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Teltow-Fläming Folge 66: Eine Geburtstagstorte für Meis
Lokales Teltow-Fläming Folge 66: Eine Geburtstagstorte für Meis
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18:14 30.10.2018
Einmal pusten, bitte: Meis Yassin feiert ihren dritten Geburtstag und soll das Buffet eröffnen. Quelle: Oliver Fischer
Ludwigsfelde

Die Kerze brennt, und es wäre Meis’ Aufgabe, sie wieder zu löschen. Aber Meis interessiert sich kein bisschen dafür. Sie strahlt lieber in der Gegend herum. „Meisso, los“, ruft Vater Mohammad ihr zu, aber er müsste es besser wissen. Meis macht selten sofort, was man ihr sagt.

Jetzt genießt sie erst einmal die Aufmerksamkeit. Zehn Leute stehen um sie herum und warten darauf, dass sie die Flamme auspustet und damit das Buffet eröffnet. Doch Meis singt erstmal ein Lied. „Happy Birthday to you“, kräht sie, und strahlt in die Runde. Es ist schließlich ihr Tag, und das soll auch noch einmal betont werden.

Fröhlich im Wallekleid

Meis ist das jüngste Kind der syrischen Flüchtlingsfamilie Yassin, und an diesem Sonnabend feiert sie ihren dritten Geburtstag. Sie hat sich richtig schick gemacht, Mutter Rabiaa hat ihr ein pinkfarbenes Wallekleid gekauft, das sie nun umweht. Meis sieht darin aus, als schwebe sie inmitten von rosaroter Zuckerwatte.

Bei jedem Türklingeln stößt sie einen spitzen Schrei aus und sprintet in Schräglage über den Flur. Klingeln bedeutet, dass sie Gäste bekommt. So viel hat sie verstanden. Und Gäste bringen Geschenke mit. Vor allem, das haben die letzten Stunden gezeigt, Kuscheltiere und Schokolade.

Rabiaa und Mohammed Yassin mit Geburtstagskind Meis. Quelle: Oliver Fischer

Für Meis’ Eltern bedeutet die Party natürlich mehr als das. Sie ist mal wieder ein kleiner Einschnitt, eine Etappe auf einem weiterhin ungewissen Weg. Meis ist ein Kind der Flucht. Sie war ein Baby, als die Yassins ihre Reise nach Europa antraten.

Rabiaa trug sie fast die gesamte Zeit über auf dem Arm: an der Türkischen Mittelmeerküste, wo sie zwei Nächte im Wald auf die Schleuser warteten; im Schlauchboot, wo sie das Kind mit ihren Armen vor der Gischt schützte; auf dem Treck durch Griechenland, Mazedonien und Serbien. Rabiaa hat chronische Rücken- und Knieschmerzen davon getragen. Aber dann wiederum ist Meis, die inzwischen klettert, tanzt und dreisprachig vor sich hin brabbelt, auch ein Gradmesser dafür, wie weit sie schon gekommen sind auf ihrer Reise.

Der Fernseher empfängt derzeit erst ein Programm

Nämlich ziemlich weit. Ihre Wohnung ist inzwischen fertig eingerichtet. Auf dem Boden liegen Teppiche, im Wohnzimmerschrank steht ein Fernseher, auf dem die ganze Zeit ein Homeshoppingkanal flimmert. Es ist das einzige Programm, das die Familie bislang empfängt. Mohammad ahmt amüsiert den TV-Verkäufer nach. „Angebot, Angebot“, sagt er und rudert mit den Armen. Lieber würde er Fußball sehen, aber im Homeshopping-Kanal sprechen sie auch Deutsch – und darauf kommt es an.

Während Rabiaa in der Küche den letzten Salat schneidet, erzählt sie von ihren letzten Prüfungen. B1 liegt schon ein paar Tage zurück, Politik war gestern. „Zwei Nächte habe ich vor Aufregung nicht gut geschlafen“, sagt sie. Sie hat Geschichtsdaten gelernt, den Zweiten Weltkrieg, Gründung DDR, Gründung BRD, Mauerbau. Schindlers Liste haben sie auch gesehen. „Da musste ich weinen“, sagt Rabiaa. Dann deutsche Politik. „Alle Parteien, PSD, DCU.“ Das Ergebnis wird sie erst in einigen Wochen erfahren, aber sie hat ein gutes Gefühl. „Ich glaube, ich habe alles richtig“, sagt sie und freut sich. Auch für eine Party ist ein gutes Gefühl wichtig.

Viele Freunde sind gekommen

Es sind viele Gäste gekommen, überwiegend Deutsche. Anja ist da, eine gute Freundin aus Ludwigsfelde. Auch Bernd ist gekommen, ein Angestellter in der IT-Abteilung von Siemens, bei dem Yassin-Sohn Rabiee unlängst ein Schüler-Praktikum absolviert hat. Bernd hat Rabiee zwei Wochen lang das Unternehmen gezeigt und in auf Baustellen von automatisierten Hochregallagern geschleppt. Der Junge habe sich gut angestellt, sagt er.

Rabiaa mit Meis an Weihnachten 2016. Quelle: Anja Meyer

Es sind aber auch Firas und Sadam da, zwei syrische Freunde, die die Yassins seit ihren ersten Tagen in Ludwigsfelde kennen. Die beiden sind schon ein paar Schritte weiter als die Yassins, sie studieren und bemühen sich um eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung.

Deutsch-Kurs, Führerschein, Job

Die Voraussetzungen dafür haben beide. „Ich spreche Deutsch, ich habe schon gearbeitet und Steuern bezahlt. Ich bekomme ein Stipendium und kann für mich selbst sorgen“, zählt Sadam auf. Er macht derzeit sogar seinen Führerschein. Trotzdem ist nicht klar, ob das reicht. „Die Regelungen sind strenger geworden und beim Amt prüfen sie meinen gesamten Antrag noch einmal. Ich weiß nicht, was dabei herauskommt“, sagt er.

Meis sind solche Sorgen einerlei. Sie hat inzwischen doch die Kerze ausgepustet und danach ein Stück von der blauen Torte verdrückt, die Rabiaa extra für sie gemacht hat. Voll mit Zucker und Adrenalin rennt sie jetzt von einem Zimmer ins andere, holt Plüschtier um Plüschtier, und sagt „Bär“ oder „Bu“. Oder irgendetwas Arabisches.

Von Oliver Fischer

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