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Die Stadterklärer

Tourismus in der Dahmeland-Fläming-Region Die Stadterklärer

Die Touristenzahlen in der Dahmeland-Fläming-Region steigen seit Jahren stetig, im kommenden Reformationsjahr dürften es sogar noch einmal deutlich mehr werden. Und Touristen lieben Führungen. Besonders in den Städten haben es sich deshalb engagierte Einheimische zur Aufgabe gemacht, Fremden ihre Stadt zu erklären. Aber wer sind diese Menschen?

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Jüterbogs Stadtverordnetenvorsitzender Falk Kubitza schlüpft als Fremdenführer in die Rolle des Ablasspredigers Tetzel.

Quelle: Uwe Klemens

Dahmeland-Fläming. Eine Stadtführung ist nie wie die andere, sagt Dagmar Henkel. Wenn sie Gruppen durch ihre Heimatstadt Jüterbog führt, bleibt sie mal länger bei der Nikolaikirche, mal kürzer bei der Liebfreuenkirche, mal wird das Rathaus nur kurz gestreift, mal ausufernd über das Mönchenkloster erzählt. Aber irgendwann landet Dagmar Henkel immer am Zinnaer Tor, weil dort von den vielen Sehenswürdigkeiten der Stadt die vielleicht skurrilste hängt: die hölzerne Jüterboger Keule.

In Jüterbog wurden im Mittelalter Straftäter hingerichtet

Dagmar Henkel stellt sich dann direkt unter den mächtigen Prügel und proklamiert den Spruch, der neben der Keule an der Feldsteinmauer prangt. „Wer seinen Kindern gibt das Brot und leidet nachmals selber Not, den schlage man mit der Keule tot.“ Es ist ein grausiger Spruch, dessen genaue Herkunft im Dunkeln liegt. Die Keule aber, so viel kann Dagmar Henkel sagen, war eine Art Warnung. Jüterbog durfte schon im Mittelalter Straftäter hinrichten. Wer sich dort Verbrechen schuldig machte, fand sich bald auf dem Galgenberg wieder – dessen früheren Standort Dagmar Henkel auf Nachfrage natürlich auch benennen kann.

Stadtführungen sind Tourismusmanagement und Stadtmarketing

Dagmar Henkel ist seit zwölf Jahren Stadtführerin in Jüterbog. Ein paar Mal im Monat ist sie in der Hauptsaison mit Reisegruppen unterwegs, die mal aus fünf, mal aus 25 Leuten bestehen. Sie vermittelt diesen Leuten – zumeist sind es Touristen – ein Bild von Jüterbog, das sie bisher noch nicht hatten. Sie zeigt ihnen die schönen Seiten der Stadt, erzählt die interessantesten Geschichten und hinterlässt damit einen Eindruck, den die Touristen mit nach Hause nehmen, um dort wiederum ihren Bekannten von der kleinen Reformationsstadt im Süden Brandenburgs zu erzählen. Stadtführungen sind Tourismusmanagement und Stadtmarketing in einem – und sie werden immer beliebter.

Auch in Dahme, Lübben und Wildau gibt es Führungen

Zahlreiche Städte in der Region bieten ihren Besuchern Führungen an. In Dahme zieht Museumsleiter Tilo Wolf regelmäßig mit kleinen Gruppen durch die Straßen, zeigt den Rathausturm und die Postmeilensäule. „Zur Not auch um Mitternacht bei Vollmond“, sagt er. In Mittenwalde lotsen Mitglieder des Heimatvereins die Besucher auf den Turm der St.-Moritz-Kirche. In Lübben führt Frank Selbitz als Nachtwächter durch die Altstadtgassen. In Rangsdorf werden auf Wunsch historische Rundgänge organisiert, und in Wildau begleitet Irmgard Hornung, eine 80 Jahre alte Heimathistorikerin, Interessierte durch die Schwartzkopff-Siedlung und das Gelände des früheren Schwermaschinenbaubetriebes. Kostenlos, wohlgemerkt. Ihr reicht es, wenn die Gäste von der Industriegeschichte und der Arbeitersiedlung begeistert sind.

In einigen Städten mehr Interesse als in anderen

Die Herangehensweise dieser Stadtführer ist unterschiedlich, ihr Arbeitsaufkommen ebenfalls. In Jüterbog ziehen Touristen schon mal mit dem Ablassprediger Johann Tetzel um die Häuser, anderswo tragen die Stadtführer lieber zivil. In touristischen Zentren wie Königs Wusterhausen oder Jüterbog ist das Interesse an Führungen zudem deutlich größer als in Städten wie Ludwigsfelde, das außer seines Autowerks nur wenig zu bieten hat, was Reisende interessieren könnte.

Die Nachfrage nach Führungen steigt

Die Tendenz ist aber in allen Orten ähnlich: die Touristenzahlen ziehen Jahr um Jahr an – und damit steigt auch die Nachfrage an Führungen. „Vor zwei Jahren waren wir an einem Punkt, an dem wir ans Aufhören gedacht haben. Aber jetzt läuft das Geschäft ziemlich gut“, sagt etwa Roman Schmidt, Museumsleiter und Stadterklärer in Luckenwalde. Schmidt hat insgesamt ein vierköpfiges Team, das in Luckenwalde eine regelmäßige Standardführung und darüber hinaus zahlreiche thematische Sonderführungen anbietet. „Wir leben von diesen Sonderführungen. Das monatliche Standardprogramm hat sich dagegen weniger bewährt“, sagt Schmidt.

