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Ein Leben nach Heinersdorf

Flucht und Vertreibung Ein Leben nach Heinersdorf

Heinz Fröhlich war 13 Jahre alt, als er durch Krieg und Vertreibung seine Heimat in Niederschlesien verlor. Erst erlebte er schlimme Bombennächte, dann die quälende Ungewissheit über das Schicksal seiner Familie und schließlich Armut, Enttäuschungen und Erniedrigungen in der Stadt, die ihm ein neues Zuhause werden sollte: Luckenwalde.

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Heinz Fröhlich heute vor seinem Haus in Luckenwalde.

Quelle: Oliver Fischer

Luckenwalde. Wenn er gewusst hätte, dass er Heinersdorf 47 Jahre lang nicht wiedersehen würde, er hätte sich noch einmal umgedreht. Morgens hätte er wohl die drei Zimmer der elterlichen Wohnung noch einmal eingehend betrachtet, die Küche, die Kammer, den Hof mit dem Außenklo. Auf dem Weg zum Bahnhof hätte er noch einen Blick auf seine Schule geworfen, auf die Bauernwirtschaften und die Bürgerhäuser am Markplatz. Aber Heinz Fröhlich, damals 13 Jahre alt, stieg an jenem Wintertag 1944 einfach in den Zug. „Das war kein Abschied“, sagt er rückblickend.

Fröhlich, heute 84 und seit Jahrzehnten Einwohner von Luckenwalde, gehört zu den Millionen Deutschen, die nach 1945 ihre Heimat in den ehemaligen Ostgebieten verlassen und sich jenseits von Oder und Neiße eine neue Bleibe suchen mussten. Seine Heimat, in die er 1931 geboren wurde, hieß Heinersdorf und war eine eher ländliche Gemeinde in Niederschlesien nahe der Stadt Grünberg. Die Gegend war preußisch und industriell geprägt, Fröhlichs wohnten seit Generationen dort. Überall sprach man deutsch.

Die Verhältnisse, in denen Fröhlich aufwuchs, waren einfach. Sein Vater, ein Gießer, wurde gleich nach Kriegsbeginn zur Wehrmacht eingezogen, er fiel 1943. Heinz als Ältester musste der Mutter früh zur Hand gehen und sich vor allem um die drei jüngeren Geschwister kümmern. „Außer dass der Vater fehlte, verlief das Leben während des Krieges normal“, sagt er. Bis zu jenem Abschied, der keiner war.

Eigentlich sollte Heinz nur in ein Kindererholungsheim bei Breslau, sich ein paar Wochen lang ausruhen von der häuslichen Plackerei. Aber dort fand die Normalität ihr jähes Ende. Soldaten erschienen und sagten, die Kinder müssten verschwinden. Alle wurden in einen Zug gesetzt. „Wir dachten, es geht nach Hause“, erzählt Fröhlich. Aber die Rote Armee hatte schon viele Bahnstrecken blockiert, die Kinder wurden tagelang in Militärwaggons durchs Land gefahren und letztlich in Chemnitz ausgeladen. Dort standen am Bahnhof schon Pflegefamilien bereit. Heinz kannte die Stadt nicht, er kannte die Menschen nicht, aber er musste bleiben.

Die Pflegefamilie verlor den einzigen Sohn

Es folgte die Zeit der Luftangriffe. In den folgenden Monaten erlebte der 13-Jährige, wie Chemnitz dem Erdboden gleich gemacht wurde, wie seine Pflegefamilie erst die Wohnung verlor, dann den einzigen Sohn. Mit Glück überstand er Bombennächte und Artilleriefeuer. Dann kam der Mai und mit ihm der Frieden. Aber alles war ungewiss. Wo war die Mutter? Wo die Geschwister? Lebten sie noch? Würde er zurückkehren können nach Heinersdorf? Weitere Monate verstrichen, bis jemand mit Antworten vor der Tür stand. Es war seine Großmutter. Sie kam, um ihn zu holen – mit einer Reiseerlaubnis und einer Fahrkahrte in eine Stadt namens Luckenwalde.

Auf dem Weg dorthin erfuhr Heinz die ganze Geschichte. Mutter, Geschwister und Großmutter waren vor der Front geflohen. Das Kriegsende erlebten sie in Döberitz, von wo aus man sie wieder nach Schlesien zurückschickte. Im Güterwagen wurden sie an die Oder gekarrt, dann liefen sie die 85 Kilometer nach Heinersdorf, wo sie die geplünderte Wohnung neu einrichten mussten. Als sie sich gerade wieder eingelebt hatten, standen Polen vor der Tür – mit Knüppeln und Karabinern bewaffnet. Eine halbe Stunde bekam die Familie, um das Nötigste zu packen und sich auf dem größten Hof des Dorfes einzufinden. Dort nahm man ihnen alle Wertsachen ab, dann wurden sie auf den Marsch getrieben, nur raus aus Polen.

