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Teltow-Fläming Folge 1: Syrische Familie hofft auf einen Neuanfang
Lokales Teltow-Fläming Folge 1: Syrische Familie hofft auf einen Neuanfang
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19:14 30.10.2018
Die Flüchtlingsfamilie Yassin aus Syrien lebt in einem Übergangswohnheim in Ludwigsfelde. Mohammed (41), Rabiha (40), Sohn Rabi (12), Töchter Hala (9) und Mais (zehn Monate) Quelle: Oliver Fischer
Ludwigsfelde

Zwei Stunden lang kauerte Rabiha Yassin auf dem Boden des überfüllten Schlauchbootes und betete inständig zu Allah – dafür, dass er ihrer Familie eine Chance gibt, eine neue Zukunft. Zwei Stunden lang kniete sie eingepfercht zwischen zig Flüchtlingen und konnte nur beten, dass alles gut werden wird. Rabiha Yassin wusste, dass diese Flucht über das Meer für sie und ihre Familie gefährlich ist. Aber die 40 Jahre alte Syrerin wusste auch, dass es die einzige Möglichkeit für ihre drei Kinder sein würde, ein würdevolles Leben zu führen.

Ein Leben ohne Bestechung und Ungerechtigkeit, in dem die Kinder zur Schule gehen und studieren können – und zwar weil sie schlau sind, nicht weil sie Geld dafür bezahlen. Ein Leben, in dem sie alle keine Angst mehr haben müssen vor Krieg, Verfolgung oder Diskriminierung. Das wäre in Syrien nicht möglich gewesen, wo täglich Bomben fallen und auch in der Türkei nicht, wo sie mehr als drei Jahre als Flüchtlinge lebten.

Fünf Monate nach der Überfahrt, es ist ein Dienstagabend, sitzen Rabiha und Mohamed (41) Yassin auf dem Bett ihres kleinen Zimmers im Ludwigsfelder Asylbewerberheim am Birkengrund und erzählen zum ersten Mal ihre Geschichte. Sie werden noch öfter erzählen, denn die MAZ wird Familie Yassin in den kommenden Wochen und Monaten auf ihrem Weg in den deutschen Alltag begleiten. Die MAZ-Reporter werden regelmäßig darüber berichten, was die Yassins in Ludwigsfelde erleben, was sie über ihr neues Heimatland denken, was sie sich wünschen und wie ihnen die Integration gelingt.

Der Raum, in dem sie derzeit untergebracht sind, ist keine 20 Quadratmeter groß und karg eingerichtet. Es gibt ein Etagenbett für die Kinder, ein Ehebett für die Eltern, ein Gitterbett für das Baby und ein paar Schränke. Stühle müssen geholt werden, für sie ist normalerweise kein Platz. „Es ist ein kleiner Raum, aber wir sind sehr froh, jetzt an diesem sicheren Ort zu sein“, sagt Rabiha Yassin.

Sie ergreift im Gespräch oft die Initiative. Die Frau mit dem Kopftuch und dem freundlichen, offenen Lachen spricht besser Englisch als ihr Mann. Beim Erzählen schaukelt sie die zehn Monate alte Mais auf ihrem Schoß, die zuweilen hustet. Zwischendurch bietet Rabiha Yassin Tee, Kaffee und Kekse an. Ihr Ehemann Mohamed sitzt neben ihr. Er sieht hager aus, die Strapazen der vergangenen Monate haben ihn mitgenommen. Sohn Rabi (12) und Tochter Hala (9) sitzen still und hören zu.

Die Yassins leben seit gerade erst einer Woche in Ludwigsfelde. Die Stadt könnte der Ort sein, an dem für sie eine neue Zukunft beginnt. Sie wollen möglichst schnell Deutsch lernen, sagt Rabiha, eine Schule für die beiden Großen finden, Medikamente für das kranke Baby, Arbeit für die Eltern – und irgendwann, möglichst bald, eine eigene Wohnung.

Bis dahin wird es noch eine Weile dauern. Die Familie hat noch keinen Aufenthaltstitel, erst damit können Flüchtlinge regulär Deutschkurse und Integrationskurse besuchen – ohne Deutsch würde es schwierig mit der Integration. „Die Sprache ist der Schlüssel zu allem“, sagt Rabiha Yassin.

