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Ein Buch mit historischen Fassadenschriften

Mahlow Ein Buch mit historischen Fassadenschriften

Ende der 80er Jahre begaben sich Andreas Patzak aus Mahlow und Olaf Thiede aus Potsdam auf eine besondere Reise. Sie fotografierten alte Schriften an Hausfassaden – aus der Zeit um 1900 bis in die DDR. Die schönsten Bilder sind nun in einem Buch dokumentiert.

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Gemeinsam mit seinem Jugendfreund Olaf Thiede hat Andreas Patzak historische Fassadenschriften in Ostdeutschland fotografiert.

Quelle: Foto: Christian Zielke

Mahlow. Unter dem Gilb der DDR lag ein Schatz aus Buchstaben. Buchstaben aus längst vergangenen Epochen, als man seine Kleidung noch beim Schneidermeister anfertigen ließ und seinen täglichen Bedarf im Milch- und im Kolonialwarenladen deckte. Oft warben diese Geschäfte in der Zeit um 1900 mit kunstvollen, heute manchmal bizarr anmutenden, Schriftzügen und Bildern an den Wänden.

Andreas Patzak, Medizinprofessor aus Mahlow und Olaf Thiede, Künstler aus Potsdam, haben diese alten Schriften in einem Buch dokumentiert und im Eigenverlag herausgegeben. „Die Farben der Zeit“ versammelt auf mehr als 300 Seiten über 500 Fotos, die einen in die Zeit zwischen der vorletzten Jahrhundertwende und dem realexistierenden Sozialismus versetzen. Dessen Mangelwirtschaft hat letztlich dafür gesorgt, dass die Schätze erhalten blieben. An manchen Stellen hat die Propaganda die DDR als historisches Graffiti überlebt.

Als man im Hotel und im Gasthaus noch anders „ausspannte“

„Das Buch steckt voller Geschichte, weil sich ein Bild der alten Zeit zusammensetzt“, sagt Andreas Patzak. Wer kann sich heute noch vorstellen, dass Hotels und Gasthäuser mit „Ausspannung“ warben und damit die Pferde der Reisenden gemeint waren. Und wer weiß noch, dass man Seile früher nicht im Baumarkt sondern in der Seilerei kaufte.

Ende der 1980er Jahre begannen Andreas Patzak aus Mahlow und sein Jugendfreund Olaf Thiede die Zeichen an den Wänden zu dokumentieren. Sie verbrachten viele Wochenenden im Auto. Im Gepäck hatten sie ihre Kamera. Nüchtern hielten sie die Schriften fest – schnörkellos ohne schmückendes Beiwerk und den Versuch, die Patina zu kaschieren. Gerade das macht ihr Buch so besonders. Die Schriften werden zum Kunstwerk, das sie eigentlich auch sind. Einflüsse von Jugendstil, Sütterlin und Art Déco finden sich in den Buchstaben wieder, dazu viele Eindrücke über die Zeit, in der die Menschen lebten.

Luckenwalde war eine Fundgrube

Andreas Patzak und Olaf Thiede sind keineswegs auf gut Glück gefahren. „Wir haben systematisch den Osten bereist“, sagt Andreas Patzak. Fündig geworden sind sie vor allem in Kleinstädten, in denen es vor mehr als 100 Jahren oft eine unglaubliche Vielfalt an Gewerbe und Industrie gab. Luckenwalde sei eine wahre Fundgrube gewesen, Tangermünde ebenfalls und auch in Potsdam fanden sich überall Reste alter Schriften und Bilder. „Bald wussten wir ganz genau, wo wir hingehen mussten“, sagt der 61-Jährige. Nach dem Mauerfall war der Osten wie ein riesiges Industriemuseum und voll mit historischen Relikten.

Dass sie einem Schatz auf der Spur sind, sei ihnen früh bewusst gewesen, sagt Andreas Patzak. Im Westen wurden die meisten alten Schriften nach dem Krieg „wegsaniert“. Leuchtreklame verdrängte bald das alte Handwerk des Schriftmalers. „Uns war klar, dass dies im Osten auch passieren wird“, sagt Andreas Patzak. Ihr Buch ist deshalb auch ein Stück Zeitgeschichte. 90 Prozent der Motive, so schätzt er, sind mittlerweile verschwunden. Der Wohlstand der einen Zeit hat die Zeichen des Wohlstands der anderen Zeit verdrängt, die durch den Mangel einer dazwischen liegenden Zeit erhalten geblieben war. Ironie der Geschichte? „In den 90ern hatten die Leute andere Probleme. Sie mussten mit dem Leben fertig werden und sie hatten keine Lust mehr auf die alten grauen Fassaden“, sagt Andreas Patzak.

Mehr als nur Werbung

Den Herausgebern sei es darum gegangen, das Alte zu dokumentieren. Erst später wuchs die Idee, daraus ein Buch zu machen. „Je weniger Schriften wir fanden, umso stärker war der Wunsch, unsere Bilder einem breiteren Publikum zugänglich zu machen“, sagt Andreas Patzak. Dahinter steckt auch die Sehnsucht nach Schönheit und Dauerhaftigkeit, denn in der schnelllebigen Zeit sind die alten Schriften echte Überlebenskünstler. Die aus Stuck haben sich ihre Erhabenheit bewahrt, die aus schlesischer Kohle sind so robust, dass sie selbst nach mehrmaligem Überstreichen immer wieder zum Vorschein kommen.

„Es war eben mehr als nur Werbung“, sagt Andreas Patzak. Vielen Schriften merkt man die Liebe zum Handwerk an. Diese Liebe lebt heute an einigen Stellen wieder auf. Und so kommt es vor, dass einige der Schriften restauriert werden oder sich an neuen Läden die alten Vorbilder finden. Es sind klare Muster in einer oft allzu grellen Welt.

Von Christian Zielke

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