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Einsam im Heim

MAZ-Serie: „In der neuen Heimat“ Einsam im Heim

Wieder hat eine Familie aus dem Heim am Ludwigsfelder Birkenweg ihren Abschiebungsbescheid bekommen. Es waren nicht unbedingt Freunde der Yassins, aber Rabiha fühlt trotzdem mit. Und sie registriert, wie mit jedem Auszug das Leben im Heim ruhiger wird. Es hat sich einiges verändert seit dem Sommer.

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Rabiha Yassin und ihre Tochter Meis halten sich viel in der Wohnung auf. Es ist kalt draußen und im Heim ist ohnehin wenig los derzeit.

Quelle: Oliver Fischer

Ludwigsfelde. Wer das Heim nicht kennt, der könnte es im Schummerlicht dieses Januarabends glatt für einen normalen Wohnblock halten – einen der verlassenen Sorte. Viele Fenster sind dunkel. Auch dort, wo Licht brennt, bewegt sich nichts. Und das einzige, was man hört, ist der blecherne Gesang einer Muezzin-App, die jemanden daran erinnern soll, dass es langsam Zeit fürs Abendgebet ist. Der Gesang kommt aus der Küche der Yassins.

In der Wohnung von Rabiha und Mohammed Yassin passiert gerade mal wieder alles auf einmal. Die kleine Meis hat sich mit ihrer großen Schwester angelegt. Die logische Konsequenz: Geschrei in der Küche, Geschrei im Zimmer, Rabiha versucht zu vermitteln, sie hat aber auch noch ein Blech im Ofen, das dringend raus müsste, und auf dem Kühlschrank schlägt das Telefon seit einer halben Minute Gebets-Alarm. Es passt gerade nicht.

„Mach das doch aus“, sagt Mohammed und verdreht die Augen. Sein Blick sagt, dass er den App-Ruf am liebsten nicht nur jetzt, sondern für immer stumm schalten würde. Aber in diesem Punkt sind die beiden uneins. Anders als ihr Mann hält sich Rabiha relativ streng an die islamischen Regeln, sie betet möglichst fünf mal am Tag und möglichst auch zu den festgesetzten Zeiten. Früher hatte sie die Handy-App deshalb auch dann auf laut gestellt, wenn sie in der Stadt unterwegs war. Sie wollte den Ruf auch im Straßenlärm hören. Das macht sie aber – auch auf Mohammeds Intervention hin – heute nicht mehr. „Es kommt nicht so gut an“, sagt sie. Die Deutschen reagieren verschreckt, manche denken womöglich an Terror. Das muss ja nicht sein.

Mohammed sitzt und sagt nicht viel

In der Wohnung aber ruft der Muezzin weiter. Rabiha stellt ihn nicht ab, und Mohammed lässt ihn auch gewähren. Ihm bleibt nicht viel übrig, das Handy liegt außerhalb seiner Reichweite, und Mohammed kann sich derzeit nicht gut bewegen. Nach dem Fitness-Training ist er durch die Winterkälte heimgeradelt, das bekam seinem Rücken schlecht. Irgendetwas ist gezerrt, die Schmerzen sind erheblich.

Also sitzt Mohammed den ganzen Abend wie festgeklebt auf seinem Stuhl und sagt nicht viel. Damit gibt er ein gutes Sinnbild fürs ganze Heim ab. „Es ist still geworden“, sagt Rabiha.

Das wundert aber auch nicht, sie werden ja immer weniger. Einige mussten das Land verlassen, anderen zogen in Wohnungen, wieder andere sind freiwillig gegangen. Schon im Herbst wurden die beiden Leichbauhallen abgebaut, in denen Anfang 2016 noch zig Flüchtlinge hausten. Auch im Rest der Unterkunft dünnt die Bewohnerschaft aus. Gestern habe wieder eine kurdische Familie ihren Bescheid bekommen. Negativ. Sie müssen nach Bulgarien. Rabiha kann den Mann nicht besonders gut leiden, dennoch tut ihr die Familie leid. „Wenn sie weg sind, werde ich zwei Tage lang eine Leere spüren“, sagt sie. Aber dann gehe alles weiter wie immer. Sie hat das schon öfter durch.

Immer weniger Syrer leben im Heim

Zu ihrem Leidwesen leben auch immer weniger Syrer im Heim. „Sechs Familien plus zwei Paare ohne Kinder“, rechnet Rabiha vor. Geblieben sind vor allem die Afrikaner, die nicht viel reden. Es gibt auch noch einige Iraner, Afghanen, eine pakistanische Familie. Alle kennen sich vom Sehen, man ist freundlich zueinander, nickt sich zu. „Aber großen Austausch gibt es nicht. Vielleicht liegt es ja am Winter.“

Auch die Deutschen seien weniger geworden. Viele Helfer, die in der ersten Zeit mit den Kindern spielten oder Dinge vorbeibrachten, hat Rabiha seit Monaten nicht mehr gesehen. „Auch das ist schade“, sagt sie. Dann verschwindet sie für eine Weile aus der Küche. Das kommt öfter vor. Meistens füttert sie dann Meis. Oder sie betet.

Die syrische Familie Yassin ist vor dem Bürgerkrieg geflohen und lebt jetzt im Ludwigsfelder Flüchtlingsheim am Birkengrund. Die MAZ begleitet sie und berichtet wöchentlich.

Von Oliver Fischer

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