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Eine Ehe bedeutet nicht lebenslänglich

Scheidungsanwältin im Interview Eine Ehe bedeutet nicht lebenslänglich

Wenn die Romantik verfliegt und Streit den Alltag überschattet, ist eine Scheidung oft nicht mehr fern. Jutta-Brigitte Burmeister ist Scheidungsanwältin. Im Interview spricht sie mit der MAZ über häufige Gründe für das Scheitern von Ehen, die größten Streitpunkte und weshalb sie manche Mandanten gerne miteinander verkuppeln würde.

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Seit 1979 mit dem Ende von Ehen befasst: die Königs Wusterhausener Scheidungsanwältin Jutta-Brigitte Burmeister.

Quelle: Anja Meyer

Königs Wusterhausen. Jutta-Brigitte Burmeister (64) ist Fachanwältin für Familien- und Erbrecht. In der Königs Wusterhausener Kanzlei „Burmeister & Partner“ berät sie seit 1979 Menschen, die sich von ihrem Ehepartner scheiden lassen wollen. Im Interview spricht sie über Ängste, Trennungsgründe und die neue Liebe.

Frau Burmeister, wieso haben Sie sich auf Familienrecht spezialisiert?

Jutta-Brigitte Burmeister: Als ich damals in die Anwaltskanzlei meines Vaters mit einstieg, haben wir noch alle Fälle vertreten, Zivil-, Familien-, Erb- und Strafrecht. Nach der Wende mussten wir uns spezialisieren. Ich wollte Familienrecht machen, weil es mir besonders liegt. Die Trennung eines Ehepaars ist eine Ausnahmesituation – emotional und bürokratisch. Mich erfüllt es, Menschen dabei mit Rat und Kraft beizustehen und ihnen so Zuversicht und Stabilität zu geben. Familienrecht ist eben auch Lebenshilfe. Meine Kanzlei-Partnerin ist auch Psychologin, das ist in unserem Bereich sehr sinnvoll.

Wie viele Scheidungen begleiten Sie pro Jahr?

Burmeister : Allein im vergangenen Jahr haben meine Kanzlei-Partnerin und ich zusammen etwa 120 Scheidungen betreut.

In Ihrem Job werden Sie also so schnell nicht arbeitslos...

Burmeister : Bestimmt nicht. Eine Ehe ist nicht lebenslänglich, die Romantik verfliegt irgendwann. Das ist auch überhaupt nicht schlimm. Wer in seiner Ehe nicht mehr glücklich ist, sollte den Schritt zur Scheidung wagen und nicht an dem Konstrukt festhalten - so wie unsere Großeltern es womöglich noch getan hätten.

Die hielten ja aus gesellschaftlichen Gründen an ihrer kaputten Ehe fest. Trauen sich auch jetzt noch Menschen nicht, sich scheiden zu lassen?

Burmeister : Ja, es steckt oft eine große Angst dahinter – vor allem eine existenzielle. Das gab es zu DDR-Zeiten so noch nicht. Da war die wichtigste Frage, wer den Trabant bekommt. Wer sich heutzutage von seinem Ehepartner trennen will, spürt die Angst des Ungewissen. Ich höre häufig den Satz: „Ich weiß nicht, ob ich mir eine Scheidung überhaupt leisten kann.“

Was kostet eine Scheidung?

Burmeister . Der Streitwert einer Scheidung ergibt sich aus dem gemeinsamen Einkommen der Ehepartner. Die Durchschnittskosten bei uns liegen etwa bei 2500 Euro. Die Scheidung ist also zumeist günstiger als eine Hochzeit. Es ist wichtig zu wissen, was danach passiert. Wer bekommt was und was muss er womöglich an den anderen zahlen? Das ist es, was die Mandaten damit meinen, sich eine Scheidung nicht leisten zu können. Aber es gibt für alles eine Lösung.

Sind es eher Männer oder Frauen, die sich scheiden lassen wollen?

Burmeister : Das kann ich gar nicht so pauschal sagen. Aus meiner Erfahrung reichen beide Geschlechter zu etwa gleichen Teilen den Scheidungsantrag ein. Ebenso wollen sich sowohl Männer als auch Frauen von mir vor Gericht vertreten lassen und leiden gleichermaßen. Auch Männer können wie Hunde leiden.

Was sind die Gründe, aus denen sich die Ehepartner trennen?

