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Die Yassins atmen auf

MAZ-Serie „In der neuen Heimat“ Die Yassins atmen auf

Gute Nachrichten vom Anwalt: Bis die Klage gegen die Abschiebung der Familie Yassin nach Belgien nicht entschieden ist, dürfen sie in Deutschland bleiben. Das kann noch ein gutes Jahr dauern. Der Anwalt sieht in der temporären Aufschiebung eine "Art Vorentscheid", also ein positives Signal.

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Rabi bringt seiner Mutter das Fahrradfahren bei.
 

Quelle: privat

Ludwigsfelde.  Als die kleine Meis das frisch aufgetischte Pizzastück direkt vom Teller ihrer Mutter auf den Boden fegt, muss Rabiha nur lachen. Sie gibt ihrer Tochter einen Kuss auf die Stirn und flüstert zärtlich „Habibi“, das arabische Wort für „Mein Liebling“. Kurz danach kommt Rabi in die Küche, er will sich vor dem Fußballspielen unbedingt noch duschen und frisieren. Mohamed ruft ihm noch hinterher, er solle das nicht vor dem Sport machen und sich lieber beeilen. Er wird gleich zum Training abgeholt. Es nützt nichts, Rabi hat seinen eigenen Willen und ist schon im Badezimmer. Mohamed und Rabiha lachen, der alltägliche Familienstress ist das schönste, was ihnen gerade passieren kann. Die Stimmung war schon lange nicht mehr so gelöst im Hause Yassin.

In dieser Woche gab es endlich eine gute Nachricht für die Familie, die seit Wochen befürchtet, ihr neues Zuhause in Ludwigsfelde wieder verlassen zu müssen: Mit ihrem Anwalt hatten die Yassins eine Klage eingelegt – gegen die nach den Dublin-Regeln drohende Abschiebung nach Belgien. Wie ihr Anwalt Benjamin Düsberg erklärt, kann es lange dauern, bis die durch ist. Deshalb hatte er zusätzlich einen Antrag auf „Anordnung der aufschiebenden Wirkung der Klage“ gestellt. Und der wurde jetzt bewilligt.

Eine Bescheinigung über die Erstuntersuchung der drei Kinder aus einer nordrhein-westfälischen Notunterkunft habe den entscheidenden Beweis dafür geliefert, dass die Familie tatsächlich zuerst in Deutschland und nicht in Belgien untergebracht war, sagt der Anwalt. Das heißt: Bis über die Klage gegen die Abschiebung nicht entschieden ist, dürfen die Yassins nicht abgeschoben werden.

Der Anwalt sieht das als durch und durch positives Signal. „Das ist so eine Art Vorentscheid“, erklärt Düsberg. „Wenn die Verantwortlichen sich nicht zu mehr als 80 Prozent sicher wären, dass die Klage durchgeht, hätten sie den Antrag nicht bewilligt.“ Bis der Fall endgültig entschieden wird, dauere es wahrscheinlich noch länger als ein Jahr, sagt er.

In dieser Zeit leben die Yassins in einer Art Warteposition. Die meisten ihrer Landsleute erhalten den ersten Aufenthaltstitel binnen Monaten. Das wird bei ihnen länger dauern. In der Zeit dürften sie theoretisch keine Arbeit aufnehmen, geschweige denn eine eigene Wohnung beziehen. Praktisch kann es Ausnahmen geben, damit werden Mohamed und Rabiha sich in naher Zukunft befassen. Jetzt atmen sie erst einmal durch.

„Ich bin so glücklich über die gute Nachricht“, sagt Rabiha. Und wie immer denkt sie dabei zuallererst an ihre Kinder. „Es hätte mir das Herz gebrochen, sie wieder von ihren neuen Freunden, ihrer Schule und dem Sport zu trennen“, sagt sie. Zu oft haben sie das seit der Flucht aus Syrien schon mitmachen müssen. So viel Unsicherheit kann dem menschlichen Urvertrauen auf Dauer schaden, befürchtet die Mutter. Hier in Ludwigsfelde haben sie sich ja schon so gut eingelebt und fühlen sich wohl. Rabiha und Mohamed können sich ein dauerhaftes Leben im Brandenburgischen vorstellen.

Als die Tage so schön sonnig waren, haben die Yassins einen fröhlichen Familienausflug ins Grüne unternommen. Dabei hat Rabi seine Mutter Rabiha das Fahrradfahren beigebracht. Sie konnte es als einzige aus der Familie noch nicht. „Am Anfang war es etwas wackelig, aber dann hat es gut geklappt“, erzählt die 40-Jährige. „Ich habe in Syrien nie ein Fahrrad gebraucht.“ In Ludwigsfelde ist das etwas anderes. Schnell mal zum Kaufland oder zum Arzt, wie sollte das besser funktionieren? Wenn sie bald noch ein eigenes Rad in ihrer Größe hat, wird sie viel mobiler sein.

Sowieso wird jetzt alles besser, sagt Rabiha. Darüber, dass die Klage eventuell doch noch abgelehnt werden könnte, wollen sie und Mohamed jetzt lieber nicht nachdenken. Zu viele Sorgen sind ja nicht gut. Und deshalb machen sie jetzt wieder so weiter, wie vor der Abschiebe-Nachricht: Rabiha lernt bei einer Ehrenamtlerin im Heim Deutsch, Mohamed will einen Kurs in Berlin besuchen und Arbeit finden, Rabi und Hala haben sich in ihren Klassen ohnehin schon bestens integriert.

Info: Die Yassins sind vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen und leben seit 15 Wochen in einer Flüchtlingsunterkunft in Ludwigsfelde. Die MAZ begleitet die Familie auf ihrem Weg und berichtet wöchentlich über ihr Leben in Deutschland. Alle Folgen sind zu finden unter: www.maz-online.de/Brandenburg/Eine-syrische-Familie-hofft-auf-einen-Neustart

Von Anja Meyer

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