Heinz Fröhlich hat die Geschichten von den schweren Gewittern und den Toten am Wegrand nur gehört. Auch als die Familie in Luckenwalde bei Verwandten unterkam und eine Dachkammer in der heutigen Puschkinstraße bezog, war er nicht dabei. Aber er erlebte, was danach kam: zwei Jahre in größtem Elend.

Als „Polacke“ beschimpft

„Ich fühlte eine große Leere“, sagt er. Er hatte Heimat, Freunde und allen Besitz verloren, war bitter enttäuscht von der Ideologie der Nazis, an die er geglaubt hatte. Er lebte mit fünf anderen Menschen auf einem Dachboden, litt Hunger und wurde als „Polacke“ beschimpft.

Die Stimmung war aggressiv. In der ganzen Stadt herrschte Wohnungsnot, ganze Straßenzüge waren von der Roten Armee belegt, es gab wenig zu Essen. Die Flüchtlinge, die Wohnraum belegten und Brot wegaßen, waren ungern gesehen. „Wir wurden beschimpft, erniedrigt, entwürdigt“, erzählt Heinz Fröhlich. Den Satz „Geht dahin, wo ihr hergekommen seid!“ hörte er oft. Der Weg heraus aus dem Elend war lang, und er führte nur über sozialen Aufstieg. Der kam vor allem mit Arbeit.

Fröhlichs Großmutter fand Beschäftigung beim VEB Volltuch, wo sie als Näherin eingestellt wurde. Seine Mutter wurde Reinigungskraft in der Stadtverwaltung. Heinz verließ die Schule nach der 8. Klasse und ging bei der Kreisverwaltung in die Lehre, später besuchte er die Verwaltungsschule, wurde Kreissekretär für Jugendfragen, übernahm FDJ-Ämter. „Je mehr wir die Armut abstreifen konnten, desto mehr entwickelte sich auch das Miteinander mit den Luckenwaldern“, sagt er.

Der Staat legte ihm keine Steine in den Weg, er hatte mit Vertriebenen, die offiziell „Umsiedler“ oder „ehemalige Umsiedler“ genannt wurden, ohnehin keine Probleme. Sie durften nur nicht über ihr Schicksal sprechen. Denn nach 1949, als die letzten Umsiedlerheime geschlossen waren, wurde das Thema aus dem öffentlichen Bewusstsein der DDR gestrichen. Heinz Fröhlich wurde Lehrer, unterrichtete Deutsch, Geschichte und Staatsbürgerkunde. Er übernahm eine Berufsschule und stieg bis zum Kreisvorsitzenden der Lehrer-Gewerkschaft auf. Der Preis war die Selbstverleugnung. Auf Familienfesten sang er manchmal noch das Schlesier-Lied. „Aber wenn ich öffentlich gesagt hätte, ich bin Vertriebener, dann wäre ich am nächsten Tag nicht mehr Lehrer gewesen“, sagt er. Das Schweigen tat weh.

„Heimat gibt es nur einmal“

Heute fühlt Heinz Fröhlich sich in Luckenwalde Zuhause. Er lebt dort mit seiner Frau, seine Kinder sind dort groß geworden. Aber Heimat ist die Stadt für ihn nicht geworden. Heimat gebe es nur einmal, sagt er.

Zu der gehören für ihn nicht nur die Landschaft, der Glockenturm und die Bauerngehöfte von Heinersdorf. Heimat, das war das Leben seiner Kindheit: die Verwandtenbesuche am Wochenende, die Ski-Ausflüge, die Stunden am Herd, wenn gebacken wurde. Die Kartoffelsuppe und die Plinsen, die Fröhlich immer noch zubereitet. Diese Heimat gibt es auch in Heinersdorf nicht mehr. Heinersdorf heißt Jedrzychów, es ist ein moderner Stadtteil von Zielona Góra, der dörfliche Charakter ist verschwunden. Aber auf dem ehemaligen Friedhof steht eine Gedenkstätte für die Vertriebenen, die von Polen gepflegt wird. Heinz Fröhlich, lange Zeit Kreisvorsitzender des Bundes der Vertrieben von Teltow-Fläming, war inzwischen oft dort. Er freut sich über diese Geste.

In Luckenwalde hingegen vermisst er eine solche Würdigung. „Die Vertriebenen haben nicht nur erhebliche Aufbauarbeit geleistet, sie haben den Krieg auch mit dem Verlust von Eigentum und Heimat für alle Deutschen mitbezahlt“, sagt er. Zumindest nach der Wende hätte er sich politische Anerkennung gewünscht. „Aber unser Schicksal ist leider völlig unbeachtet geblieben.“

Von Oliver Fischer

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