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Teltow-Fläming Feldbetten im Kirchturm als Mahnung
Lokales Teltow-Fläming Feldbetten im Kirchturm als Mahnung
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19:29 28.04.2014
Heimatforscher Dietrich Maetz und Pfarrerin Julia Daser vor ihrem Aufstieg auf den Kirchturm. Quelle: Margrit Hahn
Luckenwalde

Nach 63 Jahren ist Dietrich Maetz jetzt zum ersten Mal wieder die Stufen zur Turmspitze der Luckenwalder Jakobikirche hinaufgestiegen – gemeinsam mit Pfarrerin Julia Daser. Der 76-jährige Luckenwalder Heimatforscher war 1951 in Vorbereitung auf seine Konfirmation zum letzten Mal mit dem damaligen Pfarrer Heinz Bluhm auf den Kirchturm geklettert. Was er dort gesehen hat, ließ ihn bis heute nicht los. „Dort oben stehen drei Feldbetten“, erzählt er und erinnert sich genau an die Geschichte, die Pfarrer Bluhm damals den staunenden Jugendlichen berichtete. Die Wehrmacht hatte den Kirchturm, da er das höchste Gebäude der Stadt war, als Beobachtungspunkt genutzt. Die Soldaten, die sich in der Wache abwechselten, schliefen gleich im Turm.

„Ein Klassenkamerad fragte den Pastor, warum denn die drei Betten noch im Turm stünden, der Krieg sei doch längst vorbei“, erinnert sich Maetz. „Und Pfarrer Bluhm sagte, die lässt er als Erinnerung und Mahnung für die Sinnlosigkeit des Krieges stehen.“ Pfarrer Bluhm habe oft von der Kriegszeit gesprochen und davon, dass endlich Friede herrschen möge. Später sei er sehr aktiv im Friedensrat tätig gewesen. „Als ich 19 war, wurde ich dann selbst im Friedensrat aktiv“, sagt Maetz heute.

Seinen Religionsunterricht erlebte Dietrich Maetz zunächst in der alten Steinschule, ab Herbst 1946 in der Sakristei der Sankt-Jakobikirche. Damals herrschte große Not, alles war knapp, nicht nur Essen und warme Kleidung, auch Wohnraum und Heizmaterial. Deshalb wurden zu Beginn der kalten Jahreszeit an verschiedenen Stellen der Stadt Wärmestuben eingerichtet. Auch die Sakristei wurde so genutzt. „So kam es, dass sich während des Religionsunterrichts manchmal dort auch Frierende aufwärmten“, berichtet Maetz.

Stumme Zeitzeugen – die drei Feldbetten wurden im Zweiten Weltkrieg von Wachposten der Wehrmacht in der Kirchturmspitze genutzt. Quelle: MAZ

Die Feldbetten im Kirchturm hat er nie vergessen. „Wenn ich bei Stadtführungen über die Jakobikirche spreche, erzähle ich gelegentlich auch die Geschichte von den Feldbetten im Kirchturm“, sagt er. Damals sei ihm durchaus mulmig gewesen beim Aufstieg auf den Turm. „Als 13-Jährigem war mir das irgendwie unheimlich“, sagt Maetz und ist sich sicher: „Wenn die Russen damals von dem Beobachtungsposten gewusst hätten, wäre die Kirche in die Luft gejagt worden.“

Nach mehr als einem halben Jahrhundert hat es den Luckenwalder nun wieder in luftige Höhe verschlagen. Noch vom ehemaligen Pfarrer Detlev Riemer hatte er erfahren, dass die Betten immer noch im Kircheninnern zu finden sind. Wie angekündigt soll der Kirchturm in den nächsten Wochen saniert werden. Maetz hatte Sorge, dass die Betten im Zuge der Bauarbeiten entrümpelt werden könnten, weil man sich deren historischer Bedeutung nicht bewusst ist. „Ich habe Pfarrerin Julia Daser gebeten, dass die Betten als stilles Mahnmal ,Nie wieder Krieg’ an ihrem Platz bleiben“, sagt Maetz, „vielleicht kann eine Tafel angebracht werden, die den Turmbesteigern vermittelt, warum sie dort stehen.“

