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Er trotzt der Krise um die Unternehmensnachfolge

Dahmeland-Fläming Er trotzt der Krise um die Unternehmensnachfolge

Die Betriebe in der Region Dahmeland-Fläming haben ein Chef-Problem. Im Landkreis Dahme-Spreewald beispielsweise gibt es mehr als 11 000 Betriebe, deren Geschäftsführer älter als 60 Jahre sind. Gleichzeitig fehlt es an Nachfolgern.

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Andreas Klaue wurde für seinen Mut zur Selbstverwirklichung belohnt: Das Geschäft brummt.

Quelle: Josefine Kühnel

Dahmeland-Fläming. „Es läuft sehr gut. Die Umsätze sind höher als in den vergangenen drei Jahren“, sagt der 33-jährige Andreas Klaue mit einem zufriedenen Lächeln. Den Reifendienst Tauchmann in Zeuthen übernahm er zum Jahreswechsel. Diese Entscheidung bereut er keine Sekunde lang.

Was nach einer belanglosen Übernahme klingt, hat sich in der Region zu einer echten Herausforderung entwickelt: Die Unternehmen finden keine Nachfolger mehr. „Grundsätzlich zieht sich das Problem im Landkreis Dahme-Spree durch alle Branchen, aber der Dienstleistungssektor und die Gastronomie sind besonders stark betroffen“, sagt Jana Frost von der Industrie-und Handelskammer (IHK) Cottbus. Etwa ein Fünftel der Unternehmen ist betroffen.

Echte Herausforderung

Aus der Broschüre „Wirtschaftsentwicklung im Zahlenspiegel 2016/2017“ der IHK Cottbus und der Handwerkskammer (HWK) Cottbus geht hervor, dass die Entscheidungsträger in den Unternehmen des Landkreises Dahme-Spreewald immer älter werden. Nach aktuellem Stand werden mehr als 9000 Betriebe der Industrie und des Handels und 2300 Handwerksbetriebe von Inhabern oder Geschäftsführern geleitet, die über 60 Jahre alt sind. Im Jahr 2010 waren das noch 6044 Unternehmen der Industrie-und Handelskammer und 1742 Mitgliedsunternehmen der Handwerkskammer. Am stärksten betroffen sind demnach die Wirtschaftszweige Handel und Dienstleistungen, das Elektro- und Metallgewerbe sowie alle Bereiche des Baugewerbes.

Die Handwerkskammer Potsdam hat im Oktober 2015 eine Umfrage zur Betriebsnachfolge im Handwerk erhoben. Im Landkreis Teltow-Fläming ergab die Auswertung, dass nur 58 Prozent aller in die Handwerks- und Gewerberolle eingetragenen Inhaber jünger als 51 Jahre sind. Bei den zulassungspflichtigen Handwerken waren es mit nur 49 Prozent sogar noch weniger. Bei den zulassungsfreien Handwerken 69 Prozent. Zudem befand sich bereits 2015 jeder zwanzigste Inhaber im Rentenalter, wobei der Anteil in den zulassungspflichtigen Handwerken doppelt so hoch war wie in den sonstigen.

Betriebsübergaben stehen an

Betrachtet man die Altersgruppe 56 Jahre und älter, dann zeigt sich, dass in den nächsten acht Jahren bei einem Viertel aller Einzelunternehmer eine Betriebsübergabe ansteht. Das sind allein für den Handwerkskammerbezirk Potsdam mehr als 2400 Betriebe. Das wird durch die Ergebnisse der aktuellen Umfrage bestätigt. 19 Prozent aller Befragten planen in den nächsten Jahren ihren Betrieb zu übergeben, sieben Prozent planen die Schließung. Problematisch ist, dass mehr als 90 Prozent dieser Betriebe mit einem zulassungspflichtigen Handwerk eingetragen sind.

Jana Frost von der IHK Cottbus mahnt zu rechtzeitigen Vorkehrungen: „An sich sollten sich Inhaber bereits mit Ende 50, Anfang 60 das erste Mal mit dieser Thematik auseinandersetzen. Immer wieder sehen wir Unternehmen, in denen die Inhaber keine Vorsorge für Notfallsituationen getroffen haben und dann vor schwer lösbaren Problemen stehen.“ Daher ist laut Jana Frost eine rechtzeitige Vorsorge, im Idealfall verbunden mit einer Nachfolgeregelung, sinnvoll. Bis eine Übergabe erfolgreich abgeschlossen ist, können durchaus drei bis fünf Jahre vergehen.