Burmeister : Ich bin immer vorsichtig mit dem, was meine Mandanten als Scheidungsgrund angeben und frage mich, wie harmonisch die Ehe eigentlich vorher war. Ein Mann – oder auch eine Frau – geht nicht fremd, wenn die Beziehung glücklich ist. Deshalb würde ich viel mehr von Erscheinungsbildern denn von Gründen sprechen. Ich beobachte markante Phasen, in denen sich Menschen trennen: Da ist die Geburt des ersten Kindes, nach der sich viele Ehemänner vernachlässigt fühlen. Nach dem zweiten Kind wird es umso schlimmer, da hat die Partnerin noch weniger Zeit für die Beziehung. Später kommen Erziehungskonflikte. Viele Paare trennen sich, wenn die Kinder aus dem Haus sind, weil sie dann nichts mehr mit sich anfangen können. Manche trennen sich nach dem Hausbau, während des gemeinsamen Projektes merken sie nicht, dass sie sich emotional auseinanderleben. Andere Konfliktsituationen sind zum Beispiel Krankheit und Demenz.

Können Sie manche Ehen noch kitten?

Burmeister : Eher nicht. Wenn die Mandanten zu mir kommen, ist es meistens schon zu spät. Ich bin überzeugt davon, dass viele Ehen nicht geschieden werden müssten, wenn die Partner früher miteinander reden würden und sich auch professionelle Hilfe suchen. Bei manchen Mandanten sehe ich noch Potenzial, die schicke ich dann zur Eheberatung oder zur Mediation. Ich selbst führe auch etwa drei bis vier Mediationen pro Jahr durch.

Zahlen und Fakten

Die Zahl der Ehescheidungen in der Region ist im vergangenen Jahr leicht gesunken.

In Dahme-Spreewald wurden im Jahr 2015 insgesamt 294 Ehen geschieden. Das sind 32 weniger als im Vorjahr.

In Teltow-Fläming ist die Anzahl der Ehescheidungen nahezu gleich geblieben. 369 Ehen landeten im Jahr 2015 vor dem Scheidungsrichter. Im Jahr 2014 waren es 362.

Auffällig ist dabei, dass die Scheidungsrate in Teltow-Fläming deutlich höher ist als in Dahme-Spreewald. Beide Landkreise haben etwa gleich viele Einwohner.

Die Zahl der Scheidungskinder in Teltow-Fläming ist 2015 im Vergleich zum Vorjahr angestiegen von 269 auf 281, in Dahme-Spreewald ist sie gefallen – von 247 auf 226.

Brandenburgweit blieb die Zahl der Ehescheidungen fast konstant. Wie das statistische Landesamt am Freitag mitteilte, ließen sich im vorigen Jahr 4845 Ehepaare in Brandenburg scheiden, ein Jahr zuvor waren es 4887.

22 Ehen davon hatten nur ein Jahr überdauert, dagegen ließ sich fast ein Viertel der Paare
(1191) nach 25 und mehr Jahren Ehe scheiden. Im so genannten „verflixten siebten Jahr“ wurden mit 5,6 Prozent tatsächlich die meisten Scheidungen eines Jahres vollzogen.


Treibende Kraft ist häufig die Gattin. Bei fast 55 Prozent der Scheidungen ging die Initiative von der Ehefrau aus. Lediglich bei drei Prozent reichten beide Partner die Scheidung gemeinsam ein. Fünf Prozent wurden ohne Zustimmung des jeweiligen Partners geschieden.eye

Was sind die größten Streitpunkte bei einer Scheidung?

Burmeister : Das Geld und die Kinder. Heutzutage ist das gemeinsame Sorgerecht der Standard. Dennoch gibt es häufig Streit um den Aufenthaltsort des Kindes und die Höhe des Unterhalts. Meistens bleiben die Kinder bei der Mutter und der Mann zahlt den Unterhalt, ganz klassisch. Das ist auch aus gesellschaftlichen Gründen so. Viele Männer empfinden es als ungerecht, Kindesunterhalt zu zahlen. Sie fragen sich, was ihre Exfrau damit wohl so anstellt. Dabei sehen sie oft nicht, dass es nicht nur um die Kosten für Essen und Trinken geht sondern auch um die Miete, Kleidung, Sportvereine oder Klassenfahrten. Das zu erklären, ist auch meine Aufgabe. Wenn die Männer das verstehen, legt sich der Zorn häufig wieder. Frauen, die ihren Männern Unterhalt zahlen müssen, tun das übrigens noch widerwilliger als Männer.

