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Die neue Gründerzeit

Immer mehr Existenzgründer in Dahme-Spreewald und Teltow-Fläming Die neue Gründerzeit

Modegeschäft, Hundeboxen oder Werbeschilder: immer mehr Menschen in der Region Dahmeland-Fläming machen sich selbstständig. Bei dem Vorhaben können sie Unterstützung von Profis bekommen, wie dem Lotsendienst, der in den Landkreisen Dahme-Spreewald und Teltow-Fläming agiert und den Jungunternehmern zur Seite steht.

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Karin Spengemann hat den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt. Sie betreibt in Königs Wusterhausen das „Modeversteck“.

Quelle: Gerlinde Irmscher

Dahmeland-Fläming. Das Klischee eines Existenzgründers ist der Internet-Start-Up-Unternehmer, und der sieht anders aus als Karin Spengemann. Jung, mit Baseball-Mütze auf dem Kopf, Hornbrille, zugeknöpftem Hemd und umgeschlagener Jeans. Spengemann ist anders: Sie ist 49 Jahre alt, groß gewachsen, keine Brille und keine Mütze, hat blonde Haare. Hipster-Attitüden und Formen von Überheblichkeit sucht man bei ihr vergebens. Die studierte Gartenbauingenieurin arbeitete bis Oktober bei einem großen Blumenlieferanten in Berlin im Management.

„Als ich mit meinem alten Job aufgehört hatte, wollte ich etwas ganz Neues machen“, erzählt Spengemann. Sie will jetzt die ältere Generation ansprechen und hat sich in Königs Wusterhausen vor einem Monat selbstständig gemacht. Als Existenzgründerin. Sie hat das „Modeversteck“ auf der Bahnhofstraße übernommen und führt es, auch dank der Hilfe, die ihr der Landkreis Dahme-Spreewald angeboten hat. Spengemann ging mit ihrem Vorhaben, sich selbstständig zu machen, zum Lotsendienst der Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Kreises. In Workshops und vielen Beratungen kam sie gemeinsam mit ihrer Betreuerin Marion Springer von der Wirtschaftsförderung auf die Idee, die Modeboutique zu übernehmen.

Spengemann ist eine von vielen Gründerinnen im Land. Im ersten halben Jahr hat es in Brandenburg laut einer Studie des Bonitätsdienstleisters Creditsafe 447 Gewerbeanmeldungen gegeben. Damit liegt das Bundesland nur knapp unter dem Schnitt aus dem Vorjahr. Damals wurden im ganzen Land 923 angemeldet.

In der Region Dahmeland-Fläming können Unternehmer in spe sich an vielen Stellen Auskunft und Rat einholen. Ein Schritt der durchaus sinnvoll sein kann, möchte man sein Vorhaben auf Herz und Nieren geprüft haben. Eine Anlaufstelle ist die jeweilige Wirtschaftsförderung des Kreises. In Dahme-Spreewald steht beim Lotstendienst Marion Schirmer den potenziellen Geschäftsleuten zur Seite. „Beim Lotsendienst werden die Ideen angehört. Jeder, der diesen Service nutzt, wird auch nach der Wirtschaftlichkeit und den jeweiligen Kenntnissen gefragt“, erklärt Schirmer. Jedoch kommen nicht alle Existenzgründer zum Lotsendienst, der auch im Landkreis Teltow-Fläming angeboten wird. „Wenn jemand eine Idee hat und meint, er kenne sich aus, der meldet direkt sein Gewerbe an“, sagt Fachfrau Schirmer weiter. Der Lotsendienst finanziert sich mit europäischen Mitteln und stellt den Gründern nach Aufnahme des Betriebs ein Mentoringprogramm zur Verfügung – wenn die Konzepte denn überzeugend sind. Das Konzept von Karin Spengemann war überzeugend. Nach einem Intensiv-Workshop bekam sie eine Betreuerin zur Seite gestellt, die ihr mit Rat und Tat zur Seite steht.

Besonders die Nähe zu Berlin ermutige Jung-Unternehmer in Dahme-Spreewald und sorge für den Boom, sagt Schirmer. Das gilt ebenso für Teltow-Fläming und Potsdam-Mittelmark, dort gibt es ähnlich viele Gründer. „Viele Unternehmen erhalten Aufträge aus dem Berliner Raum. Und vor allen Dingen finden Interessierte hier wahnsinnige Unterstützung.“

Unterstützung hat auch Mode-Gründerin Spengemann erfahren. Finanziell ist sie durch den Gründerzuschuss von der Arbeitsagentur etwas abgesichert, sagt sie. „Da kann ich schon einige Investitionen tätigen“, so Spengemann. Leben kann sie von den Einnahmen aus der Boutique noch nicht. Dafür müsse sie noch etwas abbezahlen, schiebt sie hinterher.

