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Endliche eine berufliche Perspektive

MAZ-Serie: „In der neuen Heimat“ Endliche eine berufliche Perspektive

Es geht ein Stückchen vorwärts bei Familie Yassin aus Ludwigsfelde. Nachdem Mohammed und Rabiha vor zwei Wochen ihr lang ersehnter Sprach- und Integrationskurs verweigert wurde, hat Mohammed nun eine zwölfwöchige, berufsorientierte Fortbildung begonnen. Seine berufliche Zukunft könnte in der Metallverarbeitung liegen.

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ZAL-Ausbilder Bassam Tabbab (l.) ist zufrieden mit der Arbeit von Mohammed Yassin.

Quelle: Anja Meyer

Ludwigsfelde. Mit blauem Arbeitsanzug, dunkelgrüner Schweißerbrille und weißen Handschuhen steht Mohammed Yassin an der Werkbank und begutachtet sein Tageswerk: Zehn millimeterdicke Schweißnähte auf einem kleinen Stück Metall, nebeneinander, eine gerader als die andere – konzentriert hat Mohammed sie in den vergangenen Stunden geschweißt. Er sieht zufrieden aus, genauso wie sein Ausbilder Bassam Tabbab, der die Schweißnähte ebenfalls anschaut. Schweißen, das klappt. Schweißer, das könnte doch was für die nahe Zukunft sein.

Zwölf Wochen im Vorbereitungskurs

Es ist Dienstag, der siebte Tag von Mohammeds sogenannter Eignungs- und Kenntnisfeststellung für Flüchtlinge im Zentrum für Aus und Weiterbildung Ludwigsfelde-Luckenwalde (ZAL). Ein sperriger Name für eine ganz praktisch angelegte Sache: Zwölf Wochen lang wird Mohammed zusammen mit zwei anderen Flüchtlingen auf den Eintritt in den regionalen Arbeitsmarkt vorbereitet. In den ersten vier Wochen testet er seine persönlichen Talente im gewerblich-technischen Bereich: Kfz-Technik, Schweißen, Zerspanung und Lagerlogistik gehören dazu. In der Woche zuvor ging es um Automotoren, in dieser ums Schweißen.

Möglichst bald soll feststehen, in welche berufliche Richtung es für alle gehen könnte. Dann werden Mohammed und seine Mitstreiter in ihrem gewählten Bereich weiter geschult. Dazu kommen Informationen über den regionalen Arbeitsmarkt und berufsbezogenes Deutsch. Den Kurs finanziert das Jobcenter. Nach zwölf Wochen könnten die Flüchtlinge so halbwegs fit für den hiesigen Arbeitsmarkt sein. Soweit die Theorie.

Sprache ist ebenso wichtig wie Fachkenntnisse

Dass es in der Praxis etwas anders aussieht, weiß Ulrich Krüger, Geschäftsführer des ZAL. Er hat die Kurse für Flüchtlinge mit seinen Kollegen ins Leben gerufen, um Flüchtlingen eine Perspektive zu bieten und dem Fachkräftemangel in der Region entgegenzuwirken. Für Mohammed sieht er in der Metallverarbeitung gute Chancen, Schweißer werden immer gesucht. Allerdings: „Solange das mit dem Deutsch nicht besser wird, wird es schwierig.“ Kleine und mittelständische Unternehmen hätten keine Möglichkeiten, Übersetzer zu beauftragen, die zum Beispiel die Sicherheitsanweisungen übersetzen. Und diese zu kennen, ist elementar.

Während des ZAL-Kurses übernimmt das Bassam Tabbab, einer der neu eingestellten Ausbilder für Flüchtlinge, die Aufgabe. Der 60 Jahre alte Syrer kam im vergangenen Jahr nach Ludwigsfelde. Er ist Ingenieur für Kfz-Technik, hat in den Achtzigern zwei Jahre lang in Karlsruhe studiert und später in Damaskus an der Universität gelehrt. Ein Glücksgriff für das ZAL, wie Ulrich Krüger sagt. Während des Kurses übersetzt Tabbab, spricht mit den Flüchtlingen über ihre Interessen und bewertet ihre Leistung gemeinsam mit den anderen Ausbildern. Außerdem gibt er seinen Teilnehmern täglich neue, deutsche Wörter mit nach Hause. Das Wort Schutzbrille hat Mohammed heute bestimmt schon 20 mal gehört.

Sprachkurs wurde verweigert – wegen Dublin-Verfahren

Aber der ZAL-Kurs ist eben nicht so breit angelegt, wie der Kompass-Kurs, den Mohammed und seine Frau Rabiha ursprünglich besuchen sollten. Der wäre über neun Monate gegangen und hätte neben einer Berufsorientierung vor allem auch Sprachunterricht beinhaltet. Mohammed hatte den Kurs schon zwei Tage lang besucht, bis das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge die Finanzierung verweigerte – wegen des noch laufenden Dublin-Verfahrens der Familie. Gerade für Rabiha ein Rückschlag, für sie gibt es bislang noch keine Alternative. Allerdings für Mohammed.

Wie immer blicken die Eheleute bei jedem neuen Schritt, den sie in Ludwigsfelde gehen dürfen, positiv in die Zukunft. Das beteuern sie später in der kleinen Küche ihrer Wohnung im Asylbewerberheim am Birkengrund. Mohammed ist froh, dass er jetzt etwas zu tun hat. Der Kurs mache ihm Spaß, sagt der gelernte Schiffsmechaniker.

Traum vom Job auf einem Schiff

„Auf dem Schiff muss man sowieso alles können, auch schweißen.“ Deshalb war die heutige Übung gar nicht so neu für ihn. Der Wunsch, eines Tages wieder auf einem Schiff arbeiten zu können, ist immer noch groß. Dass es in Ludwigsfelde nichts wird, ist ihm klar, mit einem Job als Schweißer wäre er jetzt erst einmal sehr zufrieden. Seine Frau Rabiha stimmt ihm zu. „Hauptsache eine Arbeit. Der Rest findet sich dann schon“, sagt sie

Info: Die Familie Yassin ist vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen und lebt jetzt in Ludwigsfelde. Die MAZ berichtet wöchentlich über ihr Leben in Deutschland. Alle Folgen: www.maz-online.de/ Brandenburg/Eine-syrische-Familie-hofft-auf-einen-Neustart

Von Anja Meyer

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