Sie sagten, die Kinder bleiben aus gesellschaftlichen Gründen bei der Mutter...

Burmeister : Es gibt auch Frauen, die gerne mehr Freiheiten hätten und daher die Kinder lieber beim Vater sehen würden. Doch das geben die wenigsten zu - wegen des gesellschaftlichen Drucks, der auf ihnen lastet. Sie wollen nicht als Rabenmutter dastehen. Es gehört zum klassischen Rollenbild einer Frau, eine engere Bindung zum Kind zu haben, auch wenn es vielleicht gar nicht so ist. Männer hingegen stehen nicht in der Erklärungsnot, wenn das Kind nicht bei ihnen lebt. Was sich in der letzten Zeit auch immer mehr etabliert, ist das sogenannte Wechselmodell. Dabei lebt das Kind zu gleichen Teilen bei der Mutter und beim Vater. Nicht selten wählen Väter diese Option, um keinen Unterhalt zahlen zu müssen.

Sind Sie in diesen Sorgerechtsfragen eine Paragrafenreiterin?

Burmeister : Ich nicht, aber manche Mandanten. Sorgerechtsfragen sind sehr schwierig, da spielt so viel Zorn und Enttäuschung mit, dass Stellvertreterkriege entstehen. Da kann ich dann nicht nur juristisch rangehen. Wozu habe ich denn so viel Lebenserfahrung? (lacht) Ich sage meinen Mandanten immer wieder, dass sie um des Kindes Wohl auch mal über Kleinigkeiten – wie eine Viertelstunde Verspätung des Vaters – hinwegsehen sollten. Das ist besser, als die Polizei zu rufen. Ich mache meinen Mandanten gern bewusst, dass ihr Kind alles mitbekommt und gerade von seinen Eltern lernt, wie man Konflikte löst. Das bewirkt auch schon viel.

Ab wann sollten sich die Parteien anwaltlich beraten lassen?

Burmeister : Am besten schon vor der Ehe (lacht). Nein, ernsthaft. Wir bieten jeden ersten Freitag im Monat eine Beratung „Ehe für Verliebte“ an. Die wenigsten wollen etwas von Eheverträgen oder ähnlichem hören.

Welche Ehe war die kürzeste, in der sie eine Partei vertreten haben?

Burmeister : Die hat einen Tag gedauert. Es ist mir sogar schon zweimal passiert, dass Ehepartner direkt nach ihrer Hochzeit den Scheidungsantrag stellen wollten. In einem Fall hat der Frischvermählte auf der Hochzeitsfeier wieder mit seiner Expartnerin angebändelt und wollte zu ihr zurückkehren. Aber es gibt auch Ehen, die erst nach 50 Jahren geschieden werden.

Sind Sie selbst verheiratet?

Burmeister : Ja, und zwar sehr glücklich . Auch meine vier Kinder sind alle glücklich verheiratet.

Sie sind also nicht grundsätzlich gegen die Ehe?

Burmeister : Nein, das bin ich nicht. Ich finde wirklich nichts schlimm daran, ohne Trauschein zusammenzuleben. Aber die Ehe ist ein gesellschaftlich vorgegebenes Modell, das gewisse Privilegien hat. Man kann es blöd finden und sich dagegen entscheiden. Fakt ist: Wer verheiratet ist, genießt große steuerliche und erbrechtliche Vorteile. Es muss der Wille da sein, die Ehe als Aufgabe zu betrachten. Die Vorstellungen der Partner müssen gut zueinander passen. Meine Idealvorstellung wäre es, einige meiner von mir geschiedenen Mandanten zu verkuppeln. Ich glaube manchmal zu wissen, wer gut wieder zusammenpassen würde.

Hat das schon mal geklappt?

Burmeister : Leider erst einmal – und ohne mein Beitun. Zwei Mandanten saßen bei mir im Wartezimmer und haben sich so kennengelernt. Sie sind seit mehr als 15 Jahren glücklich verheiratet. Meine Kanzlei-Partnerin und ich waren sogar auf der Hochzeit. Ich habe immer noch guten Kontakt zu dem Paar, erst an Ostern haben wir uns wieder getroffen.

Von Anja Meyer

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