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Die Suche nach der eigenen Identität

Schlachten-Festival Die Suche nach der eigenen Identität

In Zeiten von Flucht und Vertreibung auf der ganzen Welt kümmert sich auch das „Schlachten-Festival“ um dieses brisante Thema. Künstler aus aller Welt haben sich Gedanken gemacht und drücken zum Teil auch ihre eigenen Erfahrungen aus. Mit Multimedia-Shows, mit Bildern oder mit Installationen. Den Künstlern sind in der alten Hutfabrik in Luckenwalde keine Grenzen gesetzt.

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Die New Yorker Multimediakünstlerin Colette inszeniert sich mit Hut in der ehemaligen Hutfabrik beim „Schlachten“-Festival.

Quelle: Karen Grunow

Luckenwalde. Er lebe im Jetzt und plane sein Leben hier, sagt Khaled Al-Boushi während der Eröffnung des Kunstfestivals „Schlachten - Displaced 2015“ in der Mendelsohnhalle Luckenwalde. Das Festival setzt sich mit Flucht und Vertreibung auseinander. Eben hatte ihn Gunda Lahn, die kenntnisreich die Podiumsdiskussion moderiert, gefragt, ob er, der seit gut einem Jahr in Zossen lebt, ans Zurückkehren in seine Heimat Syrien denke. Nicht nur durch diese Gesprächsrunde, der zahlreiche Besucher gespannt beiwohnten, wurde diese Vernissage sehr aktuell und vor allen Dingen auch hochpolitisch.

„Seit vielen Jahren“, erzählt Angiola Bonanni, „beschäftige ich mich mit dem Thema Vertreibung.“ Die 1942 in Rom geborene Künstlerin hat vier Wochen lang in Oehna gelebt und gearbeitet, als „Artist in Residence“ war sie für „Schlachten“ vom dortigen Dorf- und Heimatverein eingeladen worden. Nun stellt sie ihre Arbeiten in der großen Fabrikationshalle der einstigen Hutfabrik vor. Auf riesigen Bahnen Transparentpapier hat sie ihre eigene Geschichte dokumentiert, mit Fotofragmenten, Versatzstücken ihres Lebens. Was aussieht wie ein Comic, ist eine erschütternde Suche nach der eigenen Identität.

Die Vertreibung im Vordergrund

Das eigene Vertriebensein thematisiert auch Colette, die gleich vorn am Eingang des „Hutes“ der ehemaligen Hutfabrik, der hoch aufragenden Dachkonstruktion der einstigen Färberei, Blumenbuketts versammelt hat in einem Gerüst. Sie gehörte zu den New Yorkern, die nach der Zerstörung des World Trade Centers 2001 ihr Zuhause verlassen mussten, denn sie lebte in unmittelbarer Nähe der beiden Zwillingstürme. Ein Ereignis, das ihr Schaffen seitdem nachhaltig beeinflusst, die Performance- und Multimediakünstlerin hatte sich danach - mal wieder - neu erfunden. Dass sie ein Star der Kunstszene ist, zeigt sich auch zur Luckenwalder Vernissage. Mit strengem Blick posiert sie für einige Fotografen in ihrer Installation eines Raumes. Die Windstöße, die ab und an durch die geöffnete Tür der Halle eindringen, lassen Blumen und Koffer immer wieder umkippen - was den Eindruck des Aufbruchs in der Arbeit von Colette, die sich selbst so perfekt zu inszenieren vermag, nur verstärkt.

Der US-Amerikaner David Iselin-Ricketts wagt hingegen ein Experiment mit den Besuchern: Einige müssen sich Einteiler anziehen, werden dann gemeinsam fotografiert. Wie aus einander völlig Unbekannten so kurzzeitig eine homogene Gruppe wird, diese dann auseinandergehen und nach einigen Minuten erneut für ein zweites Foto zurückkehren, nun miteinander ins Gespräch kommen, ist schon spannend genug. Doch der junge Künstler, der in Berlin studiert hat, versucht außerdem, die Zeit zwischen den Fotos in einer eilig arrangierten, gleichwohl langwierig durchkonzipierten Installation darzustellen.

Gigantische Fußabrücke

Aus hunderten Zeichnungen von Füßen hat die Marokkanerin Khadija Tnana zwei gigantische Füße entworfen, die sie auf dem Boden zwischen den Stützen in der großen Halle platziert hat. Das Weggehen, Wiederkehren, das Hoffen, das Verzweifeln finden hier ein denkbar schlichtes Symbol. „In allen Kulturen nehmen wir den Schlüssel mit“, sagt der Historiker Jan M. Piskorski als er über den Wunsch vieler Vertriebener, eines Tages in ihre Heimat zurückgehen zu können, spricht. Der polnische Wissenschaftler ist derzeit Stipendiat im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf. Für Emily Pütter, eine der Organisatoren von „Schlachten“, passt er mit seinen Forschungen zu den Migrationen in Europa ideal zum Festival, das an den kommenden Wochenenden mit Performances und Workshops immer wieder neu sein großes Thema beleuchten wird. Eng kooperieren Pütter und ihre Mitstreiter mit dem Deutschen Roten Kreuz und der Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“.

Dass sie zu ihrem Kunstprojekt, das künftig regelmäßig in Teltow-Fläming stattfinden soll, in der Geschichte der über die Jahrhunderte von Schlachten und Militärpräsenz geprägten Region inspiriert wurden, werden Emily Pütter dann künftig genauer erzählen. Denn dass sie „Schlachten“ fortführen wollen, daran lässt Pütter trotz einiger finanzieller Rückschläge wegen geplatzter Fördergelder keinen Zweifel. Einige aufwendigere Kunstwerke konnten einfach nicht realisiert werden, dadurch bleibt die große Halle des Anfang der 1920er Jahre von Erich Mendelsohn errichteten Fabrikkomplexes merkwürdig leer, verlassen geradezu. Was der Idee des Festivals eine zusätzliche Dimension verleiht.

Emily Pütter jedenfalls sagt frohgemut: „Wir können uns das als Biennale vorstellen.“

Info: „Schlachten - Displaced 2015“ ist bis zum 11. Juli in der Mendelsohnhalle in Luckenwalde zu sehen. Detaillierte Infos zum Programm unter www.schlachten.org

Von Karen Grunow

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