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Ende eines harten Jahres

MAZ-Serie: „In der neuen Heimat“ Ende eines harten Jahres

Kurz nach Weihnachten ist bei den Yassins in Ludwigsfelde noch mal die Küche voll. Freunde von früher haben vorbei geschaut, die inzwischen in Halle leben und die zufällig in der Gegend waren. Und auch Sadam ist da, ein alter Bekannter, der den Yassins in der Anfangszeit oft geholfen hat. Man tauscht Erfahrungen aus. Was ist schon erreicht? Was wird noch kommen?

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Rahiv (2.v.l.), Alaa (M.) und Sadam (r.) berichten über die Erfahrungen, die sie 2016 gemacht haben.

Quelle: Oliver Fischer

Ludwigsfelde. Was sie von 2016 in Erinnerung behalten wird? Rabiha Yassin überlegt nicht lange. „Die Erschöpfung“, sagt sie. Das zu allererst. Natürlich auch die guten Dinge, die viele Hilfe, die neu gewonnenen Freunde. Aber in erster Linie doch die bleierne Schwere, die monatelang über der gesamten Familie lag. Die Ängste, die ihren Mann Mohammed so niederdrückten, dass er zwischenzeitlich kaum mehr aß und immer dünner wurde. Die düsteren Gedanken, die Rabiha nächtelang wach liegen ließen. Die Angst vor der Ausweisung, die Hürden, die sich wegen des laufenden Abschiebe-Verfahrens vor ihnen auftürmten. „Das war ein hartes Jahr“, sagt Rabiha. Aber sie grinst so breit dabei wie seit Monaten nicht mehr. Denn das Jahr neigt sich dem Ende zu. „Und das nächste wird nicht nur ein neues Jahr, es wird der Start in ein neues Leben“, sagt Rabiha.

Die Anzeichen dafür sind tatsächlich unübersehbar. Alles, was in den vergangenen zehn Monaten misslang, scheint plötzlich zu klappen. Drei Mal haben sie bisher einen Anlauf gestartet, einen Deutschkurs oder einen Integrationskurs zu belegen. Jedes Mal untersagte das Bundesamt für Migration ihnen wegen ihrer schlechten Bleibeperspektive die Teilnahme. Nun aber kam ein neuer Brief vom Bundesamt: Weil ihr Dublin-Verfahren zu den Akten gelegt wurde, habe sich die Sachlage geändert. Sie dürften jetzt gerne einen Kurs belegen. „Gleich im neuen Jahr melden wir uns an“, sagt Rabiha. Auch den Weg danach hat sie jetzt klar vor Augen. Noch im Januar werden sie ihr Asyl-Gespräch haben. Dann dauert es nicht mehr lange bis zur Anerkennung. „Und danach werde ich suchen wie die J

Zeitgleich geflohen

Der Witz mit Interpol sorgt für Gelächter, nicht nur bei Mohammed. Die Yassins haben jetzt Besuch. Alte Freunde haben kurz mal vorbeigeschaut, ein syrisches Ehepaar, Rahiv und Alaa. Die Familien kennen sich seit Jahren. Sie sind etwa zeitgleich aus Syrien geflohen, haben in der Türkei in der gleichen Stadt gelebt und sich auch fast zeitgleich von dort auf den Weg nach Europa gemacht. Rahiv und Alaa sind in Halle gelandet, wo auch ihr Sohn geboren wurde. „Er ist ,made in Germany’“, sagt Mohammad. Das muss gut sein.

Rahiv und Alaa sind zufrieden mit ihrem Leben in Halle. Die Stadt sei schön. Gleich nach ihrer Ankunft haben sie eine Wohnung bekommen, 55 Quadratmeter, gut gelegen, völlig ausreichend. Nur Arbeit gebe es leider kaum. Rahiv war in Syrien Englisch-Lehrerin, Alaa hat in einer Kunststoff-Recycling-Anlage gearbeitet. Er ist inzwischen über 40, einen vergleichbaren Job wird er in Halle kaum finden. „Ich würde gerne eine Ausbildung machen“, sagt er. Bei der Arbeitsagentur hätten sie ihm diesbezüglich auch Hoffnung gemacht. Er müsse nur besser deutsch sprechen. Mohammed schaut zu Boden. Deutsch, das alte Problem.

