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Die Yassins und ihr neues Leben in Deutschland

Bilanz einer Ankunft Die Yassins und ihr neues Leben in Deutschland

Die syrische Familie Yassin lebt seit einem Jahr in Brandenburg. Die MAZ hat die Familie in dieser Zeit begleitet und dabei hoffnungsvolle und glückliche Tage erlebt. Aber auch Rückschläge, mit denen die fünfköpfige Familie zu kämpfen hatte. Die Bilanz einer Ankunft.

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Die Yassins waren immer gute Gastgeber und haben die MAZ-Reporter bekocht und zum Essen eingeladen. Hier nehmen sie Oliver Fischer in ihre Mitte.

Quelle: Anja Meyer

Königs-Wusterhausen. Am 1645. Tag der Flucht erhielt Mohammed Yassin eine Textnachricht von seinem Anwalt, die ihn glücklich machte. Dem Asylantrag der Familie Yassin sei stattgegeben worden, schrieb der Anwalt. Drei Jahre Bleiberecht, das maximal Mögliche. Die Nachricht schloss mit dem Satz: „Jetzt kann gefeiert werden.“ Das ist zwei Wochen her. Seither ist Mohammed Yassin ein anderer Mensch.

Es gab viele Tage im vergangenen Jahr, in denen er, Vater dreier Kinder, Ehemann, Schiffsmaschinist, kaum etwas anderes tat, als in seiner Küche zu sitzen und stumm vor sich hin zu starren. Ein großer Redner war er nie, aber seine Frau sagt, er sprach in dieser Zeit noch weniger als sonst. Außerdem aß er fast nichts mehr, wog nur noch 50 Kilo. Jetzt aber schlingt er Pizza in sich hinein und grinst dabei. Auf die Frage, wie es ihm geht, sagt er: „Gut, schön, alles schön.“ Das ist fast sein kompletter deutscher Wortschatz, und wer Mohammed Yassin kennt, der weiß, dass es viel mehr als das bedeutet. Nach 1645 Tagen auf der Flucht sieht er einen Hoffnungsschimmer. Viereinhalb Jahre, nachdem er und seine Familie ihre Heimat verlassen haben, gibt es Anzeichen dafür, dass sich alles gelohnt hat und ihre Geschichte vielleicht ein gutes Ende nimmt.

Knapp 10.000 Asylsuchende hat Brandenburg allein im Jahr 2016 aufgenommen, die meisten Syrer – wie die Yassins. Die standen im vergangenen Februar zu fünft vor der Flüchtlingsunterkunft im Ludwigsfelder Birkenweg: Vater Mohammed, 46, ein schmaler, zurückhaltender Mann. Seine sechs Jahre jüngere Frau Rabiaa Ghomaira, Sohn Rabiee (12), Tochter Hala (9) und die kleine Meis, damals noch kein Jahr alt. Sie sahen die Traglufthallen, die die Stadt kurz zuvor auf dem Innenhof des Heims errichtet hatte und atmeten auf, als man ihnen eine eigene Wohnung zuwies. Würde jetzt alles gut werden?

„Deutschland hat viel für uns getan“

Das Flüchtlingsheim, in dem die Yassins auch heute, ein gutes Jahr später, noch leben, liegt in einem unwirtlichen Areal am Rande der Industriestadt Ludwigsfelde. Zwischen Gewerbehallen, Bahngleisen und einer Bundesstraße stehen dort zwei Wohnblöcke aus den 50er-Jahren. Die zwei Zimmer im Dachgeschoss, die die Familie ihr Zuhause nennt, sind abgewohnt. Mohammed hat den Flur gestrichen und Regalbretter an die Küchenwände gedübelt, aber wirklich wohnlich sieht es noch immer nicht aus. Die Möbel sind zusammengewürfelt, es stehen zu viele Betten herum, ihre Abende verbringt die Familie aus Mangel an Alternativen in der Küche.

Ja, sie sei dankbar für diese Unterkunft, sagt Mutter Rabiaa. „Deutschland hat viel für uns getan.“ Aber ihre Augenringe sprechen eine andere Sprache. Sie sagen, dass Rabiaa nicht zufrieden ist damit, wie sich ihr Leben im vergangenen Jahr entwickelt hat. Es sei hart gewesen, „die reine Katastrophe“, sagt Rabiaa. Zu viele Rückschläge, Enttäuschungen, Krankheiten, Unfälle. Die Aufregung der ersten Tage ist verschwunden, der Reiz des Neuen, der viele Makel überdeckt, ist verflogen. Übrig geblieben ist das Gefühl, dass nichts an diesem Heim dem Bild entspricht, das sie im Kopf hatten, als sie sich auf den Weg nach Deutschland machten. „Wir waren das Leben in einer Großstadt gewöhnt, wir wollten nach Hamburg oder Berlin“, sagt Rabiaa. Aber Berlin war voll, man schickte sie weiter in den Birkengrund.

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Seit einem Jahr lebt Familie Yassin in Ludwigsfelde – die MAZ hat die syrische Familie in dieser Zeit begleitet und wöchentlich über Rabiaa, Hala, Meis, Mohammed und Rabiee berichtet. In der Fotostrecke zeigen wir einige Stationen ihres Lebens in Brandenburg.

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Die Yassins stammen aus Latakia, einer Hafenstadt von der Größe Bremens. Rabiaa arbeitete dort nach ihrem Jura-Studium als Familienbetreuerin, Mohammed fuhr auf Containerschiffen um die Welt. Ihnen gehörte ein Haus mit zwei Etagen, einer riesigen Küche und blühenden Ranken im Vorgarten. Wenn Mohammed heim kam, führte er seine Frau aus, kaufte ihr Kleider und Schmuck. „Es war das perfekte Leben“, sagte Rabiaa einmal. Es endete mit der Revolution.

In der Türkei gab es keine Perspektive für die Familie

Auch sie ging damals auf die Straße und demonstrierte für mehr Freiheit und Demokratie. Aber dann eskalierte alles. Bomben fielen, bewaffnete Milizen standen vor der Tür der Yassins und wollten Mohammed zum Dienst einziehen. Als ihr Mann vorübergehend festgenommen wurde, entschied Rabiaa, dass es Zeit sei, zu gehen.

Die ersten drei Jahre schlugen sie sich in der Türkei durch. „Aber dort gab es keine Perspektive für uns“, sagt Rabiaa, weshalb sie sich im Sommer 2015 dem Treck nach Europa anschlossen. Mit einem Schlauchboot überquerten sie das Mittelmeer. In Serbien zelteten sie neben Bahngleisen, in Ungarn versteckten sie sich vor Grenzern, in Belgien, wo Mohammeds Bruder lebt, wurden sie von der Polizei einkassiert. Ein viertel Jahr dauerte die Odyssee, 7500 Euro kostete sie, und als die Yassins in Deutschland ankamen, hatten sie nichts mehr.

So hat die MAZ über die Yassins berichtet

Der MAZ-Regionalverlag Dahmeland-Fläming begleitet die Yassins seit ihrer Ankunft im Flüchtlingsheim in Ludwigsfelde.

Am 12. Februar 2016 kam die Familie in den Landkreis Teltow-Fläming.

Die Reporter berichten seitdem im Lokalteil im wöchentlichen Rhythmus über das Leben der Familie in ihrer neuen Heimat Deutschland.

Im April 2016 erhielt die Familie einen Abschiebe-Bescheid, da sie vor ihrer Ankunft in Belgien einen Bruder Mohammed Yassins besucht hatten. Der Bescheid wurde im Oktober aufgehoben. Im Februar 2017 erhielten sie nach einer Anhörung im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Frankfurt (Oder) einen Aufenthaltstitel. Dieser berechtigt sie, drei Jahre in Deutschland zu bleiben.

In bislang mehr als 50 Teilen schilderte die Redaktion den Flüchtlings-Alltag und lieferte dabei seltene Innensichten aus dem Heim und dem Flüchtlingsleben.

Zwei MAZ-Mitarbeiter sind mit der Serie betraut. Sie besuchen die Yassins, begleiten sie zu Unterricht oder Behördenterminen.