Anreiz ist nicht sehr groß

Der Anreiz ist für viele junge potenzielle Unternehmensübernehmer nicht so groß, weiß Manja Bonin von der Handwerkskammer Cottbus: „Die Konjunktur sorgt dafür, dass viele Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt gebraucht werden. Deshalb gründen viel weniger junge Menschen Betriebe. Dass die Gründerprämie von der Bundesagentur für Arbeit nur noch freiwillig ist, trägt sein Übriges dazu bei.“

Ein weiterer Faktor ist laut Jana Frost die Unternehmensgröße. Große Unternehmen stellen auch größere Anforderungen an den potenziellen neuen Inhaber: „Da werden sich kaum Berufsanfänger herantrauen.“ Deshalb raten die Kammern den Unternehmern, sich rechtzeitig Rat und Unterstützung zur Unternehmensnachfolge bei ihrer jeweils zuständigen Kammer einzuholen. Die Unterstützung ist umfangreich: Bei den IHK können Interessenten Gespräche bei den Geschäftsstellen vereinbaren. In den jeweiligen Fachabteilungen findet dann weitergehende Fachberatung statt. Hierfür steht zum Beispiel die Unternehmensbörse „nexxt-change“ zur Verfügung, eine Internetplattform, an der neben anderen Partnern das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie beteiligt ist.

Anonym einen Nachfolger suchen

Dort können sich die Unternehmen anonym vorstellen und nach einem Nachfolger suchen. Die Interessenten melden sich mit der jeweiligen Chiffre-Nummer des anonymen Unternehmens beim entsprechenden Regionalpartner. Dieser prüft die Eignung und Ernsthaftigkeit des Kontakts und stellt im Optimalfall den Kontakt her.

Den Mitgliedern der HWK wiederum steht eine kostenfreie Unternehmensberatung zu. Dabei werden sie vom Erstgespräch über die Unternehmensbewertung, Finanzierungspläne, den Businessplan, die Nachfolgersuche und sogar bei der Einarbeitung des Nachfolgers bis hin zur letztendlichen Unternehmensübergabe begleitet. Mischbetriebe wie zum Beispiel Bäcker oder Autohäuser können sich ebenfalls von der HWK beraten lassen.

Rainer Tauchmann suchte selbst nach jemandem, der seine Firma übernehmen würde. Er bat Verwandte und Freunde, sich umzuhören. Zufällig war einer von ihnen mit Andreas Klaue befreundet. Nachdem sich der 33-jährige Kfz-Meister und Service-Techniker den Betrieb ansah und alles von einem Rechtsanwalt prüfen ließ, kam es schon am 20. Dezember zum Notartermin. Er sicherte Rainer Tauchmann zu, alle neun Beschäftigten zu übernehmen. Mit diesem Versprechen stach der Zeuthener seinen Mitbewerber aus. Ab September bildet Andreas Klaue erstmals einen Azubi zum Kfz-Mechatroniker aus.

Keine Angst vorm Risiko

Bevor Klaue das Angebot bekam, arbeitete er in einem Autohaus in Berlin. Doch auch, wenn die Nachfrage in der Region hoch ist, wollte er nie selbst ein Autohaus besitzen. „Autohäuser sind so steril und anonym. Da hat mir der alte Betrieb hier viel besser gefallen, weil alles so verwinkelt ist und man sehen kann, wie die Leute arbeiten und man hat persönlichen Kontakt mit den Kunden und allen Mitarbeitern. Außerdem sind Reifen ein Muss, die braucht man immer“, sagt Andreas Klaue. Doch dahinter steckt harte Arbeit: „Wir haben hier alles modernisiert, sind in die sozialen Netzwerke gegangen, bieten zusätzlich Kfz-Service an und bekommen auch bald eine moderne Telefonanlage.“ Angst vor dem Risiko hatte Andreas Klaue nicht: „Man muss sich auch mal was trauen. Selbst wenn du mal hinfällst, stehst du danach wieder auf und machst weiter. Ich bekomme auch viel Unterstützung von meiner Familie.“

Die Unternehmensübernahme des Reifendienstes Tauchmann ist ein Beispiel einer erfolgreichen Übernahme. Die wirtschaftliche Lage in der Region ist sehr gut. Deshalb appellieren die Kammern auch, mutig zu sein und über eine Gründung nachzudenken. Sie wünschen sich allerdings mehr Unterstützung von anderer Stelle, wie Manja Bonin der HWK Cottbus sagt: „Unser Appell richtet sich auch an die Landesregierung. Viele Bundesländer fördern Nachfolgemoderatoren. Bis 2014 war das auch in Brandenburg so. Die brauchen wir wieder, um die Unternehmen dafür zu sensibilisieren und potenzielle Nachfolger zu finden. Brandenburg hat viele gute Unternehmen, da lohnt es sich, diese zu übernehmen und sich selbstständig zu machen.“

Von Josefine Kühnel

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