Bei Julia Daser findet Dietrich Maetz sofort Gehör und großes Interesse. „Ich bin ganz fasziniert von der Geschichte. Ich kenne nur die geschönte Variante, nämlich, dass im Krieg Menschen auf der Flucht im Kirchturm versteckt wurden“, sagte die 36-Jährige. Gemeinsam mit Maetz stiefelt sie die Stufen zu dem Podest hinauf, auf dem die drei Betten noch immer nebeneinander stehen. Aus Holz zusammengezimmert und mit Stroh gefüllt, leicht verstaubt, aber authentisch. Schätzungsweise in 35 bis 40 Metern Höhe, unterhalb von Glocken, Zifferblatt und Lamellen thronen sie als stumme Zeugen des Krieges. Weil sich Julia Daser nicht sicher ist, ob das hölzerne Podest auch wirklich trägt, muss vorerst gebührender Abstand gehalten werden. „Das Unbehagen von damals verspüre ich heute nicht mehr“, sagt Maetz, „aber es geht mir sehr ans Herz.“

Geschichte der Kirche

Die Jakobikirche ist mit 72 Metern das höchste gemauerte Bauwerk in Luckenwalde. Es bietet 2000 Menschen Platz.
Das Gotteshaus wurde in den Jahren 1892 bis 1894 errichtet. Der Baustil lehnt sich stark an romanische Motive an. Weit gespannte Sterngewölbe und kräftige Strebepfeiler repräsentieren die Gotik. Die Gewölbe zählen zu den größten der Neuzeit.
Die Glasmalereifenster wurden im königlichen Institut für Glasmalerei in Berlin-Charlottenburg in einem aufwendigen, farbigen Stil hergestellt. Mit der Restaurierung konnte dank Spenden 2009 begonnen werden.
Die Turmuhr von 1893 stammt aus der Berliner Großuhrenfabrik C.F.Rochlitz.
Die Orgel wurde 1894 von den Gebrüdern Dinse als zweimanualiges Werk errichtet und später erweitert.
Im Jahr 2006 hat sich ein Förderverein gegründet. Er will das Denkmal erhalten und weitere Nutzungsmöglichkeiten entwickeln.

Wie mögen die schweren Möbel wohl damals in zig Meter Höhe gelangt sein, wo die schmalen Treppen doch schon für eine Person eine Herausforderung sind? „Wahrscheinlich wurden die Holzbretter einzeln hochgeschleppt und im Turm erst zusammengenagelt“, sucht Maetz nach einer plausiblen Erklärung. Dass einer von den Kirchen-Wachposten aus den 1940er Jahren noch leben könnte, hält er für unwahrscheinlich. „Aber vielleicht erinnern sich Kinder oder Enkel an derartige Erzählungen“, hofft Maetz.

Für Pfarrerin Daser ist es beschlossene Sache, die Betten auch nach der Restaurierung als Mahnmal gegen den Krieg stehen zu lassen. „Für mich ist das ein ganz fester Bestandteil der Geschichte“, sagte sie der MAZ. Auch ihren jungen Konfirmanden will sie von den bewegenden Ereignissen erzählen und Dietrich Maetz als Zeitzeugen in den Konfirmandenunterricht einladen.

Künftig soll auch anderen Interessierten die Möglichkeit geboten werden, die Betten in Augenschein zu nehmen. Im 120. Jahr des Bestehens der Jakobkirche werden nach Anmeldung öffentliche Kirchenführungen mit Turmbesichtigung angeboten.

Kontakt: Tel. 03371/678153, E-Mail: julia.daser@kkzf.de

Von Elinor Wenke

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