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Die grüne Hölle

MAZ macht mit: Gurkenernte Die grüne Hölle

Der Spreewald ist für die Kahnfahrten und die Sorben berühmt – aber vor allem für die Gurken. Die werden noch bis Ende August auf den Feldern der Agrarbetriebe geerntet. MAZ-Reporter Oliver Fischer ist einen Tag lang unter die Erntehelfer gegangen und hat sich auf einen Gurkenflieger gelegt.

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Zehn Erntehelfer drängeln sich bäuchlings auf einer Tragfläche des Gurkenfliegers, Mit dem Autor (M.) sind es an diesem Tag ausnahmsweise elf.

Quelle: Gerlinde Irmscher

Dürrenhofe. Wenn der erste Eindruck entscheidet, wie man sagt, dann kann hier und heute nichts schief gehen. Es ist Donnerstagvormittag, und die Gurkenfelder der Agrargenossenschaft Dürrenhofe bieten einen Anblick für die Götter. Über hunderte Meter erstrecken sich die Pflanzen in gleichmäßigen Reihen. Die Sonne strahlt und das Feld sieht aus, als hätte jemand einen leuchtenden Teppich ausgerollt. Und auf diesem Teppich stehen in der Ferne vier Gurkenflieger, deren Tragflächen im Licht gleißen. Die Maschinen erinnern mich an Kraniche, die ihre Flügel zum ersten Schlag ausbreiten. Es ist eine Pracht.

MAZ-Reporter Oliver Fischer mit Gurken-Erfolgsgefühl

MAZ-Reporter Oliver Fischer mit Gurken-Erfolgsgefühl.

Quelle: Gerlinde Irmscher

Aus der Nähe wirkt das Ganze etwas weniger fulminant. Die Flügel sind eigentlich Matratzenlager, die links und rechts an einen Traktor angehängt sind und etwa 30 Zentimeter über den Boden schweben. Auf den Matratzen liegen jeweils zehn Leute nebeneinander: Erntehelfer, fast alle Polen. Sie tragen T-Shirts und Jeans oder Jogginghosen. Ihre Köpfe ragen über den Rand des Fliegers, und während sich das Gefährt langsam durch die Reihen bewegt, wühlen sie mit den Händen unentwegt in den Gurkenpflanzen. Das soll in den nächsten Stunden auch mein Job sein.

Gurkenflieger – aus der Ferne wirken sie majestätisch

Gurkenflieger – aus der Ferne wirken sie majestätisch.

Quelle: Gerlinde Irmscher

Man gibt mir Arbeitshandschuhe und weist mir einen Platz am Ende eines Flügels zu. Ich lege mich zwischen zwei Frauen. Sie gehören zu den wenigen Einheimischen auf dem Flieger, heißen Gitti und Gundel, und sollen mich ins Gurkenlesen einführen. Gitti rät mir erst einmal, es mir bequem zu machen und die Unterlage glatt zu ziehen. „Jede Falte drückt“, sagt sie. Ich lege mich bäuchlings hin. Die Matratze reicht mir bis zum Kinn. Ich schaue nach unten, und vor meinen Augen zieht der Boden des Gurkenfeldes vorbei. Etwa ein Meter pro Minute. Ich sehe schwarze Folie. Ich sehe Käfer. Ich sehe grüne Blätter. Und wenn ich die Blätter umdrehe und die Stängel anhebe, sehe ich auch Gurken. Kleine und große.

Die erste Gurke ist kein Problem

„Pflück alles, was größer ist als das hier“, sagt Gundel, und zeigt mir eine Gewürzgurke, die vielleicht so lang ist wie mein kleiner Finger. Dann legt sie die Gurke auf ein Förderband, das vor uns in Endlosschleife läuft. Alles klar, sage ich, das ist leicht. Ich drehe drei Blätter um, finde sofort eine Gurke und knipse sie ab. „Haha, da ist die erste“, sage ich. Und da auch gleich die Zweite. Welch Freude. Der Motor des Traktors rauscht monoton. Ein Radio spielt leise Hip Hop, ich höre den Beat, dazu das Rascheln der Blätter, die ich wende und hin und werfe. Ich mag die Kulisse.

Schon um die Mittagszeit aber bekomme ich eine ungefähre Ahnung, weshalb sich Erntehelfer nicht darum reißen, auf einem Gurkenflieger zu arbeiten. Ich liege seit einer Stunde auf dem Bauch und sehe ich nur Blätter, Blätter, Blätter. Das Grün der Pflanzen verschwimmt langsam mit dem Orange meiner Handschuhe, die sich vor meinen Augen verselbstständigen.

Blätter, Blätter, Blätter

Blätter, Blätter, Blätter.

