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Fasten in der Fremde

Ramadan in Dahmeland-Fläming Fasten in der Fremde

Am Donnerstag endet die 30-tägige Zeit des Verzichts für Muslime auf der ganzen Welt. Die muslimischen Flüchtlinge in Dahmeland-Fläming verbringen diese wichtige Zeit fernab ihrer Familie und Heimat – oft zum ersten Mal in ihrem Leben. Ein Besuch beim abendlichen Fastenbrechen Iftar der syrischen Gemeinschaft im Asylbewerberheim in Großbeeren.

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Arabisches Buffet in Großbeeren: Feras Younis, Anne Schmidt und Muaaz Alfawal (v.l.n.r.) beim gemeinsamen Iftar

Quelle: Anja Meyer

Großbeeren. Feras Younis sieht zufrieden aus. Vor ihm auf dem langen Tisch stehen so viele traditionelle Speisen aus seiner Heimat, dass eine Großfamilie davon gut drei Tage lang essen könnte: Köfte, frittierte Kartoffeln, Leber, Reis, gefüllte Aubergine, Salat mit Minze, gebackenes Hühnchen im Teig, Brot-Kichererbsen-Auflauf mit Joghurt – um nur ein paar Gerichte zu nennen.

Feras ist heute Gastgeber des Iftar, wie das Mahl zum abendlichen Fastenbrechen während des Ramadan auf Arabisch heißt. „Das Schönste am Iftar ist, mit der Familie und Freunden zusammen zu sein“, sagt Feras. Im Aufenthaltsraum im dritten Stock des Großbeerener Asylbewerberheims empfängt der 22-jährige Syrer die Menschen, die ihm wichtig sind und heute bei ihm sein können.

Alaa Bakran aus Syrien mit den frisch zubereiteten Köfte-Frikadellen

Alaa Bakran aus Syrien mit den frisch zubereiteten Köfte-Frikadellen.

Quelle: Anja Meyer

Das sind vor allem seine syrischen Freunde, die er im Heim kennengelernt hat. Sie haben ihm beim Vorbereiten in der kleinen Gemeinschaftsküche geholfen. Während des Fastenmonats Ramadan ist jeder von ihnen im Wechsel der Gastgeber. Seit dem 18. Juni fasten Feras und seine Freunde, so wie es zurzeit alle Muslime auf der ganzen Welt tun.

Von der Morgenröte bis zum Sonnenuntergang sind Essen, Trinken und Zigaretten verboten. Davon ausgenommen sind Kinder, Alte, Kranke, Schwangere und Reisende. Die tägliche Askese ist für Gläubige eine Zeit der Besinnung und der Nächstenliebe – in der sie Gott näher kommen und Geld für Bedürftige spenden. Um Punkt 21.35 Uhr deutscher Zeit wird das Fasten mit einem gemeinsamen Gebet und dem großen Festessen gebrochen. Bis um 2.30 Uhr nachts darf gegessen und getrunken werden. Gleich ist es endlich soweit.

„Sakha ohana, guten Appetit“, sagt Feras, um das Buffet zu eröffnen und etwas Feierliches schwingt in seiner Stimme mit. „Na los, nehmt euch Essen“, fordert er seine elf Gäste auf, die zusammengekommen sind. Natürlich gibt es neben ihnen noch mehr Menschen, die Feras wichtig sind und die er gerne eingeladen hätte. Aber die sind weit weg.

Da sind vor allem seine Eltern, die drei Brüder und sechs Schwestern, die aus Angst vor Tod und Repressalien in ihrem Heimatland in die Türkei geflüchtet sind. Als einziges Kind seiner Eltern ist Feras nach Deutschland geflohen – einen Monat lang ist er zu Fuß über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien und Ungarn bis nach München gelaufen.

Zwei Cousins von ihm sind ebenfalls nach Deutschland gekommen. Feras hat sie am Nachmittag mit Bus und Bahn aus dem Asylbewerberheim in Berlin abgeholt – so kommt wenigstens ein kleiner Teil der Familie zum Iftar zusammen. Und Feras hat Sandra Beversdorf und Anne Schmidt eingeladen. Die beiden Frauen aus Großbeeren haben Feras von Anfang an das Gefühl gegeben, willkommen zu sein. Es sei für ihn eine Herzensangelegenheit, sie jetzt dabei zu haben, sagt er .

„Du musst das unbedingt probieren“, sagt Feras zu Anne Schmidt und füllt ihr ein paar Köfte – eine Art arabische Frikadelle – auf den Teller. „Und das hier auch, das schmeckt so gut“ sagt er und gibt noch einen großen Löffel von dem Brot-Kichererbsen-Auflauf mit Minzjoghurt dazu. Anne Schmidt probiert. „Lecker!“, sagt sie. Seit sie Feras kennt und er ihr die Zubereitung von Minzjoghurt gezeigt hat, ist es ihr Lieblingsdip.

Kennengelernt hat sie Feras vor ein paar Monaten im Asylbewerberheim. Anne Schmidt wollte schauen, ob sie irgendwie helfen kann. „Als ich Feras getroffen habe, war ich fasziniert, wie gut er Deutsch spricht“, erinnert sich die Großbeerenerin. Er hat es sich selbst beigebracht, mit einem Kurs im Internet. Feras habe sie an ihren Sohn erinnert, der im gleichen Alter ist, erzählt Schmidt. „Er vermisst seine Familie ja so, deshalb bin ich jetzt seine Großbeerener Nenn-Mama“, sagt sie.

Für das Iftar ist Anne Schmidt mit Feras am Vortag zum Einkaufen nach Berlin gefahren. Muslime dürfen nur halal-geschlachtetes Fleisch essen, das gibt es in Großbeeren nicht. Sandra Beversdorf hat auf dem Rückweg von ihrer Arbeitsstelle in Berlin-Neukölln arabisches Brot und eingelegte Zucchini mitgebracht.

„Eigentlich wollte ich heute auch fasten“, sagt Anne Schmidt. Geschafft hat sie es nicht. Für Feras und seine Freunde ist es kein Problem, tagsüber auf Essen und Trinken zu verzichten – selbst bei großer Hitze nicht. „Das ist nichts gegen die Sonne in Syrien“, sagt Feras. Körperlich falle ihm der Ramadan in Deutschland leichter, auch weil er hier nicht arbeitet.

Aber emotional sei es viel schwieriger, sagt er. Es ist eine Zeit, in der er Familie und Heimat umso mehr vermisst. Am 16. Juli endet die Fastenzeit mit dem dreitägigen Zuckerfest. Ein Fest, das vor allem für Kinder sehr wichtig ist. Die gibt es im Großbeerener Heim zwar nicht, Feras und seine Freunde wollen trotzdem feiern.

Von Anja Meyer

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