Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -3 ° Regen

Navigation:
Ein Mann räumt auf

MAZ macht mit Ein Mann räumt auf

MAZ-Redakteur Oliver Fischer kannte Hotels bisher nur als Gast, und über die Arbeit der Zimmermädchen hat er sich dabei wenig Gedanken gemacht. Für die Serie „MAZ macht mit“ hat er sich jetzt aber mal einen Tag lang im Luckenwalder Hotel „Vierseithof“ verdingt – und dabei einige Erkenntnisse gewonnen.

Luckenwalde 52.0903895 13.1636906
Google Map of 52.0903895,13.1636906
Luckenwalde Mehr Infos
Nächster Artikel
Mann verletzt 25-Jährigen mit Messer

Keine Schlieren, keine Streifen, keine Flecken – der Autor putzt den Badezimmerspiegel.

Quelle: Margret Hahn

Luckenwalde. Reiner Bruns scheint ein Mann zu sein, den so schnell nichts aus der Ruhe bringt. Vor ein paar Monaten hat er das edle, aber zuletzt ziemlich ins Trudeln geratene Hotel „Vierseithof“ in Luckenwalde übernommen. Das allein zeugt von viel Zutrauen. Hotelier Bruns bleibt aber auch gelassen, als er meine Anfrage auf den Tisch bekommt: Ich will in seinem Haus ein Tagespraktikum als Zimmermädchen machen. Geht klar, antwortet er. Dann könne er ja auch gleich seiner Hausdame mal einen Tag Urlaub geben.

Das mit dem Urlaub soll ein Witz sein. Ich lache auch, aber im Grunde denke ich: Warum denn nicht? Ich weiß schließlich, wie man putzt und aufräumt. Ich bin ein moderner Mann, ich beteilige mich an der Hausarbeit und ich habe eine fünfjährige Tochter. Deren Zimmer kann selbst für militante Putzteufel als Trainingscamp herhalten. Außerdem kenne ich Hotels zur Genüge, da steht wenig im Zimmer. Zwei Betten, ein Schrank, ein Tisch, ein Stuhl. Das Bad hat Fliesen, die kann man leicht abwischen. Also wo ist das Problem? Aber gut, die Hausdame kann ja trotzdem dabei sein. Sie soll ruhig sehen, wie ich das mache. Womöglich kann sie sich noch etwas abschauen.

Das Zimmermädchen, das mich um neun Uhr morgens empfängt, heißt Evi. Sie ist 51, arbeitet seit fast 20 Jahren im Haus und führt mich erst mal durch alle Gänge. Das Hotel hat 45 Zimmer auf drei Etagen. Wir gehen um Ecken, steigen Treppen, Evi zeigt mir alle möglichen Kammern und Abstellräume. Bettwäsche sei heute auch angeliefert worden, sagt sie. Es treffe sich gut, dass ich da bin. Da könne ich die nachher noch hochtragen. Es gebe leider keinen Fahrstuhl. „Hier habe ich Treppen hassen gelernt“, sagt Evi und lacht.

Der Servicewagen ist schwer wie ein Motorrad, aber nicht so beweglich

Dann holt sie ihren Service-Wagen aus der Kammer. Das ist ein fahrbares Regal. Unten liegt Bettwäsche, darüber Handtücher, oben der ganze Kleinkram, den man sonst noch so braucht. Als ich ihn zur ersten Tür schieben will, ramme ich gleich mal die Wand. Der Wagen wiegt etwa so viel wie ein Motorrad, nur lässt er sich leider nicht so leicht lenken.

Evi hat eine Liste der Zimmer dabei, die wir abarbeiten müssen. Hintern den Zimmernummern stehen Buchstaben, entweder ein A für Abreiser oder ein B für Bleiber. Das erste Zimmer ist ein A-Zimmer. Der Gast ist heute abgereist, der Raum ist leer. Er muss für den nächsten Gast vorbereitet werden. Evi zeigt mir erst einmal das Komplettprogramm. Sie bezieht das Bett neu, macht das Bad, wischt Staub, saugt, feudelt nass durch. Naja, denke ich. So habe ich mir das vorgestellt.

Im zweiten Zimmer mache ich dann das Bett. Es geht mir leicht von der Hand. Ich stopfe das Laken unter die Bettauflage, ziehe vorn, ziehe hinten, ziehe rechts, ziehe links, so lange bis es glatt ist wie ein Studienmodell der norddeutschen Tiefebene. Dann beziehe ich das Kissen, schüttle die Bettdecke auf, falte sie so, wie Evi es mir gezeigt hat, und berausche mich am Ergebnis. Es ist ein Kunstwerk. Evi nickt anerkennend. Dann dreht sie das Kissen um 90 Grad. Der Kunde soll keine Öffnungen sehen, nur Kanten. Gut, merke ich mir.

Im nächsten Zimmer das gleiche von vorn. Laken rauf, Kissen beziehen, Decke beziehen, falten, Kunstwerk. Mir fällt allerdings auf, dass der Bettbezug von innen und von außen recht ähnlich aussieht. Dass ich das Kissen falsch herum bezogen habe, merke ich spät, deshalb muss ich alles noch mal machen. Mit dem Ergebnis bin ich wieder zufrieden. Auch die Tagesdecke habe ich diesmal hübsch appliziert. Ja, sagt Evi. Das sei schon wunderbar. Die Tagesdecke liege aber mit der Oberseite nach unten.