Quelle: Gerlinde Irmscher

Ich schaue meinen Händen dabei zu, wie sie die Ranken durchforsten, wie sie nach Gurken tasten und eine nach der anderen abreißen. Das es meine eigenen Hände sind, erkenne ich nur daran, dass sie jucken, genau wie der ganze Rest des Körpers. Mir jucken die Arme von den feinen Stacheln und Borsten, die auf der Gurke wachsen. Weshalb das Gesicht juckt, weiß ich nicht. Die Füße jedenfalls schlafen langsam ein, und am Rücken tun sich Insekten gütlich. Oder spielen mir meine Nerven einen Streich? Nee, beruhigt mich Gundel. „Das sind Bremsen. Die Viecher musste totschlagen, was anderes hilft nich.“

25 Hektar Gurkenfelder bewirtschaftet die Agrargenossenschaft Unterspreewald bei Dürrenhofe. Die 80 Erntehelfer auf den Gurkenfliegern benötigen drei Tage für diese Fläche, dann fängt die Tour wieder von vorn an. Gundel und Gitti liegen sechs Tage pro Woche auf dem Flieger. Arbeitsbeginn ist morgens um sechs, die Schicht dauert bis zu 14 Stunden. „Abends fällst du nur noch um. Und das Schlimme ist, dass du morgens genau so aufwachst, wie du abends ins Bett gegangen bist“, sagt Gitti. Sie lacht.

Gitti träumt sogar von Gurken

Gitti heißt eigentlich Margitta Fuhr und arbeitet schon seit 16 Jahren in der Ernte. Im Frühjahr sticht sie Spargel, im Sommer pflückt sie Gurken, später im Jahr hilft sie beiden Kartoffeln und den Möhren aus, und im Herbst legt sie Folien auf die Felder. Die Gurken seien das Schlimmste sagt sie. Die tauchen manchmal sogar in ihren Träumen auf. „Ich habe abends kaum die Augen zugemacht, da wühle ich schon wieder in den Pflanzen.“ Es sind Albträume.

Ich raschel weiter durch die Blätter und erinnere mich plötzlich an Computerspiele, die ich früher gespielt habe. Die funktionierten ganz ähnlich. Landschaften zogen vorbei und man musste Objekte aufheben, abschießen oder ihnen ausweichen. Mal kam nichts, mal kamen ganz viele. Genau wie bei den Gurken. Damals habe ich nach spätestens zwei Stunden den Rechner ausgeschaltet, weil man einen Knall bekommt, wenn man zu lange auf die immer gleiche Spielfläche starrt.

Auf Matratzen liegen zehn Erntehelfer nebeneinander beim Gurkenpflücken

Auf Matratzen liegen zehn Erntehelfer nebeneinander beim Gurkenpflücken.

Quelle: Gerlinde Irmscher

Die Gurken lassen sich leider nicht abschalten. Und man bekommt nicht einmal Punkte, wenn man eine gefundenen hat. Für nicht gefundene gibt es aber Abzug, sagt Gitti und deutet auf eine dicke, die ich übersehen hätte.

Mein Blickfeld ist nicht einmal ein Quadratmeter groß. Ich pflücke oben eine Gurke, unten kommt die Nächste. Sie ziehen vorbei wie ein ewig währender Fluss, zäh aber unaufhaltsam. Wie das Leben, denke ich. Du glaubst, dass du alle Zeit der Welt hast, um die Gurken zu greifen, die vor dir liegen. Aber dann ist da die eine, die du verpasst hast. Du streckst die Arme aus, aber sie sind zu kurz, und die Gurke verschwindet für immer aus deinem Blick ... „Hey, du sollst pflücken, und nicht schlafen“, sagt Gundel.

Wieder eine erwischt

Wieder eine erwischt.

Quelle: Gerlinde Irmscher

Nach drei Stunden werden die Schmerzen langsam unerträglich. Erst waren sie nur in den Nacken und in die Schultern gekrochen. Dann drückte irgendwann der Balken, an dem die Füße Halt finden sollen, auf meine Fußgelenke. Dann begann das Stechen im Brustkorb, so als ob sich ein stählerner Ring immer enger um den Körper zieht. Und jetzt puckert es auch noch in den Schläfen. Kopfschmerzen. „Nach zwölf Stunden mit dem Kopf nach unten kommen dir die Augen aus den Höhlen, da siehst du aus wie ein Chamäleon,“ sagt Gitti.

Das ewige Rascheln der Blätter zerschneidet meine Gedanken

Je mehr ich darauf achte, desto schlimmer wird es. Das Brummen des Traktors legt sich jetzt in Wellen über mein Schädelbrummen. Das zirpende Radio nervt. Und das ewige Rascheln und Zischen der Blätter zerschneidet meine Gedanken. Ich will auch diese verdammten Gurken nicht mehr sehen.

Gitti merkt, dass ich fertig bin. „Guck mal nach hinten, die Reihe ist nicht mehr lang“, sagt sie. Ich kann mich leider nicht umdrehen. Ich glaube, jemand hat meinen Kopf mit dem Genick verschraubt.

Am Ende des Tages der Gurken-Hölle entronnen

Am Ende des Tages der Gurken-Hölle entronnen: MAZ-Reporter Oliver Fischer.

Quelle: Gerlinde Irmscher

Nach vier Stunden steige ich ab, überlasse Gitti und Gundel das Feld und schleiche zu Fuß zurück. In meinem Kopf hämmert es, die Arme kribbeln, jeder Atemzug brennt. Ich habe Mühe, die Augen offen zu halten. Trotzdem blicke ich mich noch einmal um. Es ist fast das gleiche Bild wie am Vormittag. Die Pflanzen leuchten nur nicht mehr ganz so grün, weil dunkle Wolken aufgezogen sind. Die Gurkenflieger stehen so, wo ich sie am Morgen bewundert habe. Aber das Majestätische ist verschwunden. Alles was ich sehe, sind vier Höllenmaschinen.

Von Oliver Fischer

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