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Einmal Lebensmittel retten

MAZ macht mit Einmal Lebensmittel retten

Viele Lebensmittel sind für den Einzelhandel nicht mehr ansehnlich genug – obwohl sie noch gut sind. Tafeln kümmern sich darum, dass Obst, Brot und Gemüse vom Vortag nicht im Müll landen, sondern für wenige Geld an Bedürftige ausgegeben werden. MAZ-Volontärin Anne-Kathrin Fischer half einen Tag bei der Tafel in Luckenwalde mit.

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Geschafft: Angelika Böck und Anne-Kathrin Fischer verteilen die Lebensmittel – hier an Ekatharina Ehrhardt.

Quelle: fotos: Magrit Hahn (2)

Luckenwalde. Spinat, ich hab in meinem ganzen Leben noch nie so viel frischen Spinat auf einmal gesehen. Wie viele Kisten habe ich Angelika Böck jetzt schon weitergereicht? Zehn, zwölf? Ich habe aufgehört zu zählen und konzentriere mich stattdessen auf den sich anbahnenden Muskelkater in meinen Oberarmen. „Na, anstrengend, oder?“, fragt mich Böck, die seit 2007 die Luckenwalder Tafel leitet, und lächelt milde. „Ich sag’ immer: ,Ich brauch’ kein Fitnessstudio.’“ Ich kann das jetzt gut nachvollziehen. Seit sechs Uhr morgens begleite ich Böck, jetzt ist es noch nicht mal neun Uhr und ich fühle mich schlapp. Im Keller der Ausgabe in der Brandenburger Straße in Luckenwalde haben wir gerade gemeinsam die Lebensmittel rausgesucht, die am schnellsten verbraucht werden müssen.

Früh am Morgen sind wir zunächst nach Jänickendorf gefahren, um dort bei der Firma Coolback Brötchen abzuholen. 30 Grad sollten es werden, entsprechend hatte ich mir ein kurzes Shirt angezogen. Böck hatte mir in weiser Voraussicht noch eine Jacke geliehen – später wünsche ich mir, ich hätte auch an ein Paar warme Wollhandschuhe gedacht: Der Tiefkühlbäcker hatte uns Dutzende Kisten mit gefrorenen Weizenbrötchen zur Verfügung gestellt – beim Verladen in den Kühltransporter wird es schnell unangenehm kalt. Ich reibe meine Hände als käme ich von einer zweistündigen Schlittenfahrt. „Im Sommer geht es noch. Im Winter, wenn es kalt und dunkel ist, das ist viel schlimmer“, tröstet mich Böck.

An den Gemüsekisten

An den Gemüsekisten

Quelle: Margrit Hahn

Nach dem Verladen steigen wir wieder in den weißen Lieferwagen, um bei den Supermärkten der Stadt nicht mehr verkaufsfähige Lebensmittel abzuholen. Bei Lidl denke ich noch: So schlimm kann es nicht werden. Ein paar Kartons mit Tomaten, Gurken, Salat und anderem Gemüse, außerdem Melonen und ein paar Milchprodukten haben wir schnell verladen. Bei Marktkauf sieht die Sache allerdings schon anders aus: Ein ganzer Gabelstapler mit in grünen Plastikkisten gestapelten Lebensmitteln kommt uns entgegen, darunter Unmengen an Obst und Gemüse. Da wird erst mal eine Vorauswahl getroffen. Ich habe die Aufgabe, Erdbeeren und Himbeeren aus der Plastikverpackung in eine Biotonne zu werfen – die Früchte schimmeln leider schon. Bei der eigentlich leichten Arbeit läuft mir teilweise Fruchtsaft über Hände und Arme, was wiederum Wespen anlockt – ich fluche und wünsche mir ein Waschbecken. Doch das muss warten. Erst mal die guten Lebensmittel verstauen, das heißt: Wieder Kisten schleppen – mittlerweile wünsche ich mir statt Handschuhen eine Kette aus Eiswürfeln. Kollege Viktor Isaak nimmt mir die schwersten Kisten ab, zum Glück.

Die Bananen sind nicht mehr für den Verkauf geeignet

Die Bananen sind nicht mehr für den Verkauf geeignet

Quelle: Margrit Hahn

Zurück bei der Tafel in der Brandenburger Straße geht die eigentliche anstrengende Tätigkeit erst los. Die Nahrungsmittel müssen sortiert werden. Ich bekomme eine Schürze, Messer und Schneidebrett sowie einen Eimer mit Wasser, und schon kann es losgehen. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Manchmal sind in einer Dreier-Packung Paprika zwei Teile noch vollkommen in Ordnung, die andere Paprika ist zerdrückt. So darf es im Geschäft nicht mehr verkauft werden – die Tafel kümmert sich darum, dass diese Lebensmittel nicht im Müll landen, sondern auf dem Teller bedürftiger Menschen. Das gleiche Spiel bei Nektarinen, Kohlrabi, Trauben... Manchmal kann ich keine Mängel entdecken. „Überproduktion, Verpackung beschädigt“, mutmaßt Böck.

Anne-Katrhin Fischer hilft beim Verladen

Anne-Katrhin Fischer hilft beim Verladen

Quelle: Tafel

Sobald eine Kiste mit verzehrfähigen Obst oder Gemüse voll ist, kommt sie in den angrenzenden Raum, in dem später die Ausgabe stattfindet. Also wieder Kisten schleppen. Bis heute hatte ich keine Ahnung, wie schwer Bananen sind. Endlich! Die letzte Kiste Bananen. Mit letzter Kraft hebe ich sie an und merke zu spät, dass drunter noch eine leere war, die mir nun mit Karacho auf den rechten Fuß fällt. Ich führe einen kleinen Schmerzenstanz auf und stöhne. Alles klebt, der Rücken schmerzt schon lange, ich gucke verzweifelt auf die Uhr: Es ist noch nicht mal zehn Uhr! Keine vier Stunden und ich sehne mich nach einer kalten Dusche und einer Runde Mittagsschlaf. Böck und ihre Kollegen sind noch frohen Mutes, also reiße ich mich zusammen. Trotzdem frage ich mich, wer diese Unmengen an Lebensmitteln eigentlich essen soll? Leiterin Böck klärt mich auf: An einem Montag werden bis zu 50 Körbe ausgegeben. Diese können für eine Einzelperson oder Familien mit Kindern gepackt werden. Am Freitag waren sogar 74 Haushalte da, wie Böck erzählt.

Um 12 Uhr geht es dann los – eine Schlange hat sich bereits im Hinterhof gebildet. Christina Schmidt, die seit fast zwei Jahren über eine Maßnahme vom Arbeitslosenverband Brandenburg beschäftigt ist, hat eine Liste der Leute, die sich seit 11 Uhr telefonisch angemeldet haben, vor sich. In eine Kiste kommt jede Menge Obst, Gemüse – ein Päckchen Spinat – und Böck packt für jeden aus der Schlange noch zwei Mousse au Chocolat-Becher, Brot und Brötchen und etwas Wurst oder Käse hinzu. Beide kennen die Kunden genau – einige Familien mit Migrationshintergrund essen kein Schweinefleisch, andere mögen keine Tomaten. Viele geben den Spinat oder andere Dinge zurück, „das ist lieb, Frau Böck, aber das mag ich nicht“, heißt es. Doch Obst und Gemüse, das nicht mehr für den Verzehr geeignet ist, holt einmal täglich ein Bauer aus Jänickendorf als Futter für seine Tiere. Die Tafel sorgt eben dafür, dass die Lebensmittel nicht im Müll landen.

Von Anne-Kathrin Fischer

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