„Die Sprache ist das Allerwichtigste“

Ein anderer Gast in der Runde nickt. „Die Sprache ist das Allerwichtigste“, sagt er. Es ist Sadam, ein alter Bekannter, der den Yassins in der ersten Zeit im Heim oft geholfen hat. Zum Ende des Jahres wollte auch er sich noch einmal blicken lassen. Zuletzt war der Kontakt spärlich geworden. Er hatte kaum Zeit für Besuche, er musste lernen, sagt er. Inzwischen hat er alle Deutschkurse absolviert, die man machen kann: A1, A2, B1, B2, C1. Er spricht fast wie ein Muttersprachler, Textnachrichten verfasst er auf Deutsch schneller als auf Arabisch. „Ich liebe die Sprache“, sagt er.

Sadam schwärmt von der Stärke des deutschen Idioms, von den klaren Regeln, von den schönen Sätzen, die man mit reflexiven Verben oder Perfekt-Konstruktionen bilden kann. Und dann schwärmt er von Deutschland. „Als ich ankam, habe ich kein Wort verstanden und hatte nur die Sachen, die ich am Leib trug. Das Land hat mir alles gegeben. Es hat mich versorgt, mir eine Wohnung und die Sprachkurse bezahlt. Deutschland ist wie mein Vater und meine Mutter für mich“, sagt er. Deshalb habe er nur Verachtung übrig für die kriminellen Asylbewerber, die Regeln brechen, Frauen vergewaltigen, Anschläge verüben, Obdachlose anzünden. „Aber so wie es nicht nur gute Deutsche gibt, gibt es auch nicht nur gute Araber, das ist einfach so“, sagt er.

Bester Eindruck

Sadam bemüht sich deshalb immer darum, den besten Eindruck zu hinterlassen. Das hat ihm inzwischen einen Job beschert, wie ihn auch viele seiner Landsleute gerne hätten. Er arbeitet bei Daimler in Ludwigsfelde.

Ursprünglich hätte man ihm einen Job am Fließband in Aussicht gestellt, sagt Sadam. Aber das habe er abgelehnt. „Ich habe andere Ziele.“ Die klaren Vorstellungen imponierten den Vorgesetzten offenbar. Sadam absolviert jetzt eine Einstiegsqualifizierung. Daran soll eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker oder zum Industriekaufmann anschließen. Sadam hat schon die Theorieprüfung für den Kranführerschein bestanden, er weiß wie man die Wörter Achsvermessung und Anlasser ausspricht und kann einen Anlasser auseinanderbauen und wieder zusammensetzen. „Nach der Ausbildung will ich meinen Meister machen“, sagt er. Und was danach kommt, wird die Zeit zeigen.

Mohammed hat aufmerksam zugehört. Er erinnert sich gern an sein Praktikum beim Ausbildungswerk ZAL. Es waren gute zwei Monate, er hat mal wieder gearbeitet und etwas gelernt dabei. Und natürlich hofft er, dass auch er am Ende bei Mercedes unterkommt. Aber bis dahin ist es für ihn noch ein weiter Weg, über den man ab Januar genügend nachdenken kann. Vorher aber wird noch gefeiert.

Knaller und Raketen

Rabiha hat sogar überlegt, am Silvester-Abend nach Berlin-Neukölln zu fahren, aber davon nimmt sie wohl doch lieber Abstand. Zu gefährlich. „Feuerwerk gibt es ja auch über Ludwigsfelde", sagt sie. Und ein paar Euro werden sie wahrscheinlich sogar selbst in Knaller und ein paar Raketen investieren. Ist doch klar. Wenn 2017 Gutes bringen soll, muss es anständig begrüßt werden.

Familie Yassin ist vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen und lebt in der Ludwigsfelder Flüchtlingsunterkunft am Birkengrund. Die MAZ begleitet sie und berichtet wöchentlich über ihr Leben in Deutschland.

Von Oliver Fischer

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