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Teltow-Fläming Folge 35: Fitness mit Mohammed
Lokales Teltow-Fläming Folge 35: Fitness mit Mohammed
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17:15 30.10.2018
Erst das Training, dann die Kinder: Mohammed und Tochter Meis. Quelle: Foto: Oliver Fischer
Ludwigsfelde

Es ist weit nach sieben, als der Schlüssel an der Wohnungstür klappert und Mohammed Yassin nach Hause kommt. Er ruft ein kurzes Hallo in die Runde, legt Bananen und Apfel auf den Küchentisch, die er gerade bei Kaufland erworben hat, und stellt seine Sporttasche in den Flur. Dann lässt er sich in den Stuhl fallen. Der Tag war sichtlich anstrengend, aber Mohammed schaut zufrieden. „Training“, sagt er, nickt zur Bekräftigung und deutet eine Bizeps-Übung an. Er hat mit Hanteln gearbeitet. „20 Kilo!“, sagt er. Mit jeder Hand wohlgemerkt.

Seine Frau Rabiha verdreht die Augen und schüttelt den Kopf. „Jeden Tag Sport“, sagt sie. „Und ich bleibe mit den Kindern und dem Essen alleine.“ Aber was soll sie dagegen sagen? Irgendetwas muss er ja machen.

Mohammed war ganz sicher nie der Typ Mann, der in einen Wrestling-Ring, in eine Bodybuilding-Arena oder auf ein Football-Feld gepasst hätte. Er ist eher schlanker Natur, ein drahtiger Kerl, der natürlich körperlich arbeiten kann. Aber zum Schmerbauch oder zum übertriebenen Muskelansatz neigt er nicht.

Früher, in Syrien, ging er hin und wieder ins Fitness-Studio, aber damals fehlte es ihm vor allem an der Zeit. Er war schlicht zu viel auf See. Und auf dem Schiff sei Sport auch keine Option gewesen, sagt er. Die Schiffe waren zwar vergleichsweise groß – die meisten hatten etwa 3000 Bruttoregistertonnen – aber die Unterhaltungsmöglichkeiten an Bord waren trotzdem begrenzt, Fitnessräume jedenfalls gab es keine. Mohammed hielt sich auf See mit der Arbeit in den Maschinenräumen fit.

In den vergangenen Monaten aber hatte er keine Arbeit und schon gar keine Maschinenräume. Er hatte nur Sorgen, was dazu führte, dass er heute nicht mehr nur schlank ist. Er ist ein Strich in der Landschaft.

Das liegt ganz sicher nicht am Essen seiner Frau Rabiha, die für die Familie stets opulent auftischt. Mohammed hält sie für die beste Köchin der Welt. Er litt nur einfach in den vergangenen Monaten an Appetitlosigkeit, er hatte keine große Lust zu essen. Es gibt Menschen, die auf Angst, auf Probleme oder Seelenpein mit dem Gang zum Kühlschrank reagieren, die sich das Leben schönfuttern und dabei dann gelegentlich auch aus dem Leim gehen. Andererseits gibt es jene, die vor lauter Kummer die Nahrungsaufnahme einstellen. Mohammed gehört eher zur letzten Sorte. Und als die Familie ein offizielles Schreiben nach dem anderen erhielt, als es Absagen hagelte, Abschiebungsandrohungen, als sie sich einen Anwalt suchen mussten, da konnte seine Frau ihm beim Abnehmen regelrecht zusehen.

Zuletzt aber ging es ja aufwärts, vor allem für Mohammed. Seit einigen Wochen macht er seine Weiterbildung zum Schweißer. Eine gute Sache, sagt er, auch wenn er kaum das Gefühl hat, dass er dabei viel lernt. „Ich kann das alles, ich habe das jahrelang auf den Schiffen gemacht“, sagt er.

Trotzdem: Er ist draußen, er knüpft Kontakte, seine Tage haben eine neue Struktur bekommen. Und um den Schwung zu nutzen, hat er sich deshalb gleich in einem Fitnessstudio angemeldet. Seine Hoffnung – und die seiner Frau: Wer trainiert, bekommt Muskeln, und wer Muskeln bekommt, legt auch an Gewicht zu.

Seit zwei Wochen geht Mohammed täglich ins Fitnessstudio. Er läuft fünf Minuten auf dem Laufband, geht dann an die Hantelbänke und trainiert Arme und Beine. Zwei Kilo habe er innerhalb von zehn Tagen zugelegt, sagt Rabiha. Mohammed verbessert sie. Es waren zwei Kilo und 600 Gramm. Und jetzt, nach dem Training, hat er Hunger. Bärenhunger, um genau zu sein.

Info: Die Familie Yassin ist vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen und lebt jetzt in Ludwigsfelde. Die MAZ berichtet wöchentlich über ihr Leben in Deutschland. Alle Folgen: www.maz-online.de/ Brandenburg/Eine-syrische-Familie-hofft-auf-einen-Neustart

Von Oliver Fischer

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