Ursprünglich stammen die Yassins aus Latakia, einer großen syrischen Hafenstadt am Mittelmeer. Rabiha Yassin hat dort Jura studiert, sich später, als sie keinen Job fand, zur Krankenschwester weitergebildet. Mohamed Yassin arbeitete als Schiffsmechaniker. Er war viel auf See, bereiste die Weltmeere. Nur in Deutschland sei er nie gewesen, sagt er.

Aber dann brach der Bürgerkrieg in Syrien aus und Mohamed Yassin wurde zum Militärdienst einberufen. Er sollte Soldat werden, für Präsident Assad kämpfen, dessen Politik er nicht unterstützte. Er sollte auf das eigene Volk schießen. Das kam für ihn nicht in Frage. Doch Alternativen gab es nicht. Wer sich weigert, landet im Gefängnis, sagt Rabiha Yassin. Im schlimmsten Fall droht die Todesstrafe.

Am 20. Juni 2012 stiegen die Yassins in einen Bus in Richtung Türkei. Sie hatten nur ein paar Kleidungsstücke dabei, etwas Geld. Auto, Haus, Verwandte, Freunde, ihr ganzes altes Leben ließen sie zurück.

Aber auch in der Türkei hätten sie keine Zukunft gehabt, sagt Rabiha Yassin. Dreieinhalb Jahre versuchten sie Fuß zu fassen. Die Mutter arbeitete erst für eine Hilfsorganisation, später in einem Gesundheitszentrum. Der Vater fand einen Job als Fliesenleger. Auch die kleine Mais kam in der Türkei zur Welt. Aber das Leben als Syrer sei dort schwer gewesen. Sie seien diskriminiert worden, benachteiligt, ihre Kinder hätten keine Chance auf einen Studienplatz gehabt, erzählt Rabiha Yassin. In Europa sei das anders, hatten sie gehört. Besonders die Deutschen seien gut zu Syrern. Deshalb bestiegen sie im September 2015 ein – viel zu kleines – Schlauchboot zur griechischen Insel Lesbos.

Ihre Reise nach Deutschland dauerte zwei Wochen. In Mytilini auf Lesbos verbrachten sie einige Nächte im Freien, es habe viel geregnet, erzählt Rabiha Yassin. An der Grenze zu Mazedonien verbrachten sie mehrere Tage gemeinsam mit 7000 anderen Flüchtlingen. Sie schliefen in einem riesigen Zelt, das nach Chemie und Plastik stank. Dann ging es weiter mit Bussen über Serbien nach Ungarn, von dort nach Österreich und schließlich nach Deutschland, wo die Familie am 14. September in Bonn aus einem Zug stieg.

Nach zwei Tagen fanden sie sich in einer Unterkunft in Dortmund wieder. Drei Monate blieben sie dort, es waren drei verschenkte Monate. Sie bekamen keinen Termin bei der Erstaufnahme, wurden nicht einmal registriert. „Wir waren ja geduldig, aber es passierte einfach nichts“, sagt Rabiha Yassin. Deshalb machte sich die Familie schließlich auf den Weg nach Osten, wo alles schneller gehen sollte. Einen knappen Monat verbrachten sie in Eisenhüttenstadt. Von dort aus schickte man sie schließlich nach Ludwigsfelde.

Eigentlich sollten sie dort in einem der Wohncontainer unterkommen. Doch die kleine Mais ist krank. Sie hustet chronisch. Der Staub auf den Straßen unterwegs, sagt Rabiha Yassin. Der Plastikgeruch der Zelte und das Warten in der Kälte – das alles sei nicht gut für sie gewesen. Andere Syrer setzten sich deshalb für sie ein, die Yassins bekamen ein eigenes Zimmer.

„Soweit hat es für uns hier gut angefangen“, sagt Mohamed Yassin. Die fünf sind inzwischen ein paar Mal durch Ludwigsfelde gelaufen, sie haben im Supermarkt eingekauft und sind zum Kinderarzt gegangen. Sie hoffen, dass sie bald ein gutes Medikament für ihre Tochter bekommen. „Die deutschen Ärzte sind gut ausgebildet, sie wissen, was sie tun“, sagt Rabiha Yassin zuversichtlich.

Ihr größter Wunsch ist nun, dass Rabi und Hala so schnell wie möglich in die Schule kommen. „Die Kinder sagen mir jeden Morgen, dass sie in die Schule wollen – sie langweilen sich“, erzählt sie.

Von Anja Meyer

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