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Eine Eingliederungsbilanz

Dahmeland-Fläming Eine Eingliederungsbilanz

Rund 4000 Flüchtlinge leben derzeit in den Landkreisen Dahme-Spreewald und Teltow-Fläming. Sie in die Gesellschaft einzugliedern ist die wahrscheinlich größte gesellschaftliche Herausforderung der kommenden Jahre, und die Maschine läuft. Aber zu langsam, findet der Unternehmer Carsten Kröning.

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Perfekt integriert: Tederos Derbesay macht eine Ausbildung bei der Wildauer Sanitär-Firma Die Tech.

Quelle: Oliver Fischer

Dahmeland-Fläming. Wer ein Beispiel dafür braucht, wie einfach Dinge sein können, der muss nach Wildau fahren: Dorfaue 29, der Firmensitz von Die Tech. Der mittelständische Handwerksbetrieb installiert Elektroanlagen und Heizungen und richtet hochwertige Bäder ein, vorrangig in Berlin. Dafür sind bei Die Tech rund 25 Mitarbeiter zuständig, drei davon fallen auf jeder Baustelle auf.

Hintergrund

Die Zahl
in den Landkreisen Teltow-Fläming und Dahme-Spreewald ist ähnlich.

In Dahme-Spreewald sehen die Zahlen so aus: Insgesamt leben 7739 Ausländer im Landkreis. Das entspricht 4,7 Prozent der Gesamtbevölkerung des Landkreises. Davon sind 1764 Asylbewerber, die in 2015 einen Asylantrag gestellt haben und dem Landkreis zugewiesen worden sind. Diese machen demnach einen Anteil von rund einem Prozent von der Bevölkerung des Landkreises aus.

In Teltow-Fläming leben rund 1900 Flüchtlinge, das entspricht etwas mehr als einem Prozent der Bevölkerung. Von den insgesamt 6400 Ausländern, die im Landkreis gemeldet sind, sind allein 1600 Polen.

Derzeit kommen praktisch keine Flüchtlinge mehr in die Landkreise. Dafür steigt die Zahl derer, die eine Aufenthaltserlaubnis haben, exorbitant.

Wer eine Aufenthaltserlaubnis

unterliegt nicht mehr dem Landesaufnahmegesetzt. Er hat Anspruch auf Hartz IV und muss mittelfristig auch das Flüchtlingsheim verlassen. In Dahme-Spreewald gilt dafür eine Drei-Monats-Regel.

Sie heißen Mologeta, Million und Tederos, sie stammen alle aus Eritrea, sie sind Flüchtlinge. Einer absolviert gerade ein Praktikum als Fliesenleger, der zweite fummelt sich derzeit probehalber in computerbasierte Haustechnik ein und der dritte, Tederos Derbesay (23), hat sein erstes Ausbildungsjahr schon hinter sich. Er lernt den Beruf des Anlagenmechanikers für Sanitär, Heizung und Klimatechnik. „Rohrleger“, wie er selbst sagt.

Keine Perspektive in der Heimat

Tederos kam vor zwei Jahren aus Eritrea, weil seine Heimat ihm keine Perspektive bot außer einer Zwangsverpflichtung zum unbefristeten Militärdienst. Er wohnte ein gutes Jahr im Flüchtlingsheim in Pätz. „In der ersten Zeit war das Leben dort schwer“, sagt Tederos. Er konnte sich nicht verständigen, erlebte zwar Hilfe aber auch Ablehnung. Die ersten Bewerbungen bei Betrieben, wo er sich als Schweißer vorstellte, blieben erfolglos. „Mein Deutsch war zu schlecht, das hat man mir auch gesagt“, erzählt Tederos. Heute kann er Wörter wie „Heizungsraum“ fast akzentfrei aussprechen. Er lebt er in einer eigenen Wohnung in Wildau. Ein paar ältere Damen in der Nachbarschaft haben ihn so ins Herz geschlossen, dass sie ihm regelmäßig Essen vorbeibringen, und auch in der Firma ist er verwurzelt. „Die Firma ist meine Familie“, sagt er.

Große Aufgabe Integration

Wenn die Politik von der großen Aufgabe der Integration redet, dann geht es darum, tausende Flüchtlinge möglichst dort hin zu bringen, wo Tederos Derbesay heute ist: Wohnung, Job, deutsche Sprache, deutsches Netzwerk. Die Maschinerie, die diesen Weg bereiten soll, ist inzwischen angelaufen. Von den 4000 Flüchtlingen in Dahme-Spreewald und Teltow-Fläming hat inzwischen gut die Hälfte an Deutsch- und Integrationskursen teilgenommen, dazu gehören 900 Schulkinder. Mit den Teilnehmern der Integrationskurse wurde über ihre mögliche berufliche Zukunft gesprochen. Allein die Arbeitsagentur Teltow-Fläming hat bis Ende Mai rund 300 Flüchtlinge in verschiedenen Projekten untergebracht, in denen ihre Eignung festgestellt wird und sie an den Arbeitsmarkt herangeführt werden. Tatsächlich in einen Job vermittelt wurden aber erst 18 Asylbewerber. 18 von rund 2000, die im vergangenen Jahr im Landkreis angekommen sind.