Die Industrie- und Handelskammer Cottbus unterscheidet bei Existenzgründern zwei Typen. Zum einen gibt es die Chancengetriebenen, also diejenigen, die aus einer stabilen wirtschaftlichen Lage heraus den Schritt in die Selbstständigkeit wagen. Und es gibt die Arbeitslosengründer. Dies sind jene, die aus der Beschäftigungslosigkeit heraus ihr Unternehmen gegründet haben. „Mittlerweile gibt es einen Rückgang bei den Gründern aus der Arbeitslosigkeit heraus“, sagt Thorsten Golm, Leiter der IHK-Geschäftsstelle in Schönefeld. Dies hätte zum einen mit dem faktischen Wegfall des Existenzgründerzuschusses von der Arbeitsagentur zu tun, so Golm. Karin Spengemann hatte noch Glück. Zum anderen habe er auch die Erfahrung gemacht, dass die wirtschaftlicheren Konzepte für eine Unternehmensgründung von Leuten kommen, die schon das Know-How besitzen und über das nötige Kapital verfügen, so Golm. „Die Qualität der Existenzgründer hat sich in den Jahren erheblich gesteigert“, resümiert er.

Ähnlich gut wie in Dahme-Spreewald sieht es auch im Landkreis Teltow-Fläming aus. Jahn Schubert hat den Sprung in die Selbstständigkeit vor fünf Jahren gewagt und ist ein Chancengetriebener. „Ich habe vorher in der Metallindustrie gearbeitet“, sagt der 42 Jahre alte Schubert. In seiner Freizeit beschäftigte er sich mit Leuchtreklame, mit Werbeschildern und Drucktechnik. Irgendwann ging ihm ein Licht auf, er machte sich selbstständig und betreibt heute in Ludwigsfelde das Werbewerk. „Besonders das erste und zweite Jahr waren schon hart“, erinnert er sich. Schließlich komme die Kundschaft ja nicht von alleine.

Vom Fach sind Bodo und Denny Faustmann aus Dahmetal. Nachdem sie im vergangenen Jahr entlassen worden waren, machten sich Vater und Sohn selbstständig – auch mit Hilfe des Lotsendienstes. Sie stellen Hundetransportboxen her, wie in ihrer ehemaligen Arbeit, nun in Eigenregie. „Das war das Beste, was wir hätten tun können“, erklärt Juniorchef Denny. Der Rat beim Lotsendienst habe besonders bei der Umsetzung des Planes geholfen. „Wir hatten immer einen Ansprechpartner und wurden dort gut auf das, was uns bevorsteht, eingestellt“, so Faustmann. Mittlerweile liefern sie Boxen für die Vierbeiner in die ganze Welt und können von den Einnahmen leben. Fachliche Beratung bekamen sie bei der Gründung von Steffi Weit, der Lotsin aus Teltow-Fläming. Sie ist seit 16 Jahren dabei. „In der Regel kommen pro Jahr zu einem Drittel potenzielle Gründer aus dem Handwerk, zu einem Drittel Dienstleister und zu einem Drittel Freiberufler“, erklärt sie. Als Lotsin ist sie vom Fach, hat ein Gespür dafür, welche Idee eventuell zünden könnte – muss sich aber mit ihrer endgültigen Beurteilung zurückhalten. „Die potenziellen Gründer sollen von selbst darauf kommen, dass ihre Idee auch nicht funktionieren könnte“, so Weit. Auch sie sieht die Nähe zum Berliner Raum als Vorteil – aber nicht als einzigen. „Wenn man durch das Lotsenprogramm die Förderung erhalten möchte, muss das Gewerbe in Brandenburg gegründet worden sein“, betont sie. Das Lotsenprojekt, ein Erfolg versprechendes Modell sei für die Existenzgründer. Ob diese nun dem Klischee entsprechen oder nicht.

Hintergrund

225 potenzielle Gründer hat der Lotsendienst Dahme-Spreewald in der Förderperiode 2010 bis 2014 beraten.

185 Unternehmen wurden nach den Beratungen gegründet.

51 Prozent der Gründer sind Frauen.

Die Gründungsquote in den vergangenen fünf Jahren lag bei 82,2 Prozent.

Der Lotsendienst Teltow-Fläming hat im vergangenen Jahr 143 Erstberatungen durchgeführt.

Davon wurden 51 in das Lotsenprojekt aufgenommen.

Insgesamt 44 Unternehmen haben sich daraus im Landkreis ergeben und wurden im vergangenen Jahr neu gegründet.

 

Von Marcel Jarjour

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