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Teltow-Fläming Die Zukunft liegt in der Stärke
Lokales Teltow-Fläming Die Zukunft liegt in der Stärke
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00:45 01.10.2014
In Oehna werden die Knollen in riesigen Anlagen gesäubert und sortiert. Quelle: Pensold

Ob als Salat, Kloß oder ganz einfach aus der Pfanne – der Brandenburger liebt seine Kartoffeln. Derzeit werden die Knollen von den Landwirten aus den Böden geholt. Und da ist vor allem in Teltow-Fläming einiges los. Denn der Landkreis ist ein Knollen-Dorado. „Wir haben das größte Kartoffelanbaugebiet in Brandenburg“, sagt Silvia Fuchs, Geschäftsführerin des Bauernverbands Teltow-Fläming. Im vergangenen Jahr konnte die hiesigen Landwirte die höchsten Kartoffelerträge in ganz Brandenburg einfahren.

Kartoffelsorten

10.000 Hektar Ackerflächen werden in diesem Jahr in Brandenburg für Kartoffelanbau genutzt. Das ist ein Plus von 9,2 Prozent zum Vorjahr. Speisekartoffeln werden lediglich auf 3000 Hektar angebaut.

312.000 Tonnen Kartoffeln wurden 2013 in ganz Brandenburg geerntet. Spitzenreiter war der Landkreis Teltow-Fläming. Dort wurden 387,2 Dezitonnen pro Hektar eingebracht. In Dahme-Spreewald waren es 309 Dezitonnen pro Hektar.

In Deutschland gibt es rund 200 zugelassene Kartoffelsorten. Es werden Speisekartoffeln, Verarbeitungskartoffeln und Stärkekartoffeln unterschieden. Speisekartoffeln werden als Lebensmittel angeboten. Verarbeitungskartoffeln werden angebaut, um sie industriell für den Lebensmittelmarkt weiterzuverarbeiten. Genutzt werden sie für die Herstellung von Pommes, Kartoffelpüree oder Chips. Stärkekartoffeln werden für die industrielle Weiterverarbeitung genutzt.

Neben Polen zählt Deutschland zu den größten Kartoffelanbauern in Europa.

Im Jahr 1985 war in Deutschland der Pro-Kopf-Verzehr pro Jahr 350 Kilo Kartoffeln, heute liegt er bei rund 60 Kilo pro Jahr.

475 Tonnen Kartoffeln am Tag

Vor allem im Süden sind die Hackfrüchte prominent. Wer dieser Tage auf den Landstraßen bei Niedergörsdorf unterwegs ist, sieht viel Betrieb auf den Kartoffelfeldern. Mit unterschiedlichsten Maschinen werden die Felder bearbeitet und Gala, Adretta, Milwa und all die anderen Sorten auf Anhänger verladen.

Eckhard Fuchs, Beiratsvorsitzender der Oehnaland Agrargesellschaft. Quelle: Pensold

Gut zu tun haben dabei auch die Mitarbeiter der Oehnaland-Agrargesellschaft. 475 Tonnen Kartoffeln werden dort pro Tag eingebracht. „Wir sind eine prädestinierte Gegend für den Kartoffelanbau“, sagt Geschäftsführer Frank Bruckbauer. Denn der Boden im Fläming ist ganz nach dem Geschmack der Knollen. Locker muss er sein, warm und mit wenig Lehmanteil. „Das hat der alte Fritz schon gemerkt, dass man in Brandenburg gut Kartoffeln anbauen kann“, sagt Bruckbauer.

Essgewohnheiten haben sich geändert

Doch die Hochzeit der Kartoffel ist längst vorbei. Heute wird nur noch ein Bruchteil der Menge produziert, die vor der Wende geerntet wurde. 1989 wurden in Brandenburg noch 123.000 Hektar Kartoffeln angebaut, in diesem Jahr sind es laut Statistischem Landesamt nur noch etwa 10.000 Hektar.

