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Drei Orgel aus zwei Kirchen werden saniert

Jüterbog Drei Orgel aus zwei Kirchen werden saniert

„Ofenrohr“ nennt Kantor Peter-Michael Seifried abfällig die verstümmelten Orgelpfeifen der alten Rühlmann-Orgel zu St. Nikolai. Diese verschwinden nun ebenso, wie manch andere Unzulänglichkeit. Derzeit gleicht die Stadt einer Hochburg des Orgelbaus.

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Das Gehäuse der ehrwürdigen Wagner-Orgel in der Liebfrauenkirche wurde in Richtung Altar verrückt und dort mit der Empore verschraubt. Foto: Uwe Klemens

Jüterbog. „Wenn alles fertig ist, hat Jüterbog sieben wunderbar klingende, historische Orgeln“, sagt Kreiskantor Peter-Michael Seifried. Er freut sich schon auf die Konzerte, mit denen die drei, derzeit mitten in ihrer Restaurierung steckenden „Königinnen der Instrumente“ wiedereingeweiht werden sollen. Dass noch eine Menge Arbeit notwendig ist, kann jeder sehen, der den beiden Orgelbauer-Teams in der Nikolai- sowie in der Liebfrauenkirche über die Schulter schaut.

Möglich gemacht hat die Sanierung ein eigens im vergangenen Herbst aufgelegtes Bundesprogramm zur Rettung historischer Orgeln. Als deutschlandweit einziger Orgelstandort wurde Jüterbog mit der Förderung für gleich zwei Orgeln bedacht. „Auch das ist eine Besonderheit“, freut sich Seifried über die Rückendeckung seitens der Politik. Sowohl der heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und sein SPD-Genosse und Landtagsabgeordneter Erik Stohn als auch Kultur-Staatsministerin Monika Grütters und Landtagsabgeordneter Sven Petke (beide CDU), hatten sich für die Jüterboger Orgeln stark gemacht.

Bund trägt die Hälfte der Kosten

Mit 110 000 Euro für das Rühlmann’sche Instrument in der Nikolaikirche sowie 100 000 Euro für die Wagner-Orgel der Liebfrauenkirche trägt der Bund jeweils die Hälfte der Kosten. Die andere Hälfte trägt die Kirchgemeinde dank Unterstützung durch die Landeskirche, den Kirchenkreis und zahlreicher Spender. Hinzu kommen 80 000 Euro für das dritte Instrument im Bunde, das im Altarraum der Nikolaikirche stehende Werner-Orgelpositiv, dessen Sanierung die Kirchgemeinde finanziell allein stemmt. „Bis auf 25 000 Euro für die Rühlmann-Orgel haben wir alles Geld beisammen“, sagt Seifried, „aber auch das werden wir schaffen und beten täglich dafür.“

Bereits im Oktober wurde in den beiden großen Orgeln mit dem Ausräumen der Pfeifen begonnen, während das Werner-Positiv komplett in die Schuke-Werkstatt nach Berlin-Schönow transportiert wurde. „Dort“, so Seifried, „wird es in die ursprüngliche, sogenannte mitteltönige Stimmung zurückversetzt, die ihr Werner 1657 verlieh.“ Damit sei die Orgel nicht nur die älteste, funktionierende Orgel Brandenburgs, sondern auch „die einzige in dieser Stimmung spielbare“, schwärmt Seifried. 1929 und 50 Jahre danach ein zweites Mal wurde der Klang des Instrumentes dem Zeitgeschmack angepasst, was nun rückgängig gemacht wird.

„Kastrierter Ofenrohrklang“ soll verschwinden

Auch für den bisherigen Klang der großen Rühlmann-Orgel hat Seifried nicht viel lobende Worte übrig und findet den Begriff „kastriert“ am ehesten zutreffend. „Als Rühlmann sie 1908 baute, war sie eines der frischesten und frechesten Instrumente. Dann kam das Jahr 1961 mit zwei tragischen Ereignissen. Das eine, der Bau der Mauer, wurde 1989 wieder geheilt. Das andere, die Verstümmelung der Orgel durch den Rathenower Orgelbauer Fuit, heilen wir jetzt“, sagt Seifried.

Das Innenleben der Orgel fasziniert Laien wie Kenner gleichermaßen. Insgesamt zweieinhalb Kilometer lange und acht Millimeter starke Bleileitungen sorgen dafür, dass die Luft in hunderte große und kleine Pfeifen strömt. „Alles atmet den Zeitgeist Jules Vernes“, zeigt sich Peter-Michael Seifried begeistert. Passen muss er bei der verständlichen Übersetzung des Luftdrucks, den Orgelbauer noch heute traditionell in „Millimeter Wassersäule“ beziffern. Dass 130 mmH 2O heute rund 0,0127 Bar bedeuten, zeigt später der Blick in die Tabelle.

Wie ein Zwerg wirkt der Kantor neben den „Ofenrohren“, wie er wenig respektvoll die ausgebauten, aus Zink gefertigten Pfeifen nennt, die nun durch neue Zinnpfeifen ersetzt werden. Froh ist Seifried, dass der Bad Dübener Rühlmann-Experte Christian Schmidt die Sanierungsmaßnahme klanglich betreut. Den „Rest“ der Arbeiten in der Nikolaikirche stemmen die aus Frankfurt (Oder) angereisten Orgelbauer der Firma Sauer.

Fertigung in Handarbeit

Ein paar Schritte weiter, in der Liebfrauenkirche am Dammtor, arbeiten zur selben Zeit ihre Schuke-Kollegen aus Zehlendorf an der 1737 errichten Wagner-Orgel. Auch dort sind nicht nur musikalisches Gehör und Sachverstand, sondern auch handwerkliches Können und Muskelkraft gefragt. Die Emporen beider Kirchen gleichen derzeit einem Paradies für Bastelfreaks. Denn im Orgelbau wird auch heute noch fast alles in traditioneller Handarbeit gefertigt. Unglaublich, was man dafür alles braucht.

„Bis zum 4. Juni muss alles fertig sein, denn dann erklingt die ,Wagnerin’ zum ersten Mal in alter Pracht“, kündigt Seifried an. Genau eine Woche später folgt die Rühlmann-Orgel. Anfang September ist das Werner-Positiv zum ersten Mal wieder im Einsatz.

Von Uwe Klemens

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