Die große Gastfreundschaft der Familie hat die Reporter beeindruckt. Trotz ihrer eingeschränkten Mittel bestehen die Yassins stets darauf, ihre Gäste zu bewirten.

Alle bisher erschienenen Texte der Serie sind im Internet abrufbar unter www.maz-online.de/yassins

Die Bilder und Gefühle dieser Reise bleiben präsent, sagt Rabiaa. Wenn sie nachts nicht schlafen kann, dann sieht sie sich manchmal wieder in dem Schlauchboot sitzen, eingequetscht zwischen fremden Männern, betend, die kleine Meis auf dem Schoß, während die Gischt in den Fußraum spritzt. In anderen Nächten denkt sie an ihre Eltern in Syrien und an ihren jüngsten Bruder, der in der Türkei geblieben ist und dort von islamistischen Kämpfern umworben wird. Das alles mischt sich mit den Sorgen des Alltags. Als ihr Sohn Rabiee nach einem Verkehrsunfall mit gebrochenem Bein im Krankenhaus lag, weinte sie sich in den Schlaf. Als Flüchtlinge in Deutschland Attentate verübten, graute ihr davor, auf die Straße zu gehen. Sie band bunte Kopftücher um, setzte ihr freundlichstes Lächeln auf. Trotzdem wechselten Leute die Straßenseite.

Die Yassins verbrachten ihre Tage mit Hoffen, Beten und Warten

Und dann waren da die ganzen Briefe und Bescheide. Weil die belgische Polizei die Fingerabdrücke der Familie genommen hatte, war ein Dublin-Verfahren gegen die Familie eingeleitet worden. Die Yassins sollten abgeschoben werden, und wem die Abschiebung droht, dem wird kein Deutsch-Kurs bewilligt und keine eigene Wohnung. Die Familie nahm sich einen Anwalt, der erst einen Aufschub erwirkte und das Verfahren später abwendete. Aber bis dahin blieb für die Yassins die Zeit stehen. Andere Bewohner lernten Deutsch, arbeiteten und suchten Wohnungen. Die Yassins verbrachten ihre Tage mit Hoffen, Beten und Warten.

Die Wohnung in dem Gewerbegebiet mit den vielen Betten und dem weiß getünchten Flur ist für die Yassins eine Schleuse zwischen zwei Leben. Da ist das alte in Syrien mit ihren Freunden, ihrer Familie, ihren Jobs. Es gibt kein Zurück mehr dorthin, sagt Rabiaa. Sie hat von der Türkei aus gegen das Regime von Baschar al-Assad gearbeitet, und das Regime vergisst nicht.

Und da ist das neue Leben in Deutschland, das für Mohammed und Rabiaa bisher viele Fragen und wenige Antworten bereithält. Wie wird es aussehen? Welche Chancen haben unsere Kinder? Welche haben wir? Haben wir überhaupt eine?

Es geht aufwärts, aber es kostet Kraft

Die Nachricht des Anwalts war ein Geschenk. Drei Jahre Bleiberecht bedeuten Klarheit, zumindest im Rahmen des Möglichen. Rabiaa und Mohammed besuchen jetzt einen Deutsch-Kurs in Berlin und wundern sich über ihre Mitschüler aus Serbien und Bulgarien, die zum Teil seit zehn Jahren in Deutschland leben und immer noch keinen geraden Satz sprechen können. „Dafür muss es doch Gesetze geben, es gibt doch für alles Gesetze in Deutschland“, sagt Rabiaa.

Dann redet sie über die Wohnung, die sie sich jetzt suchen können. Drei Zimmer wären schön, gerne auch eine größere Küche. Doch dann reibt sie sich die Augen. Sie wirkt abgekämpft. Von anderen Flüchtlingen hat sie gehört, wie schwer es ist, eine Wohnung zu finden. „Ich glaube, ich habe momentan keine Kraft dafür“, sagt sie.

Es ist, als ob das Leben ihnen eine Lektion erteilen will. Es geht aufwärts, ja. Aber sie müssen Geduld haben. Es kostet Kraft, in Deutschland sein Glück zu finden.

Von Oliver Fischer

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