Der 8. November ist der Geburtstag von Karo Rutkowski.

Angeblich werden in einigen Betrieben den angestellten Raumpflegerinnen zum 8. November sogar Blumen überreicht.

In Deutschland arbeiten mehr als 600 000 Menschen als angestellte Reinigungskraft in entsprechenden Unternehmen. Weitere 100 000 arbeiteten im Jahr 2014 als Minijobber. Bundesweit beschäftigten laut einer Umfrage zwischen drei und vier Millionen Haushalte ihre Haushaltshilfen illegal. Damit haben die Beschäftigten keinen Versicherungsschutz. Deshalb wurde vor einigen Jahren eine Minijob-Kampagne für private Putzhilfen gestartet.

In der Vergangenheit gab es auch einige Prominente, die wegen schwarz beschäftigter Putzfrauen ins Visier der Öffentlichkeit gerieten. Unter anderem wurde der SPD-Politiker Peer Steinbrück während seiner Kanzlerkandidatur wegen einer angeblich von ihm illegal beschäftigten Reinigungskraft erpresst.

Der durchschnittliche Bruttomonatsverdienst im Reinigungsgewerbe beträgt einschließlich Sonderzahlungen für vollbeschäftigte Frauen rund 2300 Euro. Männer verdienten nach Angaben des statistischen Landesamtes in Brandenburg rund 200 Euro mehr.

Martin Mayer hat inzwischen fast nur noch ausländische Angestellte: Bulgarinnen und Polinnen. „Natürlich gibt es bei vielen da immer noch ein Vertrauensproblem. Aber meine Mitarbeiterinnen sind vertrauenswürdig – und man kann es sich ohnehin nicht mehr aussuchen. Man findet kaum noch Deutsche, die den Job machen wollen.“

Und von denen, die es sich doch vorstellen können, machen es einige auch noch schwarz. Die kleinen Aufträge unter der Hand sind für Auftraggeber und Putzkräfte meistens lukrativer, und das Risiko aufzufliegen ist gering. Selbst der Zoll – eigentlich zuständig für Schwarzarbeit – hat anderes zu tun, als privaten Schwarzputzern nachzustellen. „Sie stehen bei uns nicht im Fokus“, heißt es von dort. Wie groß der Schwarzmarkt ist, weiß niemand. Einen Verdrängungswettbewerb mit den regulären Firmen scheint es aber nicht zu geben, der Markt ist offenbar groß genug für alle.

Und das ist dann vielleicht wieder das positive Fazit, das auch Gewerkschafter Bastian Kaiser zieht. „Reinigung ist ein krisenfester Job“, sagt er. „Denn an Reinigung zu sparen ist nur mit massivem Imageverlust möglich.“

Von Oliver Fischer

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