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Teltow-Fläming Folge 58: Die Wohnung
Lokales Teltow-Fläming Folge 58: Die Wohnung
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18:03 30.10.2018
Vier Zimmer für fünf Leute, das wäre ein Traum. Rabiaa hofft auch auf eine größere Küche.
Ludwigsfelde

Eine Wohnung! Rabiaa strahlt angesichts der Top-Nachricht des Tages übers ganze Gesicht. Natürlich sei noch nichts offiziell. Es gibt keinen unterschriebenen Mietvertrag, so weit ist man noch lange nicht. Über Freunde haben die Yassins aber immerhin ein Angebot bekommen, und das will schon etwas heißen. Sie müsse sich die Wohnung erst anschauen und entscheiden, ob sie passt. Es soll sich um eine Drei-Zimmer-Wohnung handeln, das klingt etwas eng für fünf Personen.

„Und wenn sie im vierten Stock liegt, wird es auch schwierig“, sagt sie, und deutet auf ihr Knie. Nach einem Unfall vor einigen Monaten leidet sie unter chronischen Schmerzen, schon längere Spaziergänge zu ebener Erde werden nach einer Zeit zur Tortur. Auf Treppen macht das Knie spätestens ab der dritten Etage schlapp. Aber darüber will sie sich jetzt keine Gedanken machen. Sie hat einen Besichtigungstermin, nach eineinhalb Jahren ist es der erste überhaupt. Das allein reicht schon für einen kleinen Lichtschein am Ende des langen Fluchttunnels.

„Wir brauchen auch endlich eine Wohnung“, sagt Rabiaa. Nicht nur, weil es zwangsläufig zu Spannungen innerhalb der Familie kommt, wenn sich fünf Familienmitglieder einen Schlafraum teilen. Auch die Ausstattung der Wohnung hat ihre beste Zeit hinter sich: Die Tür des Küchenschranks schließt nicht mehr, aus dem Kühlschrank läuft Wasser, es gibt keine Arbeitsfläche in der Küche und für Regale war ohnehin nie Platz.

Aber auch der Landkreis drängt inzwischen darauf, dass anerkannte Flüchtlinge ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Fast 1300 von ihnen leben noch in Heimen und Übergangswohnungen, mehr als 500 davon haben Asylstatus, genau wie die Yassins. Sie gehören damit eigentlich nicht mehr in ein Übergangswohnheim und sollen – so ist die Haltung im Sozialamt – auch möglichst zeitnah in eine eigene Wohnung ziehen, auch um die Integration zu fördern.

Das ist allerdings nicht ganz einfach, weil es gerade im Speckgürtel kaum Wohnungen gibt. Rabiaas Freund Adel hat ein halbes Jahr gesucht und zeitweise fast täglich bei den einschlägigen Wohnungsgesellschaften nachgefragt. Die Einzimmer-Wohnung, die er jetzt gefunden hat, ist in Berlin – er hat sie auch nur bekommen, weil eine Ludwigsfelderin für ihn gebürgt hat.

Andererseits werden Familien, die ihre Anerkennung länger als drei Monate haben, vom Sozialamt angeschrieben. Auch Sozialarbeiter und Wohnungsberater melden sich bei ihnen. Rania – eine ehemalige Nachbarin der Yassins – hat auf diese Weise gerade mit ihren zwei Kindern eine Drei-Zimmer-Wohnung in Ludwigsfelde gefunden. Die afghanische Familie aus dem Nachbareingang lebt ebenfalls seit einigen Wochen in den eigenen vier Wänden. Es geht also. „Aber die vielen Gespräche und Termine, die dafür notwendig sind“, seufzt Rabiaa.

Ihr Mann Mohammed war gestern beim Jobcenter. Er muss Anträge ausfüllen, bewirbt sich mal wieder bei Mercedes. Dabei wird sie ihm helfen müssen. Auch von ihr will das Jobcenter neue Papiere haben. Die Kinder bekommen in der nächsten Woche Zeugnisse, in manchen Fächern werden die Zensuren mittelprächtig sein. Rabiaa musste mehrfach bei der Schule vorsprechen.

Außerdem wurde sie von einer israelischen Filmemacherin gefragt, ob sie nicht bei einer Dokumentation über Flüchtlinge mitmachen möchte. Grundsätzlich gerne, hat Rabiaa gesagt, ist ja für eine gute Sache. Aber für jeden dieser Termine muss sie ihren Deutschkurs beschneiden – und die Lehrerin hetzt derzeit durch die reflexiven Verben, für die es im Arabischen keine Entsprechung gibt. Rabiaa vergräbt das Gesicht in den Händen, wenn sie nur daran denkt: „Ich mich, dir dich, ich wasche mir mich dich.“

Dann schaut sie aus dem Fenster. Draußen regnet es gerade ausnahmsweise einmal nicht. Die Sonne scheint sogar recht sommerlich auf Ludwigsfelde.. „Ich brauche Urlaub“, sagt Rabiaa.

Am nächsten Tag bei der Wohnungsbesichtigung wird sie feststellen, dass die Wohnung zu klein ist. Sie wird eine Liste mit 31 Telefonnummern bekommen, bei denen sie wegen anderer Wohnungen nachfragen kann. Sie wird überlegen, ob sie ihre Familie nicht doch lieber erst einmal in die drei Zimmer quetscht. Und sie wird sich fragen, ob es einen Unterschied zwischen „sich suchen“ und „sich etwas suchen“ gibt.

Die syrische Flüchtlingsfamilie Yassin lebt seit Februar vergangenen Jahres im Flüchtlingsheim Am Birkengrund in Ludwigsfelde. Die MAZ berichtet monatlich über ihr Ankommen.

Von Oliver Fischer

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