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Fläming-Radar im Nato-Einsatz

Holzdorf / Lielvarde Fläming-Radar im Nato-Einsatz

Bundeswehrsoldaten vom Fliegerhorst Schönewalde/Holzdorf sind noch bis Ende September für die Nato in Lettland stationiert. Sie kontrollieren dort den Luftraum und schulen Soldaten des Nato-Partners Lettland, der Angst vor einer russischen Provokation hat.

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Nur 400 Meter von der Grenze entfernt brachten die Bundeswehrsoldaten bei Cistigi ihr verlegefähiges Radar in Stellung.

Quelle: Sven Gückel

Lielvarde/Holzdorf. Nur langsam lichtet sich in Cistigi der morgendliche Nebel. Das kleine lettische Dorf liegt wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernt und hat seinen Einwohnern kaum Abwechslung zu bieten. Wer hier lebt, spürt die Ruhe der Natur, die ihn umgibt. Lettlands Osten wird bestimmt von den drei großen W - Wald, Wiesen, Wasser.

Ausgerechnet hier, inmitten grüner Wildnis, sind noch bis Ende September deutsche Soldaten des Einsatzführungsbereiches 3 vom Bundeswehrstandort Holzdorf stationiert. Gemeinsam mit anderen Nato-Partnern nimmt die Bundeswehr an der Übung Persistent Presence (Stete Präsenz) 2016 teil. Alle 28 Mitgliedsstaaten der Nato hatten sich 2014 in Wales auf den Readiness Action Plan geeinigt, der als sichtbares Zeichen des gegenseitigen Beistandes unter anderem eine erhöhte Präsenz der Nato an ihrer östlichen Flanke beinhaltet.

Von dieser Containerstadt aus überwachen die Deutschen den  Luftraum

Von dieser Containerstadt aus überwachen die Deutschen den Luftraum

Quelle: Sven Gückel

Während die Menschen von Cistigi gemächlich in den Tag finden, herrscht unweit des Dorfes schon reger Betrieb. Nahe der Grenze zum russischen Riesenreich, die Schilder mit dem Hinweis „Borderarea“ deutlich vor Augen, hat die Luftwaffe ein verlegefähiges Radar vom Typ RAT 31 errichtet. Pausenlos sendet es seinen Leitstrahl in alle Himmelsrichtungen, gewährt Einblicke von bis zu 350 Kilometer Reichweite.

Kriegstreiberei, Säbelrasseln und Provokation eines schlafenden Riesen wirft man den Deutschen und ihren Verbündeten deshalb vor. Dass die Russen sich so nah vor ihrer Haustür beobachtet fühlen, ist nachvollziehbar. Doch den Auftrag dazu, genau hier zu stehen, erhielt die Nato von ihren Bündnispartnern aus Lettland, Litauen und Estland. Die fühlen sich seit dem Einmarsch der Russen auf der Krim in allen Ängsten bestätigt, fürchten, der einstige Okkupant ihres Territoriums könnte auch diesen Landstrich wieder in Beschlag nehmen wollen.

Im Inneren der Container herrscht aufmerksame Betriebsamkeit

Im Inneren der Container herrscht aufmerksame Betriebsamkeit.

Quelle: Sven Gückel

Entgegenzusetzen haben die Balten dem nicht viel. Sie verfügen weder über eine umfangreiche Luftwaffe, noch stehen ein schlagkräftiges Heer oder eine Marine bereit, die Länder im Falle eines Angriffs zu verteidigen. Lettlands Luftwaffe zählt gerade einmal 270 Soldaten. Vier Hubschrauber des Typs Mi-17, modern ausgestattet zwar und als Such- und Rettungshubschrauber (SAR) im Einsatz, sind der ganze Stolz der Truppe.

Zudem, sagt Oberstleutnant Viesturs Masulis, wolle man eine alte AN-2 wieder flott machen, um sie als Truppentransporter und Verbindungsflugzeug einzusetzen. Als Leiter der Luftraumüberwachung auf der lettischen Air Base Vilvarde, der einzigen des Landes, gilt Masulis Augenmerk jedoch vielmehr dem neu aufgebauten verlegefähigen Gefechtsstand zur Luftraumüberwachung – dem Deployable Control and Reporting Center (DCRC) des Einsatzführungsbereiches 3 aus Holzdorf. Nur sieben Nationen verfügen über solch eine verlegefähige Variante der Luftraumüberwachung, wie die Bundeswehr sie seit zehn Jahren besitzt.