Früher setzten die Bauern vor allem auf Speisekartoffeln, doch heute ist der Appetit auf diese Beilage viel geringer. „Die Ernährungsgewohnheiten haben sich geändert. Heute werden auch viele Nudel- und Eiprodukte verzehrt. Die Kartoffel spielt eine nicht mehr ganz so große Rolle“, sagt Frank Bruckbauer. Auch die Zeiten, in denen Kartoffeln als Futtermittel für die Schweinezucht angebaut wurden, seien mittlerweile vorbei. „Dieser Zweig spielt seit der Wende keine Rolle mehr.“

Kartoffeln auch für die Industrie interessant

Heute ist es die Stärkekartoffel, die den Großteil der Ernte ausmacht. Sie landet nicht auf dem Teller. „Diese Sorten sind zwar auch essbar, allerdings sind sie sehr mehlig und zerfallen beim Kochen“, erläutert Bruckbauer. Grund für die steigende Nachfrage nach diesen Sorten ist der höhere Stärkeanteil. Der liegt bei bis zu 24 Prozent. Speisekartoffeln enthalten maximal 15 Prozent.

Diese Besonderheit macht die Stärkekartoffeln so interessant für die Industrie. Durch chemische Veredelung wird aus ihnen Papier oder anderes Verpackungsmaterial. Die Stärkekartoffel hat daher einen recht sicheren Absatzmarkt. „Der Vorteil ist, dass es für diese Sorten einen Vertrag gibt. Man weiß, wie viel Kartoffeln man erzeugen und absetzen kann. Bei der Speisekartoffel ist das anders – der Preis ist ein Unsicherheitsfaktor“, sagt Jürgen Zimmermann. Er ist Vorstandsvorsitzender der Agrargenossenschaft in Groß Machnow.

Seltene Sorten im Angebot

Aus Tradition setzt man im Rangsdorfer Ortsteil aber weiterhin auf die Speisekartoffel. Früher versorgte die Agrargenossenschaft den Berliner Markt mit ihren Produkten, auf 600 Hektar wurden die Knollen für die Hauptstadt angebaut. In diesem Jahr wird die Ernte von 20 Hektar Acker eingebracht, werden die Kartoffeln vor allem über den Direktvertrieb und kleine lokale Händler verkauft. „Die Kartoffel ist schon noch weiter gefragt. Kochen kommt wieder in Mode“, sagt Jürgen Zimmermann. Problematisch sei für ihn vielmehr, dass Discounter die Knollen wesentlich günstiger anbieten als er es kann. Er setzt daher auch auf ungewöhnliche und seltene Sorten, wie die „Bamberger Hörnchen“ oder „Blaue St. Galler“, um sie der Kundschaft im Hofladen anzubieten.

In Dahme-Spreewald ist der Kartoffelanbau kein großes Thema. „Die Ernte 2013 war bei uns gut. Aber die Kartoffel ist kein Schwerpunkt in Dahme-Spreewald. Und das war auch nie anders“, sagt Manfred Schuhmann, Abteilungsleiter Landwirtschaft beim Landkreis Dahme-Spreewald. Lediglich die Märkische Agrargenossenschaft Mittenwalde sei ein großer Kartoffelproduzent. Ansonsten gebe es aber viele kleine Betriebe, die mit ihrer Ernte die örtliche Versorgung übernehmen würden.

20.000 Tonnen Stärkekartoffeln im Jahr

Obwohl in Dahme-Spreewald nur wenige Kartoffeln angebaut werden, nimmt der Kreis eine wichtige Rolle für den Erfolg der flämischen Knolle ein. In Golßen befindet sich nämlich eine der beiden brandenburgischen Stärkefabriken. „Für uns ist es ein großer Standortvorteil, wenn wir in Golßen die Ernte verarbeiten können“, sagt Frank Bruckbauer von der Oehnaland-Agrargesellschaft. 20.000 Tonnen Stärkekartoffeln bringt die Agrargesellschaft im Jahr dorthin. Das sind etwa 95 Prozent des Ernteertrags. Die restlichen fünf Prozent werden zu Saisonbeginn nach Kyritz gebracht. Dort befindet sich die zweite Stärkefabrik.

Ein Blick in die Kartoffelfabrik

In der Stärkefabrik in Golßen werden Kartoffeln industriell verarbeitet. Später entstehen aus den Inhaltsstoffen dann Glasnudeln, Dünger und Papier.