In Luckenwalde braucht man einen Bus

In der Regel läuft es so, dass Reisegruppen, Seniorengruppen oder wiedervereinte Schulklassen sich 14 Tage vorher anmelden und dann günstigstenfalls mit einem eigenen Bus bei Roman Schmidt vorbeikommen. Den brauche man in Luckenwalde, sagt Schmidt. Denn die Stadt ist für Stadtführer ein Problemfall. „Luckenwalde ist eine Stadt der Moderne, da liegen die Dinge nicht nebeneinander.“

Auch Ziele außerhalb der Stadt werden angefahren

Wenn ein Bus zur Hand ist, dirigiert Schmidt den Fahrer zum Stalag-Friedhof, der 1,5 Kilometer außerhalb der Innenstadt liegt. Dann zum Friedrich-Gymnasium, auf dem der spätere Studentenführer Rudi Dutschke sein Abitur ablegte, oder zur Hutfabrik, deren Produktionshalle der Architekt Erich Mendelsohn entwarf und zum bedeutenden Werk der Industriearchitektur formte. „Zu Fuß kann man das aber alles vergessen. Da wird man nicht viel mehr als den Marktplatz, den Boulevard und das Rathaus schaffen“, sagt Schmidt. Wobei auch das eine Variante ist. Immerhin kann man vom Marktturm aus bei gutem Wetter den Berliner Fernsehturm sehen. „Und wenn ich führe, sehen die Teilnehmer den immer“, sagt Schmidt.

Stadtführer müssen flexibel sein

Als Museumsleiter ist Schmidt Angestellter der Stadt, die Führungen kann er als normale Arbeitszeit verbuchen. Mit freien Honorarkräften sei das komplizierter. Da Führungen oft in der Woche angefragt werden, müssen freie Stadtführer flexibel sein. „Einen richtigen Job kann man da nebenbei kaum haben“, sagt Dagmar Henkel aus Jüterbog. In Luckenwalde gehören deshalb zwei ehemalige ABM-Kräfte zum Team, die sich mit dem Stadtführer-Honorar ihr Hartz IV etwas aufbessern.

In Königs Wusterhausen laufen die Führungen gut

In der größten Stadt der Region Dahmeland-Fläming, in Königs Wusterhausen, lässt sich dagegen mit den Führungen schon richtig wirtschaften. Bis vor vier Jahren gab es nur Stadtspaziergänge rund ums Jagdschloss. Dann entwickelte der Fuhrunternehmer Heiner Klett die Idee einer geführten Busrundfahrt durchs gesamte Stadtgebiet inklusive der Ortseteile. Im ersten Jahr drehte der blaue Klett-Bus nur ein paar Runden durch den Ort, inzwischen werden die Touren rund 40-mal im Jahr gebucht. Für zehn Euro pro Person – Kinder und Jugendliche zahlen die Hälfte – bekommt der Tourist zwei Stunden Programm. Und er bekommt Uwe Wolff, ein Königs Wusterhausener Urgestein, Rentner und ehemaliger Vorsitzender des Heimatvereins.

Uwe Wolff mischt Stadtgeschichte mir persönlichen Anekdoten

Uwe Wolff steht dann mit einem Mikrofon in der Hand im Bus und erklärt alles, was draußen an den Fenstern vorbeifliegt: den Funkerberg, die Blinden- und Sehschwachenschule, alte und neue Wohnquartiere, die Seen, die Schleuse Neue Mühle und die Kirchen der Ortsteile. Dazu erzählt er Anekdoten aus seinem Leben. Bis Ende des Jahres seien die Touren bereits ausgebucht, sagt Heiner Klett. Und auch im kommenden Jahr stehen bereits fünf oder sechs Termine. Die Idee mit der Rundfahrt hat sich schon ausgezahlt – für alle Beteiligten. „Wir sind aber an der Kapazitätsgrenze angelangt“, sagt Uwe Wolff.

In Jüterbog macht man sich auf Touristenströme gefasst

Dass das touristische Interesse weiter zunehmen wird, steht aber außer Frage. Vor allem in Jüterbog macht man sich schon auf ganze Touristenströme gefasst, die sich im kommenden Jahr, dem Reformationsjahr, wohl über die Straßen der Altstadt ergießen. Der Jüterboger Heimatverein hat deshalb schon gemeinsam mit der Stadt ein Konzept entworfen. Sieben Mitglieder des Vereins – alle historisch bewandert – lassen sich derzeit zu Stadtführern ausbilden.

Es besteht noch Luft nach oben

Unter ihnen ist auch der Stadtverordnetenvorsteher Falk Kubitza. Er wird den Ablassprediger Tetzel geben, der mit seinen Praktiken einst Luther zur Weißglut brachte und so – erzählt man sich – die Reformation auslöste. Er habe sich inzwischen intensiv mit der Biografie Tetzels beschäftigt und sich auch einen kleinen Fundus an historischen Gewändern zugelegt, erzählt Kubitza. Außerdem war er mit seinen künftigen Kollegen auch in Magdeburg und hat sich erklären lassen, wie man die Stadtführungen dort organisiert. Dabei sei allerdings schnell klar geworden, dass in der hiesigen Region noch Luft nach oben besteht. „Magdeburg hat 70 Stadtführer“, sagt Kubitza.

Von Oliver Fischer

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