Internationale Übungen gehören zum Alltag

Die Teilnahme an internationalen Übungen ist für die hier diensttuenden Soldaten längst Normalität. Die Verlegung nach Lettland stellt alles bisherigen aber in den Schatten. „Um an diesem Platz aktiv zu werden, blieben uns nur wenige Monate Zeit für die Vorbereitung. Immerhin galt es, 407 Tonnen Material von Holzdorf nach Lielvarde zu verfrachten, über Schiene, Straße und auf dem Seeweg“, erläutert der Kommandeur der Einheit, Oberst Mario Herzer. Eine für die Bundeswehr unbekannte Infrastruktur, technisch andere Voraussetzungen, aber auch die politische Dimension der Thematik fordern den Deutschen einiges ab. „Das Bündnis möchte so schnell als möglich auf sicherheitspolitische Herausforderungen und Veränderungen reagieren können. Dem haben wir Rechnung getragen“, fügt Herzer an.

Unterstützung für baltische Partner

Die Sicherheit des Luftraumes ist ein Souverän jedes Staates. Mangels Technik und ausreichend Personal können die Balten dem nur eingeschränkt nachkommen. Diese Lücke soll, zumindest noch bis Ende September, die deutsche Luftwaffe schließen. Gleichwohl die Deutschen dabei nur in der zweiten Reihe stehen. „Die Verantwortung liegt nach wie vor bei den Letten. Wir unterstützen sie, helfen ihnen, bilden soweit wie möglich auch ihr Personal aus“, unterstreicht Generalleutnant Joachim Wundrak. Der Kommandeur des Zentrums für Luftoperationen der Bundeswehr besuchte wie wenige Tage später auch der Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Karl Müllner, die Truppe vor Ort. „Landes- und Bündnisverteidigung war lange Zeit kein Thema für die Bundeswehr. Was wir jetzt hier tun, ist, dort zu helfen, wo den Balten Fähigkeiten fehlen. Bevor sie 2004 der Nato beitraten, waren russische Luftraumverletzungen Normalität. Das ist jetzt vorbei“, argumentiert der Drei-Sterne-General.

110 deutsche Soldaten im Kontingent

Bis zu 110 Männer und Frauen zählt das deutsche Kontingent vor Ort. Ihre Aufgabe ist es, so wie sie es auch in Deutschland tun, den Luftraum zu überwachen, alle Flugbewegungen zu erfassen und dieses Luftlagebild an die übergeordnete Nato-Gefechtsstände weiterzuleiten. Um dem gerecht zu werden, wurden an drei Standorten im Land Richtfunk- und Satellitenantennen montiert, unzählige Kilometer Kabel verlegt.

Erst diese Kompaktheit ermöglicht den Deutschen den Zugriff auf ein Netzwerk von Radargeräten und Flugfunkstationen, das vernetzte Operationsführungen zulässt. Die daraus gewonnenen Informationen laufen an Bildschirmen auf und werden von den Luftlageoffizieren und -Unteroffizieren ausgewertet. Den Jägerleitoffizieren und ihren Assistenten im Unteroffizier-Rang obliegt es schließlich, Piloten von Kampfjets mittels Sprech- und Datenfunk an mögliche Ziele zu führen.

Sollten die Deutschen im Verlaufe der Übung tatsächlich Unregelmäßigkeiten im lettischen Luftraum feststellen, melden sie diese dem Control and Reporting Center im litauischen Karmelava. Die Litauer sind im Baltikum gegenwärtig als einzige mit derartiger Technik ausgerüstet, wenngleich nicht auf dem Niveau der Deutschen. „Sollte die Alarmrotte, die ebenfalls von der Nato gestellt wird, ausrücken müssen, entscheiden der in Deutschland stationierte Nato-Gefechtsstand in Uedem und das CRC in Litauen darüber, nicht wir“, hebt Mario Herzer noch einmal hervor.

Dünn besiedelt

Lettland ist Teil des Baltikums und weist eine Größe von 64 500 Quadratkilometer auf.

Das Land zählt zwei Millionen Einwohner, was einer Bevölkerungsdichte von 31 Menschen pro Quadratkilometer entspricht.

Seit 2004 gehört das Land der EU und der Nato an. Lettland war von 1945 bis 1990 sowjetisch besetzt.

Russisch geprägte Küche, das Schlafen in von ratternden Aggregaten umgebenen Containern sowie ein wenig Freizeitabwechslung am Kickertisch bestimmen nach Dienst den Alltag der deutschen Soldaten. Hin und wieder organisieren sie sich auch einen Kurztrip nach Riga, der einzigen Millionenmetropole des Landes. Die Letten selbst stehen den Soldaten, die nach Dienstschluss Zivilkleidung tragen, überwiegend positiv gegenüber. Das gilt auch für jene, die bei Cistigi mit der Radarstation RAT 31 einen außergewöhnlichen Nachbarn bei sich wissen. Anfang Oktober wird an diesem Ort der lettischen Grenze aber wieder Ruhe einkehren. Zumindest solange, bis die Letten hier selbst Posten beziehen. Denn auch das ist Teil der Mission der Deutschen. Testen, was möglich ist, um den Balten Wege zu mehr militärischer Selbstständigkeit aufzuzeigen. Und das wollen sie in den nächsten Jahren mit dem Kauf eigener verlegefähiger Radargeräte angehen.

Von Sven Gückel

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