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Teltow-Fläming Ein deutscher Frühling
Lokales Teltow-Fläming Ein deutscher Frühling
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19:13 30.03.2018
Lesen, hören, schreiben, sprechen: Die Tage der Yassins sind inzwischen vollgestopft mit Deutschübungen. Quelle: Oliver Fischer
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Ludwigsfelde

Auf dem Innenhof des Flüchtlingsheims am Birkengrund ist der Frühling ausgebrochen. Es blüht überall, die Bäume bekommen Blätter. Die Kinder interessiert allerdings mehr, dass die Fußball-Freiluftsaision begonnen hat. Aus allen verfügbaren Kräften wurden Teams zusammengestellt. Omar aus dem Quergebäude hat einen Lautsprecher mitgebracht, der das Gelände mit arabischer Popmusik beschallt. Das Spiel ist wild, der Rasen kaum als solcher erkennbar. Und ob nach Fifa-Regeln gepfiffen wird, ist auch nicht ganz ersichtlich. Womöglich sind dafür die Fähigkeiten der Mitspieler nicht ausgewogen genug. Erwachsene Männer dürfen ebenso mitkicken wie achtjährige Jungen. Mittendrin Rabiee, 13, Sohn von Rabiaa und Mohammed Yassin, der nach seiner seinem Beinbruch im vergangenen Herbst sein Comeback feiert.

Oben, im zweiten Stock bei den Yassins, duscht Rabiaa derweil gerade ihre Tochter Meis, die in einem unbeobachteten Moment einen Schokokuss in ihrem Gesicht verteilt hat. Die Tat war planvoll, Meis liebt die Dusche. Grundsätzlich aber ist es bei den Yassins in den vergangenen Wochen ruhig geworden, und das nicht nur, weil Meis inzwischen zwei Jahre alt ist, sich artikulieren kann und nachts durchschläft. Vieles hat sich gefügt, und die Tage fließen in einem Rhythmus dahin, der für alle Beteiligten funktioniert.

Ihre Lehrerin ist wundervoll

Rabiaa fährt morgens nach Neukölln zum Deutschkurs. Mohammed passt auf die Kinder auf, anschließend geht er zum Sport und fährt schließlich am Nachmittag zu seinem Kurs. Wenn er abends heim kommt, isst er noch etwas. Oft schauen er und Rabiaa sich noch ein paar Vokabeln an, dann ist es Zeit fürs Bett. Seit fast zwei Monaten läuft das jetzt so, und zumindest Rabiaa sieht darin etwas Gutes. Das Deutsche geht ihr inzwischen recht gut von den Lippen, auch wenn sie weitgehend auf Artikel verzichtet. Der, die, das, ein, einer, eine. Es ist alles eins für sie. „Deutsch ist so schöne Sprache, aber auch so schwer“, stöhnt sie. Dann murmelt sie: „Einer schöne. Nein, eine schöne.“

Ihre Lehrerin sei wundervoll, erzählt Rabiaa, was, wenn man die freundliche arabische Übertreibung abzieht, wohl heißt, dass Rabiaa gut mit ihr zurecht kommt. Sie sei pünktlich, könne gut erklären. Allerdings, sagt Rabiaa, führe das nicht bei allen Teilnehmerinnen dazu, dass sich die Deutschkenntnisse verbessern. Rund 20 weitere Frauen besuchen ebenfalls den Kurs, sie kommen aus der Türkei und aus Südosteuropa, aber ihr Interesse sei begrenzt. „Sie antworten nicht auf Fragen, sie sprechen nicht im Unterricht“, sagt Rabiaa.

Der Wille, in Deutschland anzukommen

Dann erzählt sie von anderen Syrerinnen aus dem Ludwigsfelder Heim, die es ähnlich halten. Es sind Frauen, die kaum Kontakt zu Deutschen haben und ihn auch nicht suchen, die in der Familie ausschließlich arabisch sprechen und auch sonst kaum Willen zeigen, in Deutschland anzukommen. Das betreffe aber nicht nur Araber, sagt sie. Einmal in Fahrt, redet sie auch über einen Tschetschenen, der im gleichen Aufgang wohnt. Seit zweieinhalb Jahren warte er auf eine Entscheidung. Er klage oft über seine Situation, seine Schmerzen. Rabiaa sagt, sie habe ihm unlängst die Meinung gegeigt: „Ich habe auch Schmerzen: Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Knieschmerzen. Aber ich tue etwas.“

Mohammed kommt nach Hause. Er sieht müde aus, weil drei Stunden lang Formulierungen mit „von“ und „seit“ auf ihn eingeprasselt sind. Sätze wie: „Der Unterricht dauert von neun bis zwölf“ oder „Wir sind seit einem Jahr in Deutschland.“ Jetzt mag er nicht mehr reden, schon gar nicht auf Deutsch.

Es ist inzwischen dunkel, als auch Rabiee nach oben kommt. Das Spiel ist vorbei. Im Vorbeigehen verbessert er zwei Grammatikfehler seiner Eltern. Dann verkündet er stolz das Ergebnis der Bolzerei im Hof: „Wir haben gewonnen, 15:0!“. Frühling kann so schön sein.

Die Yassins sind eine syrische Flüchtlingsfamilie, die im Ludwigsfelder Flüchtlingsheim am Birkengrund lebt. Die MAZ begleitet sie seit ihrer Ankunft.

Von Oliver Fischer

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