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Was das Trinken mit uns macht

Ein Alkoholiker berichtet Was das Trinken mit uns macht

In Deutschland gibt es mehr als 1,7 Millionen Alkoholiker. Viele von ihnen gehen einer geregelten Arbeit nach, haben Familie und führen eigentlich ein geregeltes Leben. Doch das Trinken fordert irgendwann seinen Tribut – der Körper streikt, die Familie zerbricht. Ein Alkoholiker hat der MAZ seine Geschichte erzählt und ob er von der Flasche losgekommen ist.

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In der Region Dahmeland-Fläming ist Alkoholismus die verbreitetste Suchtkrankheit – aber nicht die einzige.

Quelle: dpa

Dahmeland-Fläming. Seit wie vielen Jahren Thomas Schmidt* (*Name von der Redaktion geändert) mindestens zwölf Flaschen Bier am Tag trinkt, weiß er selbst nicht mehr. Viel zu lange jedenfalls. Der 45-Jährige Ludwigsfelder war schon im Jahr 2000 in einer Entgiftungsklinik. Kurz darauf ist der gelernte Schlosser erneut arbeitslos geworden und lebt seitdem von Hartz IV. Heute hat er zwei kleine Kinder und eine Partnerin – trotzdem gelingt es ihm nicht, die Finger vom Alkohol zu lassen. Thomas Schmidt lebt zurückgezogen, geht kaum aus der Wohnung, sein Selbstwertgefühl ist in den Keller gesunken.

Einer von 1,77 Millionen

Thomas Schmidt ist einer von rund 1,77 Millionen Alkoholabhängigen in Deutschland. In der Region haben sich im vergangenen Jahr mehr als 700 Süchtige Hilfe gesucht – weitaus mehr Menschen sind abhängig. Der missbräuchliche Konsum von Alkohol, Drogen, Zigaretten oder Medikamenten hat – neben dem körperlichen Verfall – weitreichende soziale Konsequenzen: Der Verlust der Arbeitsstelle, des Partners oder eine hohe Verschuldung und Kriminalität sind nur Beispiele.

Dasselbe kann bei Verhaltenssüchten wie Kauf-, Sex- oder Spiel- oder Internetsucht passieren. Denn nicht nur Substanzen können süchtig machen, sondern auch Verhaltensweisen. Allen gemein ist, dass sie das Belohnungszentrum im Gehirn aktiviert. Süchtige benötigen ihren „Stoff“, um sich besser zu fühlen. Im Laufe der Zeit sinkt die Toleranz dafür und sie brauchen mehr – obwohl ihnen negative Konsequenzen bewusst sind.

Neue MAZ-Serie

Die MAZ wird sich in den kommenden Wochen mit dem Thema Sucht, ihren Konsequenzen und Bewältigungsstrategien beschäftigen. Dabei sollen sowohl Substanz-, als auch Verhaltenssüchte näher betrachtet werden.

Um gegen Abhängigkeiten anzugehen und zurück zu einem Leben ohne Sucht zu gelangen, gibt es in der Region eine Vielzahl gut vernetzter Suchthilfe-Angebote für Betroffene und ihre Angehörigen. Die Beratungen stehen allen Abhängigen offen, egal wonach sie süchtig sind. In Dahme-Spreewald ist der freie Träger Tannenhof Berlin-Brandenburg im Auftrag des Landkreises für die Suchtberatung zuständig. Der Landkreis Teltow-Fläming unterhält zu diesem Zweck einen Sozialpsychiatrischen Dienst, in Blankenfelde-Mahlow wird er vom freien Träger Ichthys ergänzt. Die Suchthilfen sind eng mit Jugendämtern, Jobcentern, Schuldnerberatungen, Schulen, Kindergärten, Ärzten und Entzugskliniken vernetzt.

Es gibt nicht nur die eine Droge

Michael Leydecker leitet die Suchtberatung Tannenhof in Königs Wusterhausen und weiß, welche Substanzen in der Region im Umlauf sind. „Es gibt alles“, sagt er. Dennoch hat er im Laufe der Zeit verschiedene Suchtwellen beobachtet. „Nach der Wende hat man eine große Drogenwelle vermutet – die ist jedoch ausgeblieben“, sagt Leydecker. Direkt nach der Wende sei das Kiffen bei der Jugend sehr „in“ gewesen.

Erst Mitte der 90er Jahre habe es eine große Ecstasy-Welle gegeben, die im Zusammenhang mit den großen Rave-Veranstaltungen stand. Danach, um die Jahrtausendwende, hat Leydecker eine Gegenbewegung mit Naturdrogen wie Pilzen beobachtet. „Das war die Zeit der Innerlichkeit und Bewusstseinserweiterung“, erzählt er. Heute seien wieder Amphetamine und auch immer mehr Methamphetamine wie Crystal Meth als Partydroge beliebt.

Was immer akut war und auch heute noch mit mehr als 75 Prozent der beim Tannenhof registrierten Abhängigen den Großteil der Suchtstoffe ausmacht ist Alkohol. Dem folgt Cannabissucht mit 8,4 Prozent der Süchtigen, das pathologische Glücksspiel liegt bei 3,5 Prozent.

Alkoholgenuss eine Doppelmoral

„Beim Thema Alkohol gibt es in der Bevölkerung eine verbreitete Doppelmoral“, sagt Leydecker. „Viel trinken ist toll, aber man darf nicht auffallen.“ Wer das tut, gelte schnell als „der letzte Penner“ und werde von den einstigen Saufkumpanen verurteilt. Das Phänomen beobachtet er in ländlichen Regionen umso häufiger. Bis Betroffene sich ihre Sucht eingestehen und Hilfe suchen, dauere es oft bis zu fünf Jahre. Häufig sind Kommentare der Kinder, des Partners oder der Jobverlust ein Auslöser.

Im Fall des arbeitslosen Alkoholikers Thomas Schmidt aus Ludwigsfelde wurde das Jobcenter aktiv. Es hat ihm und seiner Partnerin einen Termin bei Cathrin Philipp vermittelt. Die Sozialarbeiterin ist beim Sozialpsychiatrischen Dienst in Teltow-Fläming  für die Suchtberatung zuständig. Als sie Schmidt gesehen hat, war ihr sofort klar, dass es ihm sehr schlecht ging. „Ich habe ihm nahe gelegt, direkt ins Krankenhaus zu gehen.“ Schmidt hat eingewilligt und konnte  am nächsten Tag in der Asklepios-Klinik in Teupitz aufgenommen werden.

Mit der Teupitzer Entzugsklinik kooperieren die Suchtberatungen der Region. Wenn sie dort anrufen, wissen die Klinikmitarbeiter sofort, dass es dringend ist. In der Klinik werden jeweils 22 Suchtkranke auf zwei Stationen behandelt. Laut Stefan Kropp, Chefarzt der Klinik, kommen die Patienten zum großen Teil aus der Region, aber auch aus ganz Deutschland. Sie bleiben bis zu 21 Tage in der Klinik.

„In einer ersten Phase entgiften sie körperlich, in einer zweiten geht es um eine Perspektive für das weitere Leben“, sagt Kropp. Der rein körperliche Entzug dauere bei Alkoholikern und Drogenabhängigen bis zu sechs Tagen, bei Medikamentensucht bis zu drei Wochen. Die Zeit danach ist jedoch besonders herausfordernd, viele verfallen ihrer Sucht erneut.

So auch Thomas Schmidt. „Er hat nach der Klinik wieder angefangen zu trinken“, erzählt seine Suchtberaterin Cathrin Philipp. Sie weiß, dass sie das nicht persönlich nehmen darf. „Als Suchtberater darf man die Hoffnung und die Geduld nie verlieren“, sagt sie. Das gelte für alle Arten von Abhängigkeiten.

Von Anja Meyer

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