Lastwagenweise werden jetzt zur Erntezeit täglich Kartoffeln auf das Gelände der Emsland-Aller-Aqua-Stärkefabrik in Golßen verfrachtet. „Pro Tag werden etwa 2000 Tonnen geliefert“, sagt Geschäftsführer Martin Jahn. Innerhalb von nur zweieinhalb Monaten werden seine 90 Mitarbeiter dafür sorgen, dass rund 120000 Tonnen Stärkekartoffeln vor Ort verarbeitet werden.

Auf riesigen Walzen wird das Stärkepulver transportiert. Pro Tag werden in Golßen rund 1500 Tonnen Kartoffeln verarbeitet. Quelle: Pensold

Hälfte der Kartoffeln kommt aus Teltow-Fläming

„Der Standort hat eine lange Geschichte“, erzählt Martin Jahn. Schon seit 1881 bringen die Bauern ihre Knollen nach Golßen. Heute stammt die Hälfte der Jahresmenge aus Teltow-Fläming, 25 Prozent der Stärkekartoffeln werden aus Dahme-Spreewald geliefert. Der Rest kommt von Landwirten aus Nordsachsen, Sachsen-Anhalt und dem Süden Brandenburgs. Auf die Qualität der Kartoffeln aus der Region ist man dabei besonders stolz. „Golßen hat im Vergleich mit anderen deutschen Stärkefabriken den höchsten Stärkewert“, berichtet Martin Jahn. Durchschnittlich haben die Kartoffeln einen Stärkegehalt von 20,5 Prozent – ein Prozent mehr als in anderen Bundesländern.

Stärke wird isoliert

Die Knollen sind dabei vielseitig einsetzbar und können in Golßen komplett verwertet werden. In verschiedenen Produktionsschritten werden die Kartoffeln gesäubert, zermahlen, Fruchtwasser abgetrennt, Stärke und Eiweiß isoliert. Aus den einzelnen Komponenten entstehen dabei ganz unterschiedliche Produkte. Das Fruchtwasser – eigentlich ein Nebenprodukt bei der Stärkeherstellung – wird als Flüssigdünger für die Landwirtschaft verwendet. Das mausgraue Eiweiß der Kartoffeln ist hingegen von Viehzüchtern gefragt. „Es wird als Futter in der Rinderhaltung verwendet“, erklärt Martin Jahn.

Stärke ist der Grundstoff für viele Produkte

Die Hauptrolle spielt aber die Kartoffelstärke. Und auch mit ihr kann man einiges anstellen. In ihrer natürlichen Form dient sie als Grundstoff für viele Produkte, wird zum Beispiel in der Lebensmittelindustrie für die Herstellung von Instant-Produkten wie Soßen und Fertigdesserts genutzt. Die Golßener Stärke wird unter anderem auch nach Südostasien exportiert – dort wird das Pulver zu Glasnudeln verarbeitet. Aber die Stärke kann noch mehr. Nach chemischer Veredelung dient sie zum Beispiel als Bindemittel für die Herstellung von Papier. „Die Kartoffelstärke ist nicht nur vielfach einsetzbar. Sie ist auch die edelste Stärke, die es gibt“, sagt Martin Jahn.

Die Zukunft liegt in der Stärke, da sind sich die Landwirte sicher. Doch der Markt ist umkämpft, wie Frank Bruckbauer weiß. „Kartoffelstärke macht einen Anteil von etwa fünf Prozent auf dem weltweiten Stärkemarkt aus. Da gibt es eine riesige Konkurrenz“, berichtet der Geschäftsführer. Für ihn liegt die Herausforderung daher vor allem darin, sich mit moderner Technik aufzustellen. „Mit der einfachen Stärke kann man auf dem Weltmarkt nicht bestehen. Die Industrie muss Neuheiten in die Produktion einbringen“, sagt Bruckbauer. Vor allem durch die Veredelung der Stärke könne man auch künftig mit der Konkurrenz mithalten.

Hohe Investition schrägt Neue zurück

Gerade die hohen Investitionskosten und technischen Voraussetzungen des heutigen Kartoffelanbaus machen das Geschäft für Neulinge uninteressant, sagt Manfred Schuhmann vom Landkreis Dahme-Spreewald. „Wer heute ins Kartoffelgeschäft einsteigen will, muss so viel investieren, dass das keiner tut“, sagt der Landwirtschaftsreferent.

Von Nadine Pensold

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