Für diejenigen, die in den Heimen sitzen und darauf warten, dass sich irgendetwas tut für sie, ist das zu wenig. In den Unterkünften hört man deshalb auch viele Geschichten, die weit weniger positiv sind als die von Tederos Derbesay. Es sind Geschichten von Flüchtlingen, die frustriert sind, weil sei auch nach ein, zwei Jahren keine Chance auf Arbeit sehen, keine Wohnung finden, keine deutschen Bekannten haben und nicht wissen, was nach dem Heim kommen soll.

Das fängt schon beim Deutsch lernen an. Es gibt Flüchtlinge wie den 22 Jahre alten Firas Al Younis aus Ludwigsfelde. Der hat nach eineinhalb Jahren im Land bereits seine C1-Prüfung abgelegt, die ihm sprachliche Hochschulreife bescheinigt. Die meisten aber kommen deutlich langsamer voran, was oft auch an ihrer persönlichen Situation liegt. „Wer 35 oder 40 Jahre alt ist und vier oder fünf Kinder hat, dem fällt das schwer“, sagt Tederos. Es sind außerdem viele Analphabeten unter den Flüchtlingen, die erst lesen lernen müssen.

Zu wenige Wohnungen

Das nächste Problem: Obwohl kaum noch Flüchtlinge kommen und von denjenigen, die schon in der Region leben, immer mehr anerkannt sind, leeren sich die Unterkünfte nicht. Es gibt zu wenige Wohnungen.

Das dritte Problem beschäftigt Carsten Kröning derzeit am meisten. Kröning ist Gründer und Geschäftsführer von Die Tech, und er redet sich in Rage, wenn er über die Trägheit der Behörden spricht. Zu viele beteiligte Träger, zu viele Bedenken, niemand habe den Überblick. „Man kann den Unternehmern doch nicht sagen, dass sie in die Heime gehen müssen, und sich Flüchtlinge heraussuchen. Man muss die Flüchtlinge bei den Unternehmern anbieten“, sagt er.

Kröning ist selbst den anderen Weg gegangen. Er hat seine drei Eritreer in Pätz kennengelernt, beim Fußballspielen. Die Jungs erschienen ihm sympathisch und fähig. Er selbst empfinde die Aufgabe der Integration als wichtig, sagt Kröning. Er habe eine Verantwortung als Unternehmer, und deutsche Azubis gebe es ja ohnehin kaum noch. „Die Jungs zu finden und zu beschäftigen war das einfachste Unterfangen aller Zeiten. Wir sind zur Krankenkasse und zur Berufsschule gegangen und haben danach die Ausländerbehörde vor vollendete Tatsachen gestellt.“

Aber das machen nicht viele. Und vor allem nicht diejenigen, die laut Kröning wohl die meisten Kapazitäten hätten: die Verwaltungen. „Wenn eine Firma mit 25 Leuten es schafft, drei Leute zu integrieren, dann muss es doch möglich sein, dass Kommunen und Landkreise zumindest Praktikumsplätze schaffen“, sagt Kröning.

Nicht die Hände in den Schoß legen

Carsten Saß (CDU), Sozialdezernent des Landkreises, findet diese Forderung berechtigt. „Wir können nicht von den Unternehmern fordern, dass sie Stellen schaffen, wenn wir selbst die Hände in den Schoß legen“, sagt er. Laut Saß beschäftigt die Kreisverwaltung Dahme-Spreewald derzeit einen Praktikanten. Mit sechs weiteren werden Vorgespräche im Hinblick auf mögliche Ausbildungen geführt.

Tederos Derbesay ist froh, dass er die Phase der Ungewissheit hinter sich gelassen hat. In zweieinhalb Jahren will er seinen Gesellenbrief in der Tasche haben. Die Praxis sei kein Problem, sagt er. Für die Theorie müsse er noch etwas besser in Deutsch werden. Aber das passe schon. „Es läuft“, sagt er.

Und in vier, fünf, zehn Jahren? Wo sieht er sich da? Auf jeden Fall in Deutschland, sagt Tederos. Und wer weiß – möglicherweise dann als „Rohrleger“ – Meister.

Von Oliver Fischer

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