Bettdecken werden mit der Zeit schwerer

Das nächste Zimmer ist ein Doppelzimmer. Zwei Betten. Ich stopfe die Laken mehr schlecht als recht die Mittelritze, ziehe den ersten Bettbezug wieder falsch herum auf. Mir fällt auf, dass Bettdecken mit der Zeit schwerer werden.

Als ich fertig bin, drückt mir Evi noch einen Lappen in die Hand. Ich soll fortan in jedem Zimmer auch die Oberflächen abwischen, die Schränke von innen säubern, die Glühbirnen der Nachttischlampen testen und die Fernbedienung mit den Tasten nach unten neben den Fernseher legen.

Das fünfte Zimmer ist ein B-Zimmer, das Zimmer eines Bleibers, wie Evi es nennt. Der Gast ist wahrscheinlich gerade irgendwo in der Stadt unterwegs, im Zimmer hängt aber noch der Geruch seines Deos. Man muss weniger machen in einem Bleiber-Zimmer, aber dafür liegen auf dem Boden getragene Herren-Unterhosen. Ich fühle mich etwas unwohl damit. Evi reißt das Fenster auf, ich fange an, die Bettdecke zusammenzulegen und den Schlafanzug zu falten. Es ist der getragene Schlafanzug eines fremden Mannes. „An was Schönes denken“, rät Evi und erzählt mir, wie sie letzte Woche einen Abfluss reinigen musste, weil der Gast sich vor lauter Feierlust ins Waschbecken erbrochen hatte. Jetzt würde ich wirklich gern an etwas Schönes denken, mir fällt leider nichts ein.

Im siebten Zimmer liegen zwei Schlafanzüge. Es riecht gleichzeitig nach Herren- und nach Damendeo. Das und Evis Badreiniger ergibt zusammen eine Mischung, die mindestens so effizient aufs Kopfschmerzzentrum schlägt wie Rotwein aus dem Tetrapak. Ich verstehe jetzt den Sinn von Evis Grundregel: erst Fenster auf, dann Reiniger ins Klo, dann den Rest.

Kunst ist überbewertet

Im neunten Zimmer: Wieder ein Doppelbett. Wieder zwei Laken in die Mittelritze stopfen, wieder zwei Bettdecken aufschütteln. Die Decken wiegen inzwischen gefühlte zehn Kilo. Der Bezug ist wieder auf links, ich fluche. Vom Bücken schmerzt langsam mein Kreuz, meine Schultern verspannen sich, die Arme werden schwächer. Dass die Laken Falten werfen, ist mir inzwischen egal. Liegen ja die Decken drüber. Aber auch die sehen trotz einigen Fummelns jetzt eher aus wie ein deutsches Mittelgebirge. Kunst ist überbewertet. Ich schaue auf die Uhr. Fast 20 Minuten habe ich für die Betten gebraucht. So viel Zeit hat Evi eigentlich für das gesamte Programm.

Ich halte inne, schaue aus dem Fenster. Im Hof stehen Bäume. Sieht schön aus, denke ich. Sogar sehr schön. Ich sehe mich selbst auf einer Bank sitzen und Pizza essen. Ich bin müde. Ein Nickerchen, das hätte jetzt was.

Evi drückt mir den Staublappen in die Hand. „Wischen“, sagt sie. „Wir haben nicht ewig Zeit.“

Ab dem nächsten Zimmer bewege ich mich nur noch in Zeitlupe. Das Kreuz, die Arme. Ich kann diese verdammten Laken nicht in diese verdammte Bettritzen wurschteln, die verdammten Decken werden immer schwerer, der blöde Bezug ist schon wieder auf links. Evi will mich aufmuntern. Sie zeigt mir, wie man Betten in Herzform zusammenlegt. Damit können ich meine Frau überraschen.

Evi macht alles. Ich kann nicht mehr.

Mir fällt unterdessen ein, dass ich in den letzten Zimmern vergessen habe, die Nachttischlampen an und aus zu schalten. Die Fernbedienungen habe ich auch nicht angerührt. Die Bäder hat Evi sowieso geputzt. Sie hat auch gesaugt und gewischt. Sie hat geschaut, ob die Bügel alle richtig im Schrank hängen, ob die Zusatzdecke auf Kante gefaltet ist. Sie hat den Müll ausgekippt, mit dem Finger nachgefühlt, ob die Blumen Wasser brauchen. Sie hat Spitzen ins Klopapier gefaltet, Handtücher zusammengelegt und Flüssigseife ausgetauscht. Und dann hat sie mir beim Bettenmachen geholfen. Denn so, wie meine letzten aussahen, konnte man sie wohl keinem Gast zumuten.

Als wir an die nächste Tür klopfen, hoffe ich, dass der Gast noch schläft und in Ruhe gelassen werden will. Oder dass es zumindest ein Einzelzimmer ist. Ich will keine Laken mehr aufziehen und auch keine fremden Nachthemden mehr zusammenlegen. Wahrscheinlich bin ich etwas blass. Evi schaut mich sorgenvoll an. „Das war doch erst das Zehnte“, sagt sie, „wir haben heute 30.“

Ich frage sie, wie es ihr in anderen Hotels geht. Beschwert sie sich über schlecht gemachte Betten oder über staubige Nachttische? Keine Ahnung, antwortet Evi. Sie habe leider noch nie in einem Hotel übernachtet.

Aber wahrscheinlich würde sie immer das Nicht-Stören-Schild raushängen. „Aus Rücksicht auf die Zimmermädchen“, sagt sie. Ich weiß ja, was das für ein Knochenjob ist.“

Von Oliver Fischer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Teltow-Fläming
57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

Sollte Rauchen im Auto verboten werden, wenn Kinder dabei sind?

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg