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„Ein Denkmal kann auch weh tun“

Denkmalschutz in der Region „Ein Denkmal kann auch weh tun“

Gut sanierte Denkmäler sind mehr als nur Hingucker, sie können eine ganze Region aufwerten. Andererseits sind die Denkmalschutzbehörden bei den Bauherren oft wegen ihrer Auflagen gefürchtet. Landeskonservator Thomas Drachenberg spricht über den schmalen Grat, aber auch über den langen Atem, den man in seinem Beruf haben muss.

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Thomas Drachenberg.

Quelle: Jens Steglich

Königs Wusterhausen. Thomas Drachenberg ist Landeskonservator und damit oberster Denkmalschützer Brandenburgs. Zum Auftakt einer neuen MAZ-Serie über Erfolgsgeschichten der Denkmalsanierung spricht er über Errungenschaften und die heutige Rolle seiner Behörde.

Zur Person

Thomas Drachenberg , geboren 1962, hat an der Humboldt-Universität Kunstgeschichte studiert. Seit 1989 arbeitet er in der Denkmalpflege.

Im Jahr 2012 trat er die Nachfolge von Detlef Karg als Landeskonservator an. Gleichzeitig ist er stellvertretender Direktor des Brandenburgischen Landesamts für Denkmalpflege und des Archäologischen Landesmuseums.

Mit der Dahmeland-Fläming-Region ist Thomas Drachenberg besonders verbunden. In seiner 14-jährigen Tätigkeit als Gebietsreferent im Institut für Denkmalpflege und später im Landesamt für Denkmalpflege war er vor allem für den Landkreis Teltow-Fläming zuständig.

Das Thema seiner Doktorarbeit war die Baugeschichte der Stadt Luckenwalde von 1918 bis 1933.

Thomas Drachenberg hat auch Lehraufträge für Denkmalpflege an der FU und der TU Berlin.

Herr Drachenberg. Wie würde Brandenburg heute ohne privates Engagement von Investoren in den Denkmalschutz aussehen?

Thomas Drachenberg: Wüst, ohne Zweifel.

Wissen Sie, wie viel privates Geld seit der Wende in die Denkmalsanierung geflossen ist?

Drachenberg: Da habe ich keine Zahlen, aber Sie können sicher sein, dass es sehr viel ist. Die Substanzerhaltung ist eine Erfolgsgeschichte, die ohne die Eigentümer, aber auch ohne Förderung nicht möglich gewesen wäre.

Erzählen Sie uns ein paar Erfolgsgeschichten aus der Region.

Drachenberg: Eine ganz große ist die der Städtebauförderung. Schauen Sie sich an, wie Jüterbog oder Luckau 1989 aussahen, und wie die Städte jetzt aussehen. Das haben wir unter anderem dem System der Städtebauförderung zu verdanken – das erfolgreichste Denkmalförderprogramm seit 1990 im Land Brandenburg: kontinuierlich, flexibel und unter strenger fachlicher Kontrolle. Der Bund, das Land und die Kommune aktivieren privates Kapital bei der Erhaltung der Bausubstanz. Auch in Luckenwalde gibt es große Erfolgsgeschichten: der Vierseithof, das Stadttheater mit der Schule, die Bibliothek am Bahnhof, das Amtsgericht, das Heinrichstift, die Papptellerfabrik. Denken sie an den Kaiserbahnhof in Halbe mit der restaurierten Decken- und Wandmalerei.

Viele Baudenkmale stehen aber in Dörfern, da greift die Städtebauförderung nicht.

Drachenberg: Deshalb war die Sanierung dort tatsächlich oft schwieriger. Aber wir haben trotzdem mit der Förderung in die ländliche Entwicklung so manches Schloss und Herrenhaus gerettet. Denn ein Denkmal steht nun mal dort, wo es historisch entstanden ist. Es richtet sich nicht nach Förderkulissen. Um ein Baudenkmal auf dem Land zu sichern und zu sanieren, braucht es wie überall Fachleute, einen langen Atem, Zeit und Geld. Man muss die Fördermöglichkeiten intensiv suchen. Bei manchen sind wir trotzdem noch nicht weit genug gekommen.

Woran denken Sie

Drachenberg: Die Waltersdorfer Kirche, die ehemalige „Irrenanstalt“ in Teupitz oder das historische Sendehaus in Königs Wusterhausen. Diese Denkmale müssen unbedingt aus dem Verfallskreislauf herausgenommen werden. Wenn ein Nutzungskonzept mit Restaurierung und Sanierung nicht realistisch ist, müssen Sicherungsmaßnahmen greifen.

Verlässt Sie nicht bei diesen riesigen Objekten manchmal der Mut?

Drachenberg: Nein. Bei der Hutfabrik in Luckenwalde hätte keiner gedacht, dass die gesichert und restauriert wird. Wie das alte Schloss in Baruth heute aussieht, hätte ich mir in den Neunzigerjahren auch nicht träumen lassen. Irgendwo gibt es immer Ansatzpunkte. Man braucht tatsächlich einen langen Atem. Wichtig ist, dass die „dicken Brocken“ gesichert werden, der Rest kommt später. Wissen Sie, was mein schönstes Beispiel dafür ist?

Sagen Sie es uns.

Drachenberg: Die Schlossruine in Dahme. Nachdem wir in den 1990er Jahren zusammen mit der Denkmalschutzbehörde den Abriss verhindert haben, entstand die Frage: Was nun? Der Wiederaufbau wäre aus finanziellen Gründen nicht möglich gewesen, es gab auch keine Nutzung dafür. Aber der großartige Bau allein mit den gekoppelten, über Eck gestellten Kolossalsäulen und dem gesprengten Giebel im Eingangportal – das ist barocke sächsische Baukultur von erstrangiger Qualität. Dank vorbildlichen Einsatzes im Amt Dahme und vor Ort ist die Schlossruine 1999 bis 2005 und darüber hinaus Jahr für Jahr gesichert worden. Und irgendwann wurde denkmalpflegerisch korrekt eine nie dagewesene Holzdecke eingezogen. Dadurch entstand ein völlig neuer Raum, in dem heute Theater gespielt wird. Man kann auch seinen Geburtstag dort feiern. Das ist ein Modell, wie ich auf dem Land Baukultur retten kann und Identitäten erhalten kann. Den Kolleginnen der polnischen Denkmalpflege durfte ich das schon vor Ort erläutern.

Ist Denkmalschutz in Berlinnähe grundsätzlich einfacher?

Drachenberg: Nicht unbedingt – eine Investition kann zur Erhaltung der Baukultur beitragen, aber auch bei ungenügend gesteuerten Prozessen zur Abrissgefahr werden. Teltow-Fläming und Dahme-Spreewald sind geprägt von großen Militäranlagen. Die Heeresversuchsstelle in Kummersdorf, das ist ein Denkmal von europäischer Bedeutung, aber bislang völlig ungeschützt. Die Situation der Bückerwerke in Rangsdorf ist nach wie vor schlecht! Andererseits sind im ländlichen Raum Dinge geglückt, die keiner für möglich gehalten hätte. Die ehemalige Justizvollzugsanstalt in Luckau etwa. Dort ist es dem Weitblick des damaligen Bürgermeisters zu verdanken, dass wir unter anderem mit dem Archiv, der Kulturkirche und der Wohnnutzung heute ein wunderbar genutztes und saniertes Objekt haben – eine sehr intelligente Konversion! Oder sehen sie sich die Dorfkirche in Niebendorf an – das hervorragende Ergebnis ist einem örtlichen Verein zusammen mit der Kirchengemeinde zu verdanken. Aber ja, die Lage ist natürlich wichtig: Um eine Villa in Potsdam bewerben sich vier Leute, wenn sie 150 Kilometer von Berlin entfernt steht, bewirbt sich einer oder gar keiner. Wir beobachten aber auch, dass es im ländlichen Raum neue Entwicklungen gibt. Ich habe Hoffnung, was den ländlichen Raum angeht.

Gerade die Denkmalauflagen schrecken aber oft Investoren ab, weil sie die Kosten in die Höhe treiben und die Bauzeit verlängern.

Drachenberg: Das würde ich so nicht sagen. Alle Auflagen sind der Zumutbarkeit unterworfen. Der Tipp ist der, frühzeitig bei der Denkmalschutzbehörde des Landkreises sein Projekt abzustimmen, dann können wir auch rechtzeitig unterstützen und auch helfen, Kosten zu sparen. Und wenn Dinge unzumutbar teuer aber fachlich notwendig sind, muss Fördergeld beschafft werden oder durch eine Sicherung statt Restaurierung wieder die Methode des langen Atems angewandt werden: Wenn Sie heute eine Wandmalerei nicht restaurieren können, muss ich sie so abdecken, das heißt sichern, dass sie erhalten bleibt und trotzdem eine Nutzung möglich ist.

Können Sie aber verstehen, wenn Leute über bestimmte Auflagen nur den Kopf schütteln?

Drachenberg: Woran denken Sie?

Etwa die Grenztruppenkaserne in Waßmannsdorf, in der Flüchtlinge untergebracht sind. Die konnte lange nicht saniert werden, weil dort selbst Garagen und eine Kfz-Rampe unter Schutz stehen.

Drachenberg: In gewisser Weise kann ich den Unmut dort verstehen – aber das ist ein seltener und auch noch dazu objektiver Widerspruch. Denkmale sind aus architektonischer, geschichtlicher, städtebaulicher oder aus technischer Sicht bedeutend für unsere Gesellschaft. Sie sind deshalb nicht nur schön, Denkmale können auch weh tun – so wie unsere Geschichte nicht nur gute Seiten hat. Diese Kaserne veranschaulicht, wie die Grenzsicherung in der DDR organisiert war. Man muss nun schauen, wie man so etwas erhalten kann. Ich kann die Entscheidung des Landkreises, in dieser örtlichen Situation Flüchtlinge unterzubringen nicht ändern. Wir haben dort viele Kompromisse gemacht. Flüchtlingen ein annehmbares Leben zu ermöglichen und gleichzeitig eine Grenzkaserne zu zeigen – das ist ein sehr widersprüchliches Unterfangen.

Fühlen Sie sich in solchen Diskussionen missverstanden?

Drachenberg: Wenn wir Gelegenheit bekommen, uns außerhalb der Vorurteile auf Augenhöhe auszutauschen, dann werden wir aller Erfahrung nach auch verstanden und akzeptiert. Wir laufen nicht in Bastschuhen herum und erzählen, dass es nur bei den Altvorderen schön war. Wir versuchen zu verstehen, wie sie gebaut haben und wie die Zusammenhänge waren und sind. Wir versuchen, etwas, das uns wertvoll ist, zu reparieren und zu pflegen und damit in das Jetzt und Heute zu integrieren. Denkmalpfleger sind mitten drin im aktuellen Leben und wir helfen wichtige Basisbausteine unserer heutigen Gesellschaft zu erhalten: die Baukultur! Wir müssen dabei vom Denken in Kampagnen weg kommen: Wenn etwas einzustürzen droht, dann sind hohe Summen für die Restaurierung und Sanierung notwendig – da war auch viel aus der DDR-Zeit aufzuarbeiten. Die kontinuierliche Reparatur mit vergleichsweise geringen Kosten, um in 50 Jahren die nächste Kampagne zu verhindern, ist allgemein nicht üblich in Deutschland. Wir brauchen daher eine Reparaturgesellschaft.

Haben Sie ein Beispiel?

Drachenberg: Der Hutfabrik von Erich Mendelsohn in Luckenwalde hat eine spannende Rettungsgeschichte. Aber inzwischen gibt es am Gebäude schon wieder Stellen, die dringend repariert werden müssen. Die Dachpappe löst sich ab. Das kann nicht sein.

Als Sie 1989 bei der Denkmalpflege in Brandenburg begannen, gab es haufenweise Ruinen. Waren das katastrophale oder paradiesische Zustände für einen Denkmalschützer?

Drachenberg: Die DDR ist unter anderem deswegen zusammen gebrochen, weil es praktisch unmöglich war, die gebaute Identität nachhaltig und flächendeckend zu erhalten. Trotzdem gab es in der DDR Erfolge der Denkmalpflege. Ich kann mich gut erinnern, dass wir in den ersten Monaten nach 1990 dem Geld „hinterhergelaufen“ sind, es war immer früher da als wir. Ich erinnere mich zum Beispiel an das Stadttheater mit der ehemaligen Doppelvolksschule in Luckenwalde. Als wir da ankamen, waren die Pläne schon fertig. Für 200 000 D-Mark Fördermittel sollten da Plastikfenster eingesetzt werden. Zusammen mit dem Stadtbauamt haben wir das gerade noch verhindert. In den Jahrzehnten nach 1989 ist dann ein leistungsfähiges und erfolgreiches System von Denkmalschutz und Denkmalpflege aufgebaut worden, das nun durch den Personalabbau auf der Landesebene in Gefahr gerät. Wir haben seit 2000 im Landesamt 40 Prozent unserer Fachleute in der Archäologie und Bau- und Kunstdenkmalpflege einsparen müssen. Es ist dringend wieder Aufwuchs notwendig!


Von